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Ein Stündchen im Redaktions-Zimmer

Full text: Berlin wie es lacht und lachte / Reich, Adolph (Public Domain)

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Da wurde es finster vor meinen Blicken; meine Zähne 
klapperten, und mein Blut trat zu meinem Herzen zurück. Schon 
sah ich mich in Ketten nund Banden in einem tiefen unterirdischen 
Verließe, wohin kein Sonnenstrahl dringt, und verzweifelnd rief 
ich: „Gäuserich, Gänserich, wo bist du?“ 
„Hier bin ich,“ sprach Gänserich, durch die Thüre tretend, 
begleitet von einem Redaktionskollegen und gefolgt von sämmt— 
lichen Klienten, denen ich Audienz ertheilt hatte. 
„Hier bin ich,“ sprach er zu mir gewendet „und ich danke 
Ihnen für die geistreiche und liebenswürdige Weise, mit welcher 
Sie mich vertreten haben. Freue mich übrigens, Ihnen zum 
Genusse einer angenehmen Stunde verholfen zu haben.“ 
„Der Teufel hole mich, wenn ich jemals wieder 
„Freilich, mein Freund, wer unter der Wetterfahne kämpft, 
hat manches Herzeleid, aber auch manche Anerkennung, manche 
Huldigung seitens seiner Mitbürger zu erwarten; “ 
„Zum Beispiel eine solche,“ erwiederte ich, Iihum den anonymen 
Drohbrief überreichend. 
Er warf einen flüchtigen Blick in den Zettel. „Sämmtliche 
Knochen?“ sprach er mit Galgenhumor, „die Auatomie lehrt uns, 
daß die Zahl derselben zweihundertzweiunddreißig betrage, 
und daß das Zerbrechen derselben ohne ärztliche Assistenz und ohne 
besonders konstruirte Vorrichtungen absolut undenkbar ist. Uebri— 
gens werden die Herren mich leider vergeblich bei dem bezeichneten 
Rendezvous erwarten, da ich für heute anderweitig versagt bin.“ 
Und er warf einen Blick auf den Beamten. 
„Plötzensee!“ rief ich, mit dem Gefühle des höchsten Grauens. 
„Ist auch eine von den Rosen,“ erwiederte er, „auf welchen, 
nach Ihrer Meinung, ein Redakteur ruht.“ 
Flüsternd richtete er dann eine Frage an den Beamten. 
Dieser zog eime korpulente altmodische silberne Uhr aus der 
Tasche, und erwiderte lakonisch: „Zehn Minuten!“
	        
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