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I. Am alten Markte von Berlin

Full text: Aus Alt-Berlin / Schwebel, Oskar (Public Domain)

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der vier Evangelisten, auf einem Regenbogen thront. Von seinen Lippen gehen ein Schwert 
und eine Lilie, die Symbole von Fluch und Segen, aus. In dem zweiten Bilde erblicken wir 
St. Maria, die Fürbitterin; — sie sitzt auf einem schwellenden Pfühle und reicht dem kraus— 
haarigen Jesusknaben entweder eine Frucht oder — die Brust. Es ging uns, als wir das 
alte Bild zum ersten Male erblickten, eine liebliche Erinnerung an die holden Verse Otfrieds 
hvon Kron-Weißenburg, des ältesten, uns dem Namen nach bekannten Dichters der deutschen 
Nation, durch den Sinn: 
„O Seligkeit der Mutterbrust, 
Die Jesus selber hat geküßt!“ 
Auch an der Schwelle zur Geschichte der Berliner Kunst thront demnach die Verherrlichung 
der Mutterliebe. — 
Wir haben das „Stadtbuch“ und die Veranlassung zu seiner Entstehung, den großen 
Brand von 1380, hier jedoch besonders darum erwähnt, weil diese erste aller Geschichtsquellen 
der Stadt Berlin es uns deutlich zeigt, wie der heutige Molkenmarkt um's Jahr 1390 be— 
chaffen war. 
Es heißt nämlich im Stadtbuche: 
. p demé vischmarkt synt teyn buden und twe kleynen. Dy irste negest dem 
cerkhove dy geft 6 schilling pemige ane dry scherf budentyns. Dy an der ort (Ecke) 
sclrillinge und dry pennigée u. s. W. . . . Ses buden xtan kegen den likhuste an den 
cerkhove . . . IDy irsté stet vaste by den born . . . dy ander bi dem bilde . . . Vir- 
eyn buden xtan up deme kerkhove . . UUmmé den ort dat drydde kleine huseken geft 
les vierteéljares sestexn pennige. Item up deme olden markté sint vir wonunge, di 
ch vierdel tyns geven. Di krouwelsthove geft 30 xchillinge pennige und die ort 
nusche kegen die xthove over bi den born geft ten xchillinge pennige. . Ses buden 
tan hinder Sunte Xrycolans chore. Hynder Sunte Nicols schole den kran umme stan 
örentéyn wonunge u. 5. w.“ Beim Martinszinse wird sodann erwähnt: 
.Dy ort kegen den Ruland geft teyn schilling pennige mertentyns, dat seste lus 
larbi gett nicht der stacdt, sundeérn it geft tu Sant Marien Magdalenen altare in der 
kerken Sunte Xxcolai. Up deéme mulkenmarkt sint vif wonunge; dy geven och Mertens- 
iyxnx. Alardes vir buden geven 11 schillinge und vif pennige.“ — Der Bürger Alhard 
ist also der erste urkundlich bezeugte Anwohner des Molkenmarktes. — „Dat kleine huseken 
larbi drei schilling pennige und eyn steyn lichte,“ — wohl für die nahe Kirche. Bei dem 
Wörthenzinse hat der damalige Stadtschreiber endlich aufgezeichnet: 
„In déme krank sint sörßenteyn wonunge, di wortyns geven . .. Dy ort an den 
hokenbuden (Hökerbuden) 1 penningh. Up deme olden markte dat negste orthus by 
en Ruland het hinder twölvy ruden; dat hus met men vor di buden, — up di syde 
nicht. Dy twe orthuse an der 8tralosche strate, dat up di luchter (linke) Hand het 
srinder twe ruden; di ander ort von den dorewech eyn penningh. By der stovestede 
üry ruden. Vp deme olden markte dat negste orthus (Eckhaus) by den Ruland het 
hindér twelf ruden. Dy twe orthuse vor di lapstrate. . dy neégeste ort vor den 
Rulandé wart, het hindeér ten ruden, u. x. w. dy ander ort vef ruden. Kerstien Dane— 
wvit, doörwech éine uinde“*
	        
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