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Volume Nr. 21, 27. Mai 1917

Full text : Berliner illustrierte Zeitung (Public Domain) Ausgabe 1917, XXVI. Jahrgang, Nr. 1-52 (Public Domain)

ser. 21

Berliner Illustrirte Zeitung.

7 ime sunge Dame⸗ a—
DP, vo T- v H

i2. Fortsezung. — Nachdruck verboten.

Allen neulzutzutretenden Abonnenten werden die bereits erschienenen Kapitel
dieles Rouums in einem Sonderabdruck nnentgeltlich auf Verlamgen nachgeliefert.

IX.
as schöne Wetter dieses Jahres verlängerte die Badesaison in
7) Ostende bis in die zweite Hälfte September hinein. In dem
Winkel der Digue am Kurhaus war es in den Vormittags-—
 — stunden so belebt wie im Hochsommer. Die Badekutschen waren
eständig in Bewegung; sie wurden in die See geschoben und rollten wieder
zurück und spien unermüdlich ihre Insassen aus. So nämlich sagte einer
er zahlreichen Zuschauer, die nicht selbst im Wasser plätscherten, sondern
sich begnügten, Seeluft zu atmen und damit eine erfreuliche Augenweide
zu verbinden. Er zitierte ein Stückchen Schiller. Er sprach soeben: 3
„Sehen Sie, Herr von Kalinstky, da speit das doppelt geöffnete Haus
zwei reizende Krabben auf einmal aus“ — und die in hellem Wildleder
teckende Hand deutete flüchtig in die aufgelöste Linie der Badekarren.
Der alte Herr schob das Einglas fester in die Augenhöhle. „Ich sehe,“
antwortete er, „und wenn mich nicht alles täuscht, sind die beiden niedlichen
trabben unsere gnädigsten Freundinnen. Halden Sie Ihr Herz fest, Herr
»on Müller! Wem gilt's? Haben Sie sich noch immer nicht zu einem festen
Entschluß durchgerungen?“ J
Der Angeredete schaute den beiden Frauengestalten nach, die in ihren
mappen Badekostimen über den gelben Strand huschten und sich in den
vischt einer heranrollenden Welle warfen. Er seufzte:
Die Wahl ist schwer, lieber Baron — sehr schwer. Die kleine Berg
st ein süßer Käfer, aber ich daxiere, nicht so recht geeignet für einen Mann
m meinen Jahren. Eine Ministertochter, nun ja — immerhin, die andere
jat einen zuverlässigeren Pedigree. Ich habe mich genau erkundigt. Ur—⸗
adel, alte Offiziersfamilie, absolut schuldlos an ihrer Chescheidung,
reilich armp·····
„Spricht nicht mit!/
„Nein. So war's ja abgemacht. Ich brauche kein Geld. Der Müller
zu Mühlheim hat Mehl genug. Aber der Mehlstaub geniert. Herr von
talinsky, wenn ich es hin und her bedenke — meine Ansicht festigt sich
doch, daß Frau von Isbert gerade die — die— die Frau ist, die ich haben
möchte. Warum? Weil sie kein Gänschen mehr ist, das erst flügge werden
nuß. Die kleine Berg steckt mir doch zu sehr in den Flaumfedern. Sie hat
noch keine Erfahrung. Was ist ihr Herz? Ein unbeschriebenes Blatt“
„Wissen Sie das?“
„Mit zweiundzwanzig Jahren trägt man keinen Band Liebesaben⸗
euer in der Brust. Und für einen wie mich kann die Naivität gefährlich
verden. So ein Dingelchen bleibt nicht immer naiv. Die Augen werden
ehender und beginnen zu vergleichen. Es gibt Nasen, die hübscher sind
als die meine.“
„Es kommt nicht auf die Nase an, Edler von Müller!“
„Gleichviell Frau von Isbert ist die Reifere. Sie hat viel durch—
machen müssen. Sie ist von allen Torheiten der Jugend gründlich kuriert
— und hat doch noch die Jugend für sich. Ist sie nicht bezaubernd? Das
daar, die Augen, der Teint, diese Figur!“
„Nur die Stimme wünschte ich mir melodiöser,“ sagte der alte Herr.
„Ach, die Stimmel Auch die Sonne hat ihre Flecken. Wer eine Nase hat
wie ich, darf sich über die Stimmbänder seiner Zukünftigen nicht beklagen.“
Herr von Müller schielte auf seine Nase. Sie war eine sogenannte
partie honteuse. Sie stand wie eine schlecht gevatene Kartoffel in dem
sonst nicht üblen Gesicht des etwa vierzigjährigen Mannes, war leider
auch rötlich gefärbt, war entschieden häßlich. Keine kosmetischen Hilfsnittel
 hatten da nützen wollen, weder Salben, Tinktur noch Puder, und
zu einer rhinoplastischen Aenderung hatte der unglückliche Träger sich noch
aicht entschließen können. So blieb denn die Nase, wie sie war und stand.
„Gehen wir an den Strand,“ sagte Herr von Kalinsky. Er war
zine sehr vornehme Erscheinung von leicht erkennbarem österreichischem Zu—
schnitt: groß, schlank, von tadelloser Haltung, in gutsißendem perlfarbigen

