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Bei Mutter Gräbert!

Full text: Berlin wie es lacht und lachte / Reich, Adolph (Public Domain)

landes*) einen Musentempel erstehen ließ, als moralische und 
ästhetische Erziehungsstätte für die Eingeborenen jener Regionen. 
Es ist in Berlin seither Mode gewesen, die wackere Mutter 
Gräbert, diese unerschrockene Pionirin der Kultur, welche dem 
wüstesten und verrufendsten Stadttheile, nach Schiller's Worten 
„eine Schule der Bildung und Gesittung“ gründete, in frivoler 
Weise zu bespötteln, und ihren direktorialen Ruhm ausschließlich 
an ihre famosen Schinkenstullen zu knüpfen. Die Hand 
auf's Herz, ihr Spottvögel; und ihr Alle werdet eingestehen, 
daß wir in den meisten jetzigen Berliner Theatern viel schlechtere 
Schinkenbrode und viel schlechtere Komödien genießen, als 
ehemals bei Mutter Gräbert. 
Ich habe einmal gelesen, daß ein für die schöne Literatur 
seines schönen Vaterlandes schwärmender Käsehändler in Parma, 
seine weltberühmte Waare in Blätter aus Tasso's und Dante's 
Werken verpackte und versandte, um die herrlichen Schöpfungen 
dieser Poeten in aller Welt zu verbreiten. Welch' köstliches und 
kostbares Käsepapier! In ähnlicher Weise waren auch die 
Schinkenstullen der Mutter Gräbert nur Mittel für höhere, für 
artistische und ethische Zwecke. Die gute Frau hatte eine viel zu tiefe 
Kenntniß des menschlichen Herzens und des menschlichen Magens, um 
nicht die Wahrheit erfaßt zu haben, daß ein volles Herz und 
ein leerer Magen zwei unverträgliche Gesellen sind, und daß der 
Weg zum Herzen nicht nur „durch's Ohr“ sondern auch durch 
den Magen geht. Zudem huldigte sie dem jetzt freilich etwas 
veralteten Grundsatze, daß Leute, welche arbeiten, auch be— 
zahlt werden müssen, und zwar sofort, in der damaligen 
Bedeutung dieses Wortes. 
Eine verrufene Vorstadt, in welcher Armuth und Verbrechen 
hausten, und welche ihre volksthümliche Bezeichnung von den armen 
eingewanderten voigtländischen Webern erhielt, während ihre 
offizielle Bezeichuung „Rosenthaler Vorstadt“ niemals gehört 
wurde.
	        
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