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X. Das "Graue Kloster"

Full text: Aus Alt-Berlin / Schwebel, Oskar (Public Domain)

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Die Worte an der zweiten Säule des nebenan liegenden Saales sind wohl also zu lesen: 
Dben: „Anno domini MCCCCXXI fundata est domus ista in fundamentis suis.“ 
„Im Jahre des Herrn 1471 ist dies Haus in seinen Fundamenten begründet worden,“ 
und unten: 
. Frater Caspar, frater Johannes Boll, frater Gregorius, frater Hermannus, frater 
Benignus, frater Franciscus, frater Jacohus fuerunt illo tempore in hoc conventu;“ — 
der Schluß ist sehr undeutlich auf dem Backstein eingebrannt; — Kaspar war also Guardian. 
Die dritte Säule trägt dann die folgenden Inschriften: 
„Visita, quaesumus, domine, habitationem istam per omnes insidias. Frater Bene— 
dictus, frater Marcus oder Martinus;“ — auf deutsch: 
„Suche, o Herr, diese Deine Wohnung heim bei aller Gefahr. Bruder Benedictus und 
Bruder Markus — oder Martinus.“ 
Unten steht: „Anno domini NCCCCLXXIIII (1474) consummatum eésst hoc omis ver 
magistrum Bernhardum.“ 
„Der Baumeister Bernhard hat im Jahre 1474 dies Werk vollendet.“ 
Vielleicht, — wir meinen sogar, mit Gewißheit, — geht aus diesen Inschriften hervor, 
daß zwei Baumeister bei dem Baue des Konventsaales betheiligt gewesen sind, — jener 
Adam, welcher das Werk anfing, und jener Bernhard, welcher es vollendete. — 
Unwesentlich sind die Juschriften der vierten Säule: ein Bruder H.— Hieronymus oder 
Hermannus begrüßt in ihnen die Jungfrau Maria mit der salutatio angelica, während am 
Fuße die verehrtesten Namen des Franziskaner-Ordens genannt sind: „Ihesus, Maria. Thesns, 
Stus. Franciscus, Stus. Antonius, St. Ludovicus, Stus. Bernhardus.“ — 
Auch diese Räume haben ihre eigenartige Geschichte. Indessen ist dieselbe von 
wesentlich anderer Art als das. was wir auf Grund der Denkmäler unseres Gotteshauses mit— 
theilen konnten. 
Auf diesen Stätten sind einst die Mönche des heiligen Franziskus die Hauptpersonen 
gewesen! Freilich gewirkt und gehandelt haben sie nicht eben in hervorragender Weise! Die 
Franziskaner-Klöster — in Deutschland wenigstens — haben durchaus keine glänzende Ge— 
schichte! Lautete doch einst der alte Minoriten-Reim: 
„Minoritae non est studendum, 
Sed cum sacéo circumenndum; 
Si potest, et praedicandum!“ - 
„Der Franziskaner darf nicht studiren; er soll mit dem Zwerchsack einhergehen. — wenn 
er kann — auch predigen!“ 
Dennoch möchten wir versuchen, wenigstens einige Züge hervorzuheben. welche ein wenig 
Farbe in das Dunkel bringen. 
Ehe noch diese Räume so prächtig sich erhoben hatten, fanden in dem alten Kloster mehrere 
Versammlungen, — nennen wir sie Provinzialtage, — der sächsischen Franziskaner statt, auf 
welchen die Interna der Ordensprovinz behandelt wurden. So wurde im Jahre 1339 hier 
eine General-Versammlung unter dem Provinzial Johannes von Oppenberg aus Erfurt, — 
anno 1373 wiederum eine solche unter dem Grafen Burchard von Mansfeld abgehalten. 
Bewegt indessen gestaltete sich das Leben im Berliner Franziskaner-Kloster erst in den Tagen 
der Reformation.
	        
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