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Johannes Müller, der berühmte Physiologe und
Anatom, versenkte sich jedesmal ausschließlich in den
Gegenstand, mit dem er gerade beschäftigt war, und
hielt alles, was damit nicht zusammenhing, entschieden
von sich fern. Von sonstigem Wissensstoff behielt er
daher in seinem an sich vorzüglichen Gedächtnis gleichsam
nur das, was er für den täglichen Bedarf seiner
Vorlesungen brauchte, so daß er einmal, als ihn jemand
im Sommer über einen Punkt aus der menschlichen
Anatomie befragte, antwortete: „Das weiß ich nur im
Winter,“ 100)
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Als Friedrich Nietzsche bei der Artillerie in
Naumburg sein Jahr abdiente, wurde einmal für eine
Einrichtung am Geschütz die nötige Erläuterung gegeben,
die Nietzsche zum ersten Male hörte, aber füglich
sofort begriff, während einem Kanonier, der bereits im
dritten Jahre diente, die Erleuchtung für das schon so
oft Gehörte immer noch nicht kam. Der Unteroffizier,
in der Absicht, gleichzeitig den einen zu tadeln, den
andern zu loben, erklärte: „Schulze, Sie sind zu dumm,
selbst der Freiwillige Nietzsche hat’s schon begriffen.‘
191)
Der Berliner Anatom und Physiolog Karl Asmund
Rudolphi schloß im Frühjahr 1813 seine Vorlesung
mit dem Worte, er hoffe im nächsten Semester vor
lauter Krüppeln zu lesen.1!®)
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