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II. Von der Richtstätte Alt-Berlins

Full text: Aus Alt-Berlin / Schwebel, Oskar (Public Domain)

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Das Kulturbild aus dem alten Berlin, welches wir dem Leser nunmehr in fast wört— 
lichem Anschlusse an unsere Quelle vorführen werden, beginnt toll und übermüthig genug. 
Es gab auch in den Städten des 14. Jahrhunderts, — es gab damals auch zu Berlin 
schon Maler. Nicht, daß diese „Brüder in Apelles“ etwas Außerordentliches vermocht hätten, 
aber sie genügten eben den Bedürfnissen; — sie verstanden es, ein Wappen auf einen 
Todtenschild oder ein Heiligenbild auf eine Grabestafel, auf eine Kirchhofsmauer aufzumalen. 
Natürlich strichen sie auch Stuben und Kemenaten; feierliche Gelegenheiten, Hochzeiten, Schützen— 
feste und dergleichen mögen ihnen ferner manchen Dickgroschen, manchen Goldaulden einge— 
bracht haben. 
Im Allgemeinen mögen diese alten Künstler stille, seßßgafte Leute gewesen sein. Es 
kommen Einem unter dem norddeutschen Himmel ja so leicht keine extravagauten Gedanken! 
Dennoch vernehmen wir um's Jahr 1380 von einem bösen Buben, und wiederum gestaltet 
sich der Prozeß, welcher Erhard dem Maler gemacht wurde, zu einem Altberliner Sitten— 
bilde von eigenthümlicher Farbenfrische, wie vergilbt auch das Per— 
gamentblatt, — wie verloschen auch die Schrift sein mag, von welcher 
wir die nachstehenden Thatsachen ablesen. 
Es scheint, als ob Erhard dem Maler niemals aus treuem 
Munde die Warnung entgegen gerufen worden sei, welche man gewiß 
schon in dem alten Berlin in einen Vers gebracht hatte. — als ob 
er nie das mahnende Wort vernommen hätte: 
„Erhard, Erhard, denk' daran, 
Was aus dir noch werden kann!“ giegel des Richters 
Denn der kunstfertige Erhard ward ein arger Malerjunge und Thilo von Brügge 
ein schlimmer Geselle. Das Stadtbuch klagt uns diese Thatsache mit zu Berlin. 
den Worten: 
„Erhard trieb mancherlei Gewalt und Selbstrecht in der Stadt und fürchtete deswegen 
weder den Rath, noch das Gericht, noch irgend Jemand. Er schlug und warf mit Steinen 
Haus den Maler, seinen Meister, daß der zu Tode krank darnieder lag, und achtete die ge— 
richtliche Klage darum nicht, obwohl er seinem Meister auf dem Hofe offene Wunden bei— 
gebracht hatte. Und das that er oft, so daß es vielen Aufstand aab mit seinem Meister, und 
das verdroß die Rathmannen sehr.“ — 
„Ja, — aber warum schritten sie nicht ein?“ So wird sich Jeder fragen. „Solch' eine 
Range von Geselle wird doch noch zu züchtigen und zu zähmen gewesen sein!“ 
Das meinen wir auch! — Allein es wurde versäumt. Denn zu seinem Unglücke hatte Erhard 
der Maler einen reichen und sehr angesehenen Oheim. Das war der Mühlenmeister vom Mühlen— 
damme. Ein Berliner Mühlenmeister aber hatte damals etwas zu bedeuten. Der konnte 
sich dreist neben einen Münzmeister stellen, wie Herr Thilo von Brügge, der Vogt von 
Spandau, einer war. Wir finden unter den Märkischen Mühlenmeistern mehrere, denen das 
Prädikat „Herr“ gegeben wird, welche also den Rittern und den Geistlichen gleichgestellt werden. 
Der Oheim (vedder) des Gesellen Erhard nun hatte die sehr große Schwäche, daß er dem 
Neffen zu viel Geld gab, und das sollte übel enden. Dem jugendlichen Künstler von 1380 
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