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Was sich der "Fischer'sche Kunst-Keller" erzählte

Full text: Berlin wie es lacht und lachte / Reich, Adolph (Public Domain)

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Geld in der Tasche gehabt hatte, beschloß nun in der Freude 
seines Herzens sich „einen vergnügten Tag“ zu machen, und 
führte am andern Tage, es war gerade Sonntag, seine Gattin 
nach Tivolhi. Das Ehepaar verlebte einen sehr angenehmen 
Nachmittag, regalirte sich an Kaffee und Kuchen, trank Bier, 
fuhr auf der Rutschbahn, lauschte auf das Concert, erfreute sich 
am Feuerwerk, und kehrte spät Abends seelenvergnügt in seine 
Wohnung heim. „Was ist denn das?“ rief der Alte voller 
Erstaunen, als er eine Prise nehmen wollte, und anstatt seiner 
Horndose eine schwere silberne Tabatière aus der Westen— 
tasche zog. „Was ist denn das?“ rief er „Mutter, wie komme 
ich zu diesem Prachtstück?“ Doch, noch bevor die Ehehälfte 
antworten konnte, hatte er mechanisch in die zweite Westentasche 
gegriffen, und mit sprachlosem Erstaunen zog er aus derselben, 
neben seiner Tabacksdose eine kostbare goldene Uhr und einen 
silbernen Zahnstocher heraus. Beide Ehegatten starrten sich mit 
offenem Munde an, und fragten sich mit Blicken, ob sie be— 
trunken wären oder träumten? Doch nein, da lagen die kost— 
baren Gegenstände wirklich und wahr vor ihnen, wirkliche, 
greifbare, silberne und goldene Wirklichkeit. Und als nun der 
Alte, welchem es siedend heiß wurde, hastig den Rock aus— 
zog, und aus den Taschen desselben, bei der üblichen Entleerung, 
drei prachtvolle seidene Taschentücher und eine schwere Geldbörse 
zog, da war es um den letzten Rest der Fassung der beiden Ehe— 
gatten geschehen. Freude und zugleich Entsetzen hatten die Alten 
oollständig perplex gemacht. Natürlich vermochten sie in selbiger 
Nacht kein Auge zu schließen. Sie schwatzten hin und her, 
malträtirten ihre armen Gehirne bis zum Bersten, und ver— 
mochten dennoch nicht die leiseste Vermuthung zu erfassen, wie diese 
Schätze in ihren Besitz gekommen wären. Endlich tagte der 
Morgen, und der eheliche Kriegsrath beschloß, die Kostbarkeiten 
zunächst hinter. Schloß zu bewahren und über das ganze wunder— 
bare Ereigniß tiefstes Stillschweigen zu beobachten. So ver—
	        
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