Amerikanlsehes Copyright 18017. by Vlletein & Co.

zakkoanzug, mit kleinen Füßen in gelben Stiefeln und ungewöhnlich
hönen Händen. Auf dem grauen, sorgfältig gescheitelten Kopfe trug er
men flachen Strohhut. Das rosige Gesicht mit den stahlblauen Augen
eilte ein weißer, lang ausgezogener Schnurrbart. Man sah dem alten
derrn die edle Rasse an.
Er blinzelte beim Weiterschreiten zu Herrn von Müller hinüber, der
hm auch heute wieder nicht korvekt genug angezogen schien. Der Mann
nachte immer den Eindruck, als sei er soeben erst von einem höchst mittel⸗
näßigen Schneider entlassen worden; es sah alles zu neu an ihm aus
ind es saß alles stets gleichmäßig schlecht.
„Herr von Müller — ein Wort,“ sagte der alte Aristokrat. „Keine
unte Krawatte zu der blauen Strandjacke — das stört. Und können Sie
enn die Hose nicht eine Kleinigkeit höher ziehen? Merken Sie es sich
och endlich einmal: aufgeschlagene weiße Flanellbeinkleider müssen so kurz
ꝛin, daß noch eine winzige Zone Strumpf über den Schuhen zu
ehen bleibt.“
Der andere blieb lächelnd stehen. „Liebwerter Mentor,“ entgegnete
r, „ich gebe mir, weiß Gott, alle Mühe, mich äußerlich zu einem vollndeten
 Edelmann zu entwickeln. Aber sehen Sie, gerade im Hosensitz
elingt mir das regelmäßig vorbei. Wenn die Beinkleider den Anschluß
in die Stiefel suchen sollen, sind sie sicher zu kurz und rutschen bei der
ersten Gelegenheit in die Höhe —, und soll es umgekehrt sein, so zer—
rete ich sie mit den Absätzen. Es muß wohl an meinen Gehwerkzeugen
iegen. Aber seien Sie nicht ungeduldig, Baron! Auch die Pedale werden
ch noch aristokratisch fügen, wenn ich erst den Müller fortlasse und mich
iur noch Hevrr von Mühlheim nenne, was doch beinahe schon uradligen
Anklang hat.“
Der Freiherr von Kalinsky kopfte seinem Begleiter auf die Schulter.
Ihnen kann man gar nicht böse sein, lieber Müller — ich sage immer
roch Müller, weil Sie zu dem Edlen von Mühlheim ohne bürgerlichen
luftakt erst noch die Noblesse der Bewegung steigern müssen. Aber das
oitd ja kommen, und kommt es nicht — die Gabe fröhlicher Selbstironie,
zie Sie in so hübschem Maße besitzen, steht Ihnen jedenfalls viel zu gut,
ls daß ich wünschen möchte, sie zugunsten Ihrer reichsritterlichen Gesamtrscheinung
 abzustreifen. Nun möchte ich vorschlagen, daß wir uns unsere
ztrandkörbe suchen und gemütlich abwarten, bis unsere beiden Najaden
vieder auf dem Trockenen sind ...“
Die Körbe waren bald gefunden, die Herren rückten sie in eine
Hessere Aussichtslinie, nahmen dann Platz und steckten sich Zigaretten an.
Es war die Höhe der Ebbezeit, es war auch das gewohnte Farbenbild:
in Gewimmel von Menschen jeden Alters und jedes Geschlechts, von
pielenden Kindern, die sich mit kleinen Holzschaufeln im Sande Burgen
ind Verschanzungen bauten, von elegant gekleideter Herrenwelt, von
damen in lichten Toiletten und von zahlreichen Badeengeln, die herüber
ind hinüber liefen, sich in die Flut stürzten und wieder herausstampften
ind nach der Nummer ihver Kutsche suchten. Die Karrenlinie war weiter
zach der See gerückt; die Gäule platschten durch das Wasser, auch dicke
zadewärter spannten sich vor, und eine Luxuskabine wurde sogar von
ier Herven gezogen, die alle vier Monokel trugen und über ihr gestreiftes
vikot noch ein frackartiges Gebilde aus irgendeinem schwarzen Stoff an⸗
elegt hatten.
„Aufgepaßt,“ sagte der Baron Kalinsky, „das sind die blödsinnigen
eringe, die an der Trente⸗etQuarante nebeneinander zu sitzen pflegen —,
er eine ist ein französischer Marquis, zwei sind belgische Grafen, einer
t ein reicher Schweinezüchter aus Ungarn, aber alle vier sind gleich ver—
ickt und beten die Denys Larda an, die abends im Casino della Seala
zre Cochonnerien singt. Jetzt haben sie die Gäule vor ihrem Karren aus⸗
espannt und ziehen sie höchsteigenhändig ins Wasser — das wird also
johl das Vornehmste sein. Zu meiner Zeit galt alles für unvornehm, was
uffällig war. Aha — nun öffnet sich die Karrentür— es ist genau so
die im Theater; noch einen Augenblick Pause — und bums, da ist di⸗
zefeierte*
            
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