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VIII. In St. Marien

Full text: Aus Alt-Berlin / Schwebel, Oskar (Public Domain)

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dem Pulpet liegt ein Hund, hinauf nach dem Herrn von Sparr sehend, welche Kreatur ihm 
sehr getreu und stets auch in den Schlachten gefolgt sein soll. Zur Seite stehen die Sprüche 
Ezechiel XXXVII, 3-6 und Hiob XIX, 25. Oberwärts halten zwei Personen“ — es sind 
Mars und Minerva gemeint, — „das Sparrische Wappen, hinter welchem vier Fähnlein und 
unterwärts vier überwundene Personen, alle mit betrübten Gesichtern an Stücken (Kanonen) 
angeschlossen. Von dem Querbalken, so gleichfalls von Marmor, worauf diese Stücke stehen, 
wird erzählet, daß in demselben ein Diamant gefunden (wie man denn das Spund noch 
weiset, worinnen er gesessen) und in die kurfürstliche Schatzkammer zur Verwahrung genommen 
worden.“ 
Wenn man will, also drei Sagen auf einmal! Allein es ist längst bewiesen, daß jener 
Edelknabe der spätere General von Haacke nicht sein kann. Lassen wir auch die Mär' von 
dem Diamanten auf sich beruhen! Mit dem Hunde aber hat's sicherlich seine eigene Be— 
wandtniß. In den Sparr'schen Särgen findet sich in der That die Mumie eines Hundes, 
— freilich nicht in dem „letzten Wohnhause“ des berühmten Feldmarschalls, sondern in einem 
Kindersarkophage. Nehmen wir die Sage also hin, wie sie eben ist! Ein Hündlein, so be— 
richtet sie hat dem gewaltigen Krieger, als er einst auf einsamer Feldwacht sich befand, durch 
sein Bellen die Annäherung des Feindes verrathen und auf diese Weise einen Überfall ver— 
eitelt, welcher dem Helden vielleicht sein Leben gekostet haben würde. 
Eine letzte Sage endlich umschlingt das granue Steinkreuz am Portale. Die furchtbaren 
Begebenheiten des 16. August 1325, an welchem der Propst Nikolaus von Bernau durch die 
Berliner auf dem „Neuen Markte“ verbrannt worden war, verschwanden nachmals aus der 
Erinnerung der Einwohner der Stadt mitsammt ihren verhängnißvollen Folgen. Dafür aber 
bildete sich im Volkmunde das folgende Märchen heraus: 
Es war in alten, alten Tagen. Die Marienkirche hatte sich hoch und prächtig erst seit 
einigen Jahren über die niederen Dächer der Bürgerhäuser von Berlin erhoben; schon aber 
nerkte der Teufel, daß ihm gar viele Seelen entgingen, welche grad' in diesem Gotteshause 
zur Buße und Umkehr veranlaßt worden waren. Da beschloß der Böse in seinem Ingrimme, 
den Ersten, Besten, den er bei dieser Kirche erwischen könne, jämmerlich umzubringen. Nun 
trug's sich zu, daß gar bald ein Feiertag kam. Ein armer Musikant sollte in früher Morgen— 
stunde nach alter frommer Sitte hoch oben auf des Thurmes Zinnen einen Choral abblasen; 
ihn hatte der Teufel sich zum Opfer ausersehen. Er packte den Musikanten am Kragen und 
schleuderte ihn mit einem gewaltigen Stoß auf den Kirchhof hinab. Unser Herrgott hatte 
jedoch Erbarmen mit dem unschuldigen Manne; es erhob sich plötzlich ein sanfter Wind, welcher 
die Falten des Mantels des armen Musikanten aufblähte, sodaß der Erschrockene langsam 
aus der schwindelnden Höhe dort oben zur Erde hinabgetragen wurde. Da, wo er gesund 
und wohlbehalten auf dem Kirchhofe ankam, ward nachmals ein Kreuz gesetzt. Andere Mären 
erzählen freilich, der vom Teufel herabgeschleuderte Spielmann habe seinen Geist auf der Stelle 
aufgegeben, während spätere Sagen berichten, es sei einst bei einem Neubaue des Thurmes 
einer der Banleute herabgestürzt und alsbald verschieden. — 
Soviel von diesem errinnerungsreichen Gotteshause! Wir hätten dem Leser noch mehr 
von ihm berichten können; denn fast jedweder Stein spricht hier seine beredte Sprache zu uns. 
Eine weihevolle Sprache fürwahr auf friedlich stiller Stätte! Für heut' indessen sei's genug! 
Noch trauert das im Innern so harmonisch-schöne Gotteshaus äußerlich in Sack und Asche.
	        
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