Path:
Volume Title page

Full text : Adressbuch des Hofes, der höchsten Behörden und der Parlamentsmitglieder in Berlin (Public Domain) Ausgabe 1909 (Public Domain)

34

Der Zopf.

endlich, daß er in dem wirren Jagdgebiet des Tiergartens die ersten Alleen
anlegte (vorerst nur die im oͤstlichen Teile, den „kleinen Stern“, die sieben
von den spaͤteren „Zelten“ ausgehenden Alleen, die große Querallee u. s. w.),
so scheint wahrlich kein Grund vorhanden, die Regierungszeit Friedrich J.
im Vergleich mit der seines Vorgaͤngers gering zu achten.
Dennoch, wir sahen, wie wenig der Anblick staͤdtischer Pracht zur
Zeit unserer Renaissance sich schließlich bewaͤhrte. Wenn das Leben am
Hofe und in der Residenz Friedrichs J. nur strahlende Bilder kannte, so
fragen wir erst nach dem Woher von soviel Licht. Und die schlimme Frage
nach dem Woher ist es, vor der ein Friedrich J. nicht besteht. Der Große
Kurfuͤrst konnte die Einwohnerzahl Berlins von 6000 nur auf 18000 er⸗
hoͤhen, aber dafuͤr erhoͤhte er auch die Einwohnerzahl seines gesamten Landes
von 800 000 auf 1500 000. Die 62000 Berliner Friedrichs J. dagegen
rekrutieren sich aus einem Volke von insgesamt nur 1730000 Koͤpfen.
Es lag nichts Gesundes in der schnellen Entwickelung des jungen
Berliner Koͤnigshofes. Friedrich J. war zu schwach, an den Traditionen
seines Hauses festzuhalten. Wir sehen ihn bisweilen Ansaͤtze dazu machen.
So, wenn er 1688 die zuͤnftige Verordnung uͤber ein Zahlenmaximum zu
privilegierender Meister aufhebt (drei Jahre spaͤter uͤbrigens von ihm selbst
widerrufen, indem er den Wollenwebern, der wichtigsten Zunft jener Tage,
ein Maximum von zwanzig Meistern gestattet); wenn er 1705 den Kindern
von Eltern „unehrlicher Staͤnde“ das Gewerbe erschließt; wenn er 1693
auch fremden Baͤckern und Schlaͤchtern den Berliner Wochenmarkt freigiebt.
Aber man wird bei allen solchen Verordnungen den fatalen Nebengedanken
nicht los, daß ihr einziger Zweck der gewesen sei, den Ertrag der Steuern
ergiebiger zu machen, und daß die Hauptsumme der Steuern Dingen zu
gute kam, die mit der Geschichte der menschlichen Arbeit herzlich wenig
zgemeinsam haben. Trotz Schluͤter und Eosander und Nering wollen wir
uns doch freuen, daß in Friedrich Wilhelm J. auf Friedrich J. ein Werkel⸗
tagskoͤnig dem Sonntagskoͤnig folgte, der in seiner ganzen langen Regierungs⸗
zeit nicht einen einzigen kunsthistorisch bedeutenden Bau errichtete, der aber
ein scharses Auge hatte fuͤr die ernsten Aufgaben seiner Zeit und mit ganzer
Kraft sich ihnen hingab, unbekuͤmmert darum, daß die Geschichtsschreiber der
Koͤnige von solcher Arbeit wenig Ruͤhmens machen.

—**

*

Seit den Zeiten des „eisernen“ Kurfuͤrsten wurde noch jedes Mal,
wenn es galt, das Bild Berlins umzugestalten, der Anfang mit dem Schloß
und seiner Umgebung gemacht. Friedrich Wilhelm J. wich von dieser Über—
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.