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Full text: Vermischte Schriften im Anschlusse an die Berlinische Chronik und an das Urkundenbuch (Public Domain) Issue 2 Zweiter Band (Public Domain)

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Nächstdem tritt die dreie>ige Form auf, mit mehr oder minder gebogenen Seiten in einem unteren Spitz- 
bogen endigend. Den seit dem elften Jahrhundert als Schukwaffe dienenden Dreie>- oder Normannenschilden entlehnt, 
findet ihre Form sich auch bei den ältesten der Hohenzollernsiegel vor. 
Die dritte endlich, die spitzovale oder sogenannte parabolische Form ist mit der Entwickelung eines neuen 
Kunststyls zu Beginn des 13. Jahrhunderts, der national-germanischen Baukunstform des Spitzbogens, der „Nach- 
blüthe des romanischen Styl8" und grundlos als „zothischer“ bezeichnet, in .Berbindung gebracht worden. Und wie 
dieselbe als eine kirchlich geweihte Kunst galt, so auch soll ihre Form, namentlich für die Siegel der Kir<henfürsten, maß- 
gebend gewesen sein. 
Wir können dieser Annahme nicht beipflichten, derselben vielmehr aus unserer Sammlung eine Suite von 
Siegeln schon aus der voraufgegangenen romanischen Periode, selbst von geistlichen Würdenträgern, entgegenstellen. 
Dahin gehören auch die Siegel der Markgrafen von Brandenburg, seit Albrecht dem Bär. Die spitzovale Form 
war eben für die Darftellung in ganzer Figur, zu Fuß und ohne heraldisches Beiwerk, die geeignetste; sie verlieh ihnen 
die Bezeichnung der Fußsiegel. Ausgeschlossen bleiben freilich nicht einzelne Abweichungen, wie das Reitersiegel des 
Markgrafen Otto zu Meißen, an einer Urkunde vom Jahre 1189. 
Gestattet möge es sein, einen Anhalts3punkt für die Entstehung dieser Form in der voraufgegangenen des 
Dreiecks zu erblien. Jedenfalls aber werden die „paradoxen Hypothesen“ und die „geheimnißvolle Bedeutung", 
welche man der vermeintlichen parabolischen Form unserer markgräflichen Siegel beilegen will, dadurch hinfällig gemacht. 
Noch vertrat zur damaligen Zeit das Siegel allein die Beglaubigung der Urkunde. Sobald Lettere, zumeist 
von dem Capellan, ausgefertigt und dem Regenten vorgelegt war, erfolgte in dessen Gegenwart die Herstellung und 
Anlegung des Siegels durch denselben Beamten --- niemals seitens des Ausstellers. Darauf weisen die vollziehenden 
Worte hin: „Wir haben unser Jusiegel anhängen lassen, anzuhängen befohlen“ 2x. Durch Abnahme und Rückgabe 
desselben wurde die Urkunde kassirt. ; 
Eigenthümlich und bis jezt unumstößlich noch nicht erklärt sind die auf der Rückseite auch unserer markgräflichen 
Siegel befindlichen Vertiefungen in senkrechter, stets regulärer Stellung, meist drei an der Zahl und scheinbar von 
Fingereindrücen herrührend. Als zufällig entstanden kann ihre Erscheinung nicht betrachtet werden; es ist daher die 
Vermuthung aufgestellt, daß hier eine symbolische Beglanbigung stattgefunden, wie solche später durch das Daumring- 
oder Secretsiegel, in vothem Wachs auf der Rückseite der Siegel, erfolgte. Keinesfalls aber sind jene Merkmale durch 
eigenhändige Manipulationen entstanden, die das geschmolzene und selbst erhärtende Wachs in solcher Schärfe nicht 
zuläßt, sondern durch die Stempelform gleichzeitig eingepreßt worden. Dieser Annahme entspricht auch der Umstand, 
daß die Eindrücke selbst auf kleineren Siegeln, resp. als wagerechte Einschnitte, vorkommen. 
Damit gehen wir zur speziellen Besprechung unserer Siegel über. 
Berlin. im Oktober 1831.
	        
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