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Zweiter Band Berliner Medaillen Das Jubelfest der Französischen Kolonie, 1772

Full text: Vermischte Schriften im Anschlusse an die Berlinische Chronik und an das Urkundenbuch (Public Domain) Issue 2 Zweiter Band (Public Domain)

1. Das französische Zospital. Diese Stiftung ist beinahe so alt, als die Kolonie selbst, mit dexen Anwachs sie auch 
in der Folge vergrößert worden. In den ersten Jahren befanden sich etwa dreißig Personen darin, gegenwärtig ist die Anzahl 
allemal zwischen 130. und 160. 
Man nimt in das Hospital zwo Arten von Leuten auf; alte und schwache Personen, die für sich allein nicht leben können, 
auf zeitlebens ; kranke aber, denen es für sich an der nöthigen Wartung und Hülfe fehlt, bis zu ihrer Genesung. Es können auch 
für Kostgeld solche Personen hinein kommen, deren sehr geringe Einkünfte zu ihrer Erhaltung nicht hinreichen. 
Die Direktion dieses Armenhauses führt unter der Aufsicht des Konsistoriums eine eigene Kommißion, welche aus den 
Anciens Diacres genommen wird, und wobei die Prediger wechselsweise, ieder ein Jahr lang, den Vorsiz haben. 
Dieienigen, welche in das Hospital aufgenommen werden , werden nicht allein auf Kosten der Kirche verpflegt, sondern 
auch gekleidet, und man verabsäumet nichts, was zu ihrem geistlichen und leiblichen Wohle erforderlich ist. 
Außer den gewöhnlichen Betstunden , welche alle Tage in der Hospitalkirche gehalten werden, wird der Gottesdienst ieden 
Sonntag und Dienstag früh von dem Prediger des Armenhauses verrichtet, welcher zugleich die Kranken besuchen muß. 
Der älteste von den beiden Aerzten der Kolonie dient auch dem Hospitale, welches überdem seinen eigenen Wundarzt hat. 
Mit den Allmosen der Kirche sind bisher die Kosten zur Unterhaltung dieser Stiftung bestritten worden, welche sich allemal 
das Jahr über auf vier bis fünftausend Thaler belaufen. Einige Privatpersonen haben dazu Legate gewidmet, die sie der Kirche 
vermacht haben. 
Das Hospital liegt in der Spandauischen Vorstadt in der Strasse, welche nach der Oranienburger Landwehre führt. Im 
Jahr 1733. war man genöthiget, es ansehnlich zu vergrößern und ließ auf dem einen Flügel, den man an dem alten Gebäude 
anbauete, eine neue Kirche bauen, deren Einweihung den 14ten Junius geschahe. Seit etlichen Jahren ist es durch ein nahegelegenes 
Haus noch mehr erweitert worden, welches von dem Konsistorium zu dem Ende gekauft wurde, um kranke Kindex darin besonders 
wohnen zu lassen. Man hat auch einige Zimmer dazu verwahrt, daß iunge Leute, die noc<4 nicht communicirt haben und die das 
Konsistorium auf Verlangen ihrer Eltern oder Vorfahren darinn aufnimt, zur Zucht hineingeseßt werden. 
2. Das französische Waisenhaus. Diese Stiftung wurde im Jahre 1718. gemacht. Sie entstand durch Hülfe einer 
Kollecte, welche der König in seinen Staaten bewilligte und wozu viele Kirchen der Refugirten, als die zu London, Hamburg 
und Leipzig, etwas mit beitrugen. Das Privilegium des Waisenhauses ist vom Jahr 1723. und die Geseze wurden im Jahr 1725. 
von dem Könige bestätigt. 
Durch einen unmerklichen Fortgang und eine kluge Haushaltung ist dieses Waisenhaus nach den Absichten der Stifter zu 
den Besiz eines Kapitals gekommen, von dem die Zinsen künftig zur Unterhaltung aller der französischen Kirche angehörigen Waisen 
hinreichend sein werden. Dis Kapital rührt einerseits von Legaten, die zum Waisenhause seit seiner Stiftung vermacht worden, 
anderer seits von verlohrnen Fonds her, welche die Directeurs dazu zu nehmen bevollmächtiget gewesen. Es dient izo wirklich zur 
Unterhaltung von ohngefehr 60 Waisenkindern, sowohl von der berlinischen Kolonie, als von andern Kolonien im Lande. 
Das Waisenhaus wird von einer Direction verwaltet, welche aus 8. Personen besteