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Band Nr. 34, 28. Juni 1990

fullscreen : Plenarprotokoll (Public Domain) Ausgabe 1989/90, 11. Wahlperiode, 17.-34. Sitzung (Public Domain)

Abgeordnetenhaus  von  Berlin  -  11.  Wahlperiode

34.  Sitzung  vom  28.  Juni  1990

1795

Stellv.  Präsidentin  Frohnert  eröffnet  die  Sitzung  um  13.04  Uhr.
Stellv.  Präsidentin  Frohnert:  Meine  Damen  und  Herren!
Liebe  Kolleginnen  und  Kollegen!  Ich  eröffne  die  34.  Sitzung  des
Abgeordnetenhauses  von  Berlin  und  begrüße  Sie  alle  recht  herzlich. ­

[1]
Vor  Eintritt  in  die  Tagesordnung  möchte  ich  Ihre  Zustimmung
zu  einer  nachträglichen  Ausschußüberweisung
erbitten.  Es  handelt  sich  um  den  Antrag  der  Fraktion  der  SPD
und  der  Fraktion  der  AL  auf  Annahme  einer  Entschließung  über
Neuorientierung  und  Stärkung  der  entwicklungspolitischen
Arbeit  des  Landes  Berlin,  Drucksache  11/568,  der  ursprünglich
nur  dem  Ausschuß  für  Wirtschaft  zugewiesen  worden  ist.
Wegen  möglicher  haushaltsmäßiger  Auswirkungen  hat  der  Ausschuß ­
  für  Wirtschaft  darum  gebeten,  den  Hauptausschuß  an  der
Beratung  zu  beteiligen.  Dieser  Empfehlung  ist  der  Präsident
nachgekommen  und  hat  die  zusätzliche  Überweisung  an  den
Hauptausschuß  veranlaßt.  Ich  möchte  dazu  nachträglich  Ihre
Zustimmung  feststellen.  -  Ich  sehe  keinen  Widerspruch.
[2]
Dann  haben  ich  darauf  hinzuweisen,  daß  zeitgleich  drei
Anträge  auf  Durchführung  einer  Aktuellen
Stunde  eingegangen  sind,  und  zwar:
1.  Antrag  der  Fraktion  der  CDU  zum  Thema
„Unfähigkeit  des  Senats  zur  Gewährleistung  der  inneren
Sicherheit  in  einem  zusammenwachsenden  Berlin“
2.  Antrag  der  Fraktion  der  SPD  und  der  Fraktion  der  AL  zum
Thema
„Entwicklung  der  Medienlandschaft  in  Berlin“
3.  Antrag  der  Fraktion  der  Republikaner  zum  Thema
„Wachsender  Zustrom  von  Polen  und  Rumänen  nach  Berlin“ ­

Im  Ältestenrat  konnte  kein  Einvernehmen  darüber  erzielt  werden,
welches  Thema  heute  behandelt  werden  soll,  so  daß  vom  Plenum ­
  eine  Entscheidung  getroffen  werden  muß.
Zuvor  haben  die  Fraktionen  Gelegenheit,  zur  Aktualität  des
jeweils  von  ihnen  beantragten  Themas  für  eine  Aktuelle  Stunde
Stellung  zu  nehmen,  und  zwar  bis  zu  fünf  Minuten.  -  Das  Wort
hat  der  Kollege  Landowsky.
Landowsky  (CDU):  Frau  Präsidentin!  Meine  sehr  geehrten
Damen  und  Herren!  Es  ist  üblich,  daß  wir  uns  darüber  streiten,
was  an  den  Donnerstagen,  an  denen  wir  Parlamentssitzungen
haben,  aktuell  und  was  dringlich,  ist.  Oft  hilft  ein  Blick  in  die
Tagespresse,  in  der  heute  unter  anderem  die  Überschrift  zu
finden  ist:  „Bettelnde  Rumänen  in  der  City  -  Der  Senat  unternimmt ­
  nichts“.
[Dr.  Staffelt  (SPD):  Scharfmacher  vom  Dienst!  -
Unruhe  bei  der  SPD]
-  Sie  müssen  zuhören  können!
[Anhaltende  Unruhe]
Stellv.  Präsidentin  Frohnert:  Lassen  Sie,  bitte,  Herrn  Landowsky ­
  ausreden!
Landowsky  (CDU):  Daß  der  Senat  nichts  unternimmt,  habe
i  c  h  nicht  gesagt.  Das  steht  in  der  Zeitung  I
[Dr.  Niklas  (SPD):  Und  weshalb  lesen  Sie  es  dann  vor?]
In  einer  anderen  Zeitung  findet  man  die  Überschrift;  „Das
Ansiedlungsvorhaben  von  Daimler-Benz  am  Potsdamer  Platz
ist  eine  Schlüsselfrage  für  die  Zukunftsentwicklung  der  Stadt“.
[Beifall  bei  der  SPD  -  Roß  (SPD):  Das  ist  richtig!]

