Path:
Bei Mutter Gräbert!

Full text: Berlin wie es lacht und lachte / Reich, Adolph (Public Domain)

36 
Ich weiß nicht mehr, ob es in der „Ahnfrau“ oder im 
„Hamlet“ war, worin Schütz einen „Geist“ darzustellen hatte; 
ich weiß nur, daß ich den ganzen Tag hindurch in fieberhafter 
Aufregung war, mich mit der Frage abquälend: ob Schütz auch 
in dieser Rolle auf Kautschuk wandeln werde? Und wirklich, 
er trat in den Unvermeidlichen auf; man denke, ein Geist in 
Gummischuhen! Freilich erblickte NRiemand etwas Verwunder— 
liches darin; denn zunächst fand man es wohl sehr natürlich, 
daß ein so zartes ätherisches Wesen, wie ein Geist doch ohne 
Zweifel ist, seine Füße vor Nässe und Erkältung bewahre; 
ferner war man gewöhnt, Schütz eben so wenig ohne Gummi— 
schuhe wie ohne Beine auftreten zu sehen. — 
Ich wandelte also unter den Kastanien, und ließ im Geiste 
jene entzückenden Gräbert'schen Theaterabende an mir vorüber— 
ziehen, denen ich ein so fröhliches Herz und ein so empfäng— 
liches Gemüth entgegen brachte. Ich habe beim „Fest der 
Handwerker“ Thränen gelacht, und bei den Birchpfeiffer'schen 
Rührstücken Thränen geweint. Ich war, wie alle audern Ber— 
liner jener Zeit, ein Theatergänger comme il faut. Man gab 
sich ganz dem Bühnenwerke hin, und „lachte sich scheckig“ oder 
„heulte“, ohne erst die Erlaubniß der Rezensenten zu dem 
Einen oder den Andern abzuwarten. Ich fand es damals 
ganz und gar begreiflich, daß ein im Parquet sitzender Vieh— 
händler, dem Liebespaare auf der Bühne, welches wegen 
Mangel an Moneten sich nicht „kriegen“ konnte, seinen 
vollen Geldbeutel zuschleuderte mit dem Rufe: „Hier, Kinder, 
habt ihr Moos, und nu nehmt euch!“ und ich betrachtete es 
sogar als einen Triumpf der Kunst, daß eine Gruppe von 
Erdarbeitern, nach der Vorstellung der „Räuber“, dem Dar— 
steller des Franz Moor bei seinem Verlassen des Theaters 
auflauerte, und ihn „für seine Schandthaten“ brühwindelweich 
prügelte. 
Und soll ich nun einen jener Theaterabende schildern? Ich
	        
Top of page
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.