Path:
XIII. In den Burgleyen der Steinbrecher

Full text: Aus Alt-Berlin / Schwebel, Oskar (Public Domain)

58 288 
Kaspar Theiß scheint sich indessen nur sieben Jahre dieses stattlichen Heims erfreut zu 
haben, von welchem er zu seiner Freude den freien Ausblick auf sein schönes Werk dort am 
andern Ufer der Spree zu genießen vermochte. Im Jahre 1551 nämlich muß der wackere 
Baumeister bereits verstorben gewesen sein. Wir wissen, daß Kaspar Theiß am dritten Pfeiler 
der nördlichen Säulenreihe von St. Nikolai bestattet gewesen ist. Noch der Rektor Küster sah dort 
die jetzt verschwundene lateinische Grabschrift des Künstlers und hat uns deren Wortlaut auf— 
bewahrt. „In hohem Ruhme“, lautet die deutsche Uebertragung der stolzen Hexameter, „strahlt 
der allbekannte Name des wackern Kaspar Theiß. Er war ein ausgezeichneter Baumeister und 
hat das herrliche Schloß errichtet, welches der weise Markgraf Joachim jetzt bewohnt. An 
diesem Gebäude erblickt man die Abbilder der Fürsten und ihrer Thaten. Vor allem Volk hat 
Theiß ferner das getreue Abbild der Gerechtigkeit dargestellt. Ehrliebe und Frömmigkeit waren 
seine Zier. Er hatte sich mit Margaretha Krause vermählt, welche an Tugend und Sittsam— 
keit eine zweite Lucretia war; die neidischen Parzen aber zerrissen diesen keuschen Liebesbund, 
indem sie schon frühzeitig den Lebensfaden des Künstlers zerschnitten.“ Allgemeine Lobpreisungen 
also nur und dazwischen die dürftigen Angaben, daß Kaspar Theiß das Schloß erbaut, die 
Statuen der Kurfürsten ausgemeißelt, vielleicht die Bildsäule einer „Justitia“ verfertigt und 
ein tüchtig Weib besessen habe. Wir entsinnen uns sodann noch eines jetzt gleichfalls ver— 
schwundenen Bildes des Heilandes in der heiligen Kreuzkapelle bei St. Nikolai, welches in 
gleicher Weise wie jene Verse dem Andenken unsres Baumeisters geweiht war. Alte Nach— 
richten sagen endlich, daß einst auch im kurfürstlichen Schlosse eine marmorne Büste des 
Meisters Kaspar Theiß vorhanden gewesen sei. Doch nun zu Theißen's Werk! 
Der Joachim'sche Schloßbau bestand aus einem Langhause mit dreizehn Fenstern Front, 
welches im rechten Winkel an den Lauf der Spree sich anlehnte. Die Architekturformen dieses 
Bauwerkes waren theils noch die spätgothischen, theils bereits die der obersächsischen Früh— 
renaissance. Die Stirnseite des Theißischen Schlosses gegenüber den Häusern „zwischen der 
angen Brücke und der breiten Straße“ zeigte drei lange Reihen Fenster, deren Wölbungen 
im „Eselsrücken“ oder im „Vorhängebogen“ oben abgeschlossen waren. In der Mitte der 
Façade befand sich ein altanartiger Vorbau, zwei Portale neben einander, und darüber ein 
dreifach abgetheilter Erker. An den beiden Enden des Langhauses waren runde „Chörlein“ 
angebracht; auf reichgeschmückten Konsolen hervortretend, erhoben sie sich drei Stockwerke hoch, 
enthielten sodann noch eine offene, von Säulen getragene Laube und schlossen endlich in einem 
Thurmhelme mit hoher Spitze ab, auf welchem der brandenburgische Kurhut prangte. Diese 
bdeiden Thürme überragten das sehr steile Dach der Langseite, welches mit einem Systeme 
don großen und kleinen Giebeln, sowie mit schöngezierten Schornsteinen verkleidet war, nur 
um wenige Fuß. Ein reicher Schmuck von bunten Wappenschildern, von ornamentalen und 
selbst scenischen Malereien, sowie von trefflichen Sandsteinbildnereien zog sich filigranartig über 
den ganzen Bau hin. Hoch oben endlich, auf den Giebeln des Daches, thronten bannerhal—⸗ 
tende Rittergestalten. 
Auf der „Wasserseite“ schloß sich damals an diesen Hauptbau nur ein schmaler Ostflügel 
an und an ihn wiederum die noch heute wohlerhaltene St. Erasmuskapelle. Markgraf Frie— 
drich der Eiserne hatte diesen Heiligen mit besonderer Inbrunst verehrt. Die genannte Ka— 
pelle bildet einen überwölbten Raum in spätgothischer Architektur; ihre Vorhalle wird von zwei 
runden Säulen getragen; dann folgt ein Langhaus mit sich gegenseitig durchschneidenden
	        
Top of page
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.