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Full text: Lucie Höflich / Thiess, Frank (Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG))

Gretchen m 
wollen, indem sie Grethen auf die Weise zu einem naiv- 
Foketten Backfisch im mittelalterlichen Kostüm machen. Nein, 
alle diese Züge fehlten, diese zarten, liebreizenden, sylphiden- 
haften Eindrücke waren nicht vorhanden, schienen von ihr 
geflissentlich vermieden zu werden. Sie wollte nicht gläsern 
sein und zerspringen wie Glas, sondern fest sein wie edles 
Holz, um dann mitten im Beginn herrlichen Wachstums vom 
Blik zerstört zu werden. Magda Reyem war kein „Fräu- 
lein“, und ihre Abweisung an Faust klang darum ganz ehr- 
li<: „Bin weder Fräulein, weder schön.“ Nicht kokett, 
heimlich lo&end, shelmis<, wie man sie meistens zu hören 
2„<iommt. Sie war in der Tat „weder Fräulein, weder 
schön“. Nicht der Sproß einer auf Stammbaum oder 
Reichtum schauenden Familie, sondern völlig unbewußt ihrer 
selbst, ihres Wertes, ihrer Schönheit, ihrer Triebe. Faust 
ist ihr unbekannt, etwas unheimlich, aber shon in Tiefen 
ihres Wesens zündend, von denen sie no< nichts weiß. Alles 
das wäre gar nicht möglich, dieses Aussprechen völlig belang- 
los und sofort vergessen, wenn Gret<hen ein richtiges „Fräu- 
lein“ wäre. Siehst du, so geht einem der Sinn des Wortes 
erst in der Darstellung auf. Man fieht - man hat bisher 
nur die Hälfte gesehen. 
Deshalb konnte ich vorerst nicht sagen, ob sie das 
Gret<hen gut oder schle<ht gespielt habe. Sie hat es 
eben anders als andere gespielt, das heißt nicht etwa 
als Geschöpf irgendeiner zerebralen Spintisiererei, sondern
	        
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