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Volume Nr. 37, 23. Oktober 1986

Full text : Plenarprotokoll (Public Domain) Ausgabe 1986/87, 10. Wahlperiode, Band III, 36.-49. Sitzung (Public Domain)

Abgeordnetenhaus  von  Berlin  -  10.  Wahlperiode

37.  Sitzung  vom  23.  Oktober  1986

Sen  Dr.  Turner
15  Jahren  meiner  Tätigkeit  als  Präsident  einer  Universität  habe
ich  dafür  geworben.  Nur  habe  ich  auch  gewußt,  daß  dieses  Vertrauen ­
  -  so  hoffe  ich  jedenfalls  -  von  mir  wahrgenommen  worden ­
  ist.  Dazu  gehört  auch  der  Mut,  nach  Innen  Entscheidungen
zu  treffen  und  auch  unbequeme  und  manchmal  lästige  Entscheidungen ­
  durchzusetzen.
Es  ist  hier  die  verfaßte  Studentenschaft  angesprochen  worden. ­
  Dabei  ist  gesagt  worden,  daß  sie  finanziell  ans  Gängelband
gelegt  werde.  Das  ist  ganz  sicherlich  falsch.  Aber  man  muß  doch
sehen,  daß  eine  verfaßte  Studentenschaft  als  eine  Zwangskörperschaft ­
  nicht  mit  dem  ihr  zur  Verfügung  gestellten  Geld  aus
dem  Aufkommen  ihrer  Mitglieder  machen  kann,  was  sie  will.  Sie
hat  einen  gesetzlichen  Auftrag,  Ich  bin  der  Meinung,  daß  es  darauf ­
  ankommt,  diesen  gesetzlichen  Auftrag  auch  zu  kontrollieren.
Man  kann  eben  damit  nicht  Mißwirtschaft  treiben  oder  den  Auftrag ­
  überziehen.  Ein  politisches  Mandat  steht  einer  verfaßten
Studentenschaft,  also  einer  Zwangskörperschaft,  eben  gerade
nicht  zu.
Es  ist  hier  zu  Recht  darauf  hingewiesen  worden,  daß  Berlin
auch  in  einem  aktuellen  Punkt  die  Nase  vorne  hat,  nämlich  die
Einrichtung  einer  Frauenbeauftragten  mit  den  entsprechenden
Konsequenzen  und  Befugnissen.
Von  Herrn  Kremendahl  ist  ausgeführt  worden,  daß  die  Reform
beendet  sei  und  man  nun  mit  der  Gegenreform  begänne.  Ich
kann  dieses  nur  als  eine  nicht  sachgerechte  Einschätzung  der
Situation  begreifen.  Von  Gegenreform  kann  überhaupt  keine
Rede  sein.  Es  geht  nur  darum,  gravierende  Fehler,  die  hier  Ende
der  60er  und  Anfang  der  70er  Jahre  gemacht  worden  sind  und
die  sich  weiter  auswirken  -  und  in  diesem  Zusammenhang  ist  für
mich  ziemlich  interessant,  daß  Herr  Kremendahl  einen  Begriff
gebraucht  hat,  der  mir  angelastet  worden  ist,  nämlich  der  des
Selbstbedienungsladens  -,  in  der  Hochschulpolitik  und  in  der
Handhabung  in  den  Hochschulen  zu  beseitigen.  Diese  Fehler
