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Zum 90. Geburtstag Kaiser Wilhelms I. Rede, gehalten im Verein für belehrende Unterhaltung am Vorabend des denkwürdigen Tages den 21. März 1887

Full text: Gedenkblätter aus Zehlendorf / Kunzendorf, Paul (Public Domain)

v ir stehen heut am Vorabend eines Tages, der in der 
deutschen Geschichte ewig als ein ruhmvoller und friedensreicher 
genannt werden wird, der in der Geschichte anderer Völker ohne 
Gleichen ist, und der voraussichtlich in der ganzen Weltgeschichte 
nicht wieder vorkommen wird, Vergebens sehen wir uns in der 
Vergangenheit nach einem ähnlichen Beispiel um, wo es einem 
durch Gottes Gnade auf den Thron seines Volkes erhobenen 
Fürsten beschieden ist, ein Lebensalter zu erreichen, das nur 
selten den Sterblichen vergönnt, dieses Alter zu erreichen nach 
einem Leben voll Mühe und Arbeit, voll Kampf und Sieg, voll 
Hoffen und Erlangen. Ja selbst die göttliche Verheissung be- 
trachtet ein Lebensalter, wie es morgen unserm Kaiser zu voll- 
enden vergönnt ist, als etwas Aussergewöhnliches. „Unser Leben 
währet 70 Jahre. und wenn es hoch kommt, so sind es 80 Jahre“ — 
also spricht der Psalmist, aber er sagt Nichts von einem 90 jährigen 
Leben; wohl aber fügt er hinzu: „und wenn es köstlich gewesen, 
dann ist es Mühe und Arbeit gewesen“. Wahrlich solch’ köst- 
liches Leben ist das unseres Kaisers. Wenn die Natur sich 
verjüngt, wenn der erste Frühlingsgruss erschallt auf der von 
Eis und Schnee befreiten Flur, dann pflegt Alldeutschland den 
(iehurtstag seines Kaisers zu feiern auch als einen sonnigen 
Frühlingstag. Und es ist eine ganz eigene Fügung, dass dieser 
Frühlinestag morgen zugleich auch ein echter Friedenstag 
yeworden ist. Verscheucht sind die drohenden Wolken, die 
noch vor Kurzem an des Vaterlandes Grenzen sichtbar wurden. 
Die Völker Europas athmen erleichtert auf, dass der Bann 
gebrochen, der auf ihnen lag. Die Vorboten des Friedens, sie 
vingen dem morgigen Friedenstage schon voran; des Dichters 
Wort hat sich bestätigt: 
Wie sich der Sonne Scheinbild in dem Dunstkreis 
Malt, eh’ sie kommt, so schreiten auch den grossen 
(eschicken ihre Geister schon voran, 
Und in dem Heute wandelt schon das Morgen. 
Ist es nicht eine wundersame Fügung, dass wenige Tage 
vor dem Geburtstag des Kaisers ein solcher Friedensbote von 
jenseits der Vogesen herüberkam, dass einer der grössten Männer 
der Nation. die wir den Erbfeind der Deutschen zu nennen
	        
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