-  Ich  teile  Ihre  Auffassung,  und  ich  meine,  wenn  mein  die  Situa-  (C)
tion  der  Stadt  innenpolitisch  betrachtet,  dann  sind  das  eigentlich
die  beiden  wichtigen  Themen.
Was  bestimmt  nicht  aktuell  und  dringlich  ist,  Herr  Kollege  Staffelt, ­
  das  ist  die  Situation  der  Medienlandschaft  in  Berlin.
[Dr.  Staffelt  (SPD):  Wir  möchten  aber  nicht,
daß  Sie  den  öffentlich-rechtlichen  Rundfunk
völlig  herunterwirtschaften,  Herr  Landowsky!]
Dabei  haben  die  Berliner  tatsächlich  kein  Defizit,  sondern  eine
relative  Überversorgung,  die  auch  zu  der  Forderung  geführt  hat,
daß  nach  dem  2.  Juli  die  kommunistischen  Propagandasender
von  früher  eingestellt  werden.
[Beifall  bei  der  CDU]
Da  haben  wir  kein  Defizit;  das  ist  heute  wirklich  nicht  dringlich.
Was  dringlich  ist,  meine  ich,  das  ist  die  Sicherheitslage  der
Stadt  Wer  auf  den  Ku'damm  sieht,  kann  erkennen,  daß  das
Publikum  schlechter  geworden  ist.
[Kern  (SPD);  Das  Thema  können  Sie  auf  Lebenszeit
beantragen!]
Von  Woche  zu  Woche  -  das  ist  das  Fatale  -  wird  das  Problem
dringlicher.
[Beifall  bei  der  CDU  -  Widerspruch  bei  der  SPD]

[Anhaltende  Unruhe  bei  der  SPD]
-  Ich  weiß,  daß  Ihnen  das  unangenehm  ist,  Herr  Kollege  Staffelt.
Aber  wenn  es  Ihnen  wirklich  unangenehm  ist,  dann  sollten  Sie
etwas  dagegen  tun.  Leider  tun  Sie  aber  nichts  dagegen!
Ich  will  Ihnen  einen  Brief  von  völlig  unverdächtigen  Leuten  vorlesen, ­
  vom  Chor  der  Deutschen  Oper.
[Dr.  Staffelt  (SPD);  Das  können  Sie  uns  schriftlich  geben,  das  (D)
brauchen  Sie  nicht  vorzulesen!]
-  Das  haben  Sie  auch  schriftlich,  nur  haben  Sie  es  der  Öffentlichkeit ­
  nicht  gesagt.  -  Da  schreibt  der  Chor  der  Deutschen
Oper:
„Wir  müssen  an  jedem  Freitag  Zeuge  sein,  wie  jugendliche
Ausländer  Besucher  und  uns  tätlich  bedrohen,  Autos
beschädigen.  Diese  Handlungen  sind  nur  durch  die  Polizei
zu  unterbinden.“
Warum  tun  Sie  dann  nichts,  wenn  selbst  unverdächtige  Leute
wie  der  Chor  der  Deutschen  Oper  sich  hilfesuchend  an  Sie  wenden, ­
  meine  Damen  und  Herren  von  der  SPD?  -  Meines  Erachtens ­
  wird  es  höchste  Zeit,  daß  Sie  sich  dem  Thema  einmal
stellen!
[Beifall  bei  der  CDU]
Wir  können  uns  darüber  verständigen,  wo  wir  das  Thema  diskutieren. ­
  Wenn  Sie  einen  Blick  für  das  Wesentliche  haben,  dann
schlage  ich  Ihnen  vor  -  um  diese  Diskussion  über  das  Thema  der
heutigen  Aktuellen  Stunde  nicht  kontrovers  werden  zu  lassen
Lassen  Sie  uns  über  die  Wünsche  und  Sorgen  des  Regierenden
Bürgermeisters  hinsichtlich  der  Ansiedlung  von  Daimler-Benz
am  Potsdamer  Platz  reden!
[Beifall  bei  der  CDU]
Unter  der  Voraussetzung,  daß  wir  alle  Aktuellen  Stunden  zurückziehen, ­
  bieten  wir  Ihnen  an,  über  dieses  sehr  wichtige  und  für
Berlin  -  zu  Recht  vom  Regierenden  Bürgermeister  als  „einmaliges ­
  Zukunftsinvestitionsvorhaben“  bezeichnete  -  Thema  heute
zu  diskutieren.  Davon  hängt  viel  ab  -  nicht  dagegen  von  Ihrem
Vorschlag,  die  Medienstruktur  zu  diskutieren.  Ich  habe  das
Gefühl,  mit  der  Diskussion  über  Medien  wollen  Sie  sich  den
beiden  wirklich  wichtigen  Themen,  nämlich  dem  über  die  Sicherheitslage ­
  in  der  Stadt  und  dem  der  Zukunftsinvestition,  nur  entziehen. ­
  Geben  Sie  sich  einen  Ruck  und  diskutieren  Sie  wenigstens ­
  eines  der  beiden  Themen,  die  ich  eben  erwähnt  habe.
[Beifall  bei  der  CDU]

Sie  müssen  endlich  etwas  tun!
            
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