haben  dazu  geführt,  daß  man  in  der  Tat  diesen  Begriff  gebrauchen ­
  kann,  nur  bitte  nicht  für  die  Jetztzeit,  sondern  richtigerweise
für  die  70er  Jahre.  Es  kommt  also  darauf  an,  diese  Fehler  zu  korrigieren. ­
  Und  deswegen  bin  ich  der  Meinung,  daß  es  richtig  ist,
den  Kanzler  für  den  medizinischen  Bereich  beizubehalten.  Und
das,  was  man  dem  heutigen  Kanzler  anlastet,  sind  Fehler,  die
sein  Vorgänger  und  die  Administration  der  Vorzeit  begangen
haben.  Hier  hat  er  eine  Erblast  übernommen,  die  er  abtragen
muß  und  die  man  ihm  nicht  gut  anlasten  kann.  Man  kann  nicht
erwarten,  daß  dies  von  heute  auf  morgen  geschieht.
Sicherlich  kann  man  das  eine  oder  andere  in  einem  solchen
Gesetz  auch  anders  machen.  Das  verkennt  niemand.  Aber  das,
was  hier  vorliegt,  ist  nicht  nur  ein  Kompromiß,  es  ist  das  Ergebnis
einer  Zusammenarbeit  der  Regierungskoalition.  Diese  Zusammenarbeit ­
  hat  zu  einer  sinnvollen  und  vernünftigen  Vorlage
geführt,  von  der  ich  hoffe,  daß  sie  angenommen  wird.  Entscheidend ­
  wird  sein,  ob  die  Hochschulen  mit  der  gebotenen  Entschlossenheit ­
  und  ohne  unnötige  Verzögerung  die  ihnen  obliegenden ­
  Ausfüllungsaufträge  annehmen  werden.
Und  wenn  ich  höre,  daß  der  FU-Senat  darüber  enttäuscht  ist,
daß  er  nicht  erneut  angehört  worden  ist,  dann  kann  ich  mich  über
dieses  Verständnis  auch  vom  Gesetzgebungsverfahren  und  parlamentarischer ­
  Demokratie  nur  wundern.  So  würde  man  ja  nie  zu
einem  Ergebnis  kommen,  dann  gäbe  es  permanente  Anhörungen. ­
  Die  Anhörung,  die  hier  durchgeführt  worden  ist,  ist  exzessiv,
was  den  zeitlichen  Einsatz  angeht.  Sie  ist  zeitlich  exzessiv  auch
in  der  Behandlung  und  in  der  Beratung  im  Ausschuß  gewesen.
Der  Gesetzgeber,  das  Berliner  Abgeordnetenhaus,  hat  schnell
gehandelt,  wenn  dieses  Gesetz  verabschiedet  sein  wird.  Und  er
hat  damit  den  Weg  für  eine  effektive  Arbeit  an  den  Hochschulen
freigemacht.  Es  kommt  nicht  darauf  an,  nun  ein  weiteres  Jahr
sich  in  Debatten  zu  verlieren,  es  kommt  darauf  an,  daß  auf  der
vernünftigen  Basis,  die  in  diesem  Gesetz  vorgezeichnet  ist,  jetzt
eine  effektive  Arbeit  in  den  Hochschulen  gegeben  ist  und  praktiziert ­
  werden  kann.
[allgemeine  Unruhe  -  Glocke  des  Präsidenten]

Der  Senat  von  Berlin  begrüßt  dieses  neue  Berliner  Hochschulgesetz. ­
  -  Das  war  ohnehin  mein  letzter  Satz!  -  Ich  danke  Ihnen.
[Beifall  bei  der  CDU  und  der  F.D.P.]
Stellv.  Präsidentin  Wiechatzek:  Herr  Senator!  Das  Klingeln ­
  galt  nicht  Ihnen,  damit  Sie  zum  Ende  kommen,  sondern  der
störenden  Unruhe.  Ich  wollte  Ihnen  nur  mehr  Gehör  verschaffen.
Ich  wollte  nicht,  daß  Sie  so  abrupt  von  dannen  schweben.
Als  nächster  hat  das  Wort  der  Abgeordnete  Dr.  Ferberg.
Dr.  Ferberg  (SPD):  Frau  Präsidentin!  Meine  Damen  und  Herren! ­
  Meine  vorbereitete  Rede  habe  ich  liegenlassen.  Sie  werden
von  mir  als  demjenigen,  der  viele  Ausschußsitzungen  moderiert
hat,  nicht  erwarten,  daß  ich  Öl  ins  Feuer  gieße.  Ich  möchte  mir
trotzdem  erlauben,  einige  absichtlich  böswillige  Bemerkungen
zu  machen.
Wir  haben  vorhin  ein  volles  Haus  gehabt.  Drei  Stunden  haben
alle  fasziniert  zugehört  wie  bei  einem  Boxkampf.  Den  besonderen ­
  Gegenstand  dieser  Auseinandersetzung  haben  wir  bereits  in
der  Vergangenheit  mehrmals  erörtert.  Die  kaputte  Heizung  eines
Kollegen  wird  in  drei  Wochen  vergessen  sein
[Rösler  (CDU):  In  drei  Tagen!  -  Beifall  der
Frau  Abg,  Saß-Viehweger  (CDU)]
und  möglicherweise  manches  mehr.  Das,  was  wir  vorhin  allerdings ­
  vor  fast  leeren  Rängen  diskutiert  haben,  wird  die  Arbeit  der
Hochschulen  und  Universitäten  in  Berlin  für  mehrere  Jahre  prägen ­
  und  Rückwirkungen  auf  dieses  Haus  haben.  Das  möchte  ich
zum  Trost  meiner  Mitstreiter  sagen.
Ich  möchte  auch  bemerken,  daß  ich  nicht  ganz  zufrieden  bin
mit  dem  Effekt  unseres  großen  Einsatzes  hinsichtlich  der  Universitäten. ­
  Ich  glaube,  daß  es  nicht  gelungen  ist  -  das  ist  von  den
Regierungsparteien  zu  vertreten  -,  den  großen  kontroversen
Spannungsbogen  zwischen  Politik  und  Hochschulen  abzubauen, ­
  obgleich  dazu  eine  Chance  gewesen  wäre.
Ich  bedauere  auch,  daß  es  nicht  gelungen  ist,  zwei  Interessentengruppen, ­
  die  sich  sehr  engagiert  in  die  Debatte  eingeschaltet
haben,  gerecht  zu  werden.  Es  ist  einmal  die  Gruppe  der  Nichtabiturienten, ­
  die  sich  von  dem  ersten  Entwurf  des  Hochschulgesetzes ­
  sehr  viel  versprochen  haben.  Leider  haben  die  Regierungsfraktionen ­
  während  des  Rennens  den  Mut  verloren.  Sie
sind  sozusagen  vom  Pferd  auf  den  Esel  umgestiegen.  Das,  was
jetzt  im  Gesetzentwurf  fettgedruckt  als  Neuerung  steht,  ist  diese
besondere  Hervorhebung  nicht  wert.
Die  zweite  Gruppe,  die  ich  erwähnen  möchte,  die  mir  besonders ­
  leid  tut,  ist  die  Gruppe  der  Behinderten.  Sie  hat  sich  mehrmals ­
  in  diese  Diskussionen  eingeschaltet,  Präzisierungen
gewünscht,  denen  leider  nicht  gefolgt  worden  ist.
Dieses  Gesetzes  wird  von  den  einzelnen  Fraktionen  unterschiedlich ­
  bewertet.  Eines  kann  man  jedoch  sagen:  Dieses  Haus
wird  sich  auch  in  Zukunft  damit  beschäftigen  müssen.  Ich  meine,
die  Regierung  hat  sich  mit  diesem  Gesetz  einigen  Ärger  eingefangen, ­
  mit  dem  sich  das  Parlament  wird  beschäftigen  müssen
und  der  anschließend  im  Ausschuß  beseitigt  werden  muß.  -
Danke  schön!
[Beifall  bei  der  SPD]
Stellv.  Präsidentin  Wiechatzek:  Als  nächster  hat  das  Wort
der  Abgeordnete  Stuft.
Stuft  (SPD):  Frau  Präsidentin!  Meine  Damen,  meine  HerrenI
Keine  Angst,  mit  Rücksicht  auf  Ihre  Zeit  und  insbesondere  mit
Rücksicht  auf  die  Laune  meines  Geschäftsführers  gebe  ich  die
Rede  zu  Protokoll.
[Beifall  bei  der  SPD]

Im  Laufe  der  Beratungen  des  Entwurfs  für  ein  neues
Hochschulgesetz  hat  es  immer  wieder  interessante,
            
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