278 Die Zeit der Erfüllung. 1858 -1888.
im Werden begriffenen neuen deutschen Einheit trotzdem nicht gelangt, die
öffentliche Aufmerksamkeit war nur in geringem Maße auf ihre Arbeiten
gerichtet, weil die Gemüter bereits durch andere Gedanken, durch Be—
fürchtungen und Hoffnungen in Anspruch genommen waren.
Denn die kaum errungene, noch nicht vollendete Einheit wurde durch
die Eifersucht Frankreichs bedroht. Im Juli 1870 stieg dort die Leidenschaft
so rasch, daß der Krieg nicht länger zu vermeiden war. Als der König
deshalb seine Brunnenkur in Ems unterbrach und am Abend des 15. Juli
nach Berlin zurückkehrte, wurde er hier in lebhaftester und begeisterter Weise
begrüßt von den vielen Tausenden, die zum Bahnhofe, die nach den Linden
geeilt waren, von den immer neuen Tausenden, die dazu kamen. Eine
feierliche, entschlossene Stimmung beherrschte die Massen, alle waren sich
des Ernstes der Lage bewußt und verstanden, welche folgenschwere Be—
deutung unter diesen Umständen die Rückkehr des Königs hatte. Eine ähn—
liche, noch ernstere Stimmung erfüllte die Gemüter, als der greise König
am 31. Juli durch die fahnengeschmückten Straßen zum Bahnhofe fuhr,
um sich auf den Kriegsschauplatz zu begeben. Am Tage vorher hatte er
die Grabstätte seiner Eltern im Charlottenburger Mausoleum besucht, jetzt
saß er in sichtlicher Bewegung, doch fest und aufrecht neben seiner Gemahlin,
die ihre Erregung kaum zu unterdrücken vermochte. In einem prächtigen
Gemälde der Nationalgalerie hat Adolf Menzel diese Stimmung der Stadt
wie des Königspaares wiedergegeben.
Mit atemloser Spannung wurden dann die ersten Nachrichten vom
Kriegsschauplatze erwartet, immer höher stieg, trotz der furchtbaren Verluste
in den großen Schlachten, die Freude, als Siegesnachricht auf Siegesnachricht
eintraf, als eine nach der anderen die kurzen, inhaltreichen Depeschen
über die raschen Fortschritte der deutschen Heere angeschlagen wurden. Den
Gipfelpunkt erreichte der Jubel, als am Morgen des 3. September die
„Vor Sedan, 2. September, halb drei Uhr nachmittags“ datierte 39. De—
pesche bekannt wurde, welche die Kapitulation von Sedan, die Gefangen—
nahme des Kaisers und seines Heeres meldete. Alles stürzte auf die
Straßen: Hurra, hurra rufend, und dann zum Opernplatz, vor das könig—
liche Palais, wo Hochrufe auf Hochrufe ausgebracht, die Wacht am Rhein
und andere Lieder angestimmt wurden, immer übertönt von dem Hurra—
rufen, in dem sich die freudige Erregung Luft machen mußte. Der Jubel
wurde fast noch lauter, als ein kühner Schuhmachergeselle zur Statue des
Alten Fritz hinaufkletterte und oben eine deutsche Fahne befestigte. Rasch
wurde eine Blumengirlande beschafft und ihm hinaufgereicht, so daß er
Roß und Reiter damit bekränzen konnte. Die Königin war auf den Balkon
getreten, stürmisch begrüßt, nach allen Seiten grüßend, dankend, mit dem
Tuche wehend. Sie ließ den jungen Mann zu sich rufen, belobte und beschenkte