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Full text: Lucie Höflich / Thiess, Frank (Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG))

" Er Lucie Höflich in 
Gebärden saßen schief. Und plößlic< wußte ich: hier geschieht 
eine Gemeinheit. Ein Produktionsprozeß wird unterbrochen. 
Nicht Lucie Höflich sammelt Kriegsanleihezeic<hnungen, sondern 
eine Gestalt aus Strindbergs Tragödie ist gezwungen, im 
Foyer eines berliner Theaters eine, durc< nichts mit ihr in 
Beziehung stehende „patriotische Handlung“ vorzunehmen. 
Lucie Höflich hatte si) nicht zurükverwandelt (wie superb 
hätten es Maria Orska oder Leopoldine Konstantin oder 
Dagny Servgaes vermo<ht!), sie hatte sih nic<ht zurücver- 
wandelt und träumte nur einen sehr bösen und eigentlich 
völlig sinnlosen Traum. Als sie dann im zweiten Akt er- 
wachte, war ihr Antliß no< härter, no<m abweisender, noc< 
eisiger geworden. Schle<te Träume sind Wirklichkeiten. 
Und Gesichter sind Schisale. Wenn der Geist sich den 
Körper baut (fraglich), siherlic<h baut sih das Erlebnis die 
Züre. Man muß nur darin zu lesen verstehen. Und ledig- 
li. weil die nur auf Systematik gedrillte, nie zur Physiogno- 
m. erzogene Mensc<heit unseres Jahrhunderts nichts 
von Physiognomien versteht, läßt sie sich dur< proßige Masken 
düpieren. Mir scheint gerade das einer der aufschlußreichsten 
Züge im Talent dieser Schauspielerin zu sein, daß sie nur 
Physiognomie hat (für den Seher), nie Maske (für jeden 
Sehenden). Und wenn ich sie oben vergleichsweise einmal 
eine „antike“ Schauspielerin nannte, so galt das nur ihrer 
dort erörterten seelishen Struktur. Gerade ihr Gesicht, 
das der tragischen wie der heiteren Maske, dem schroffen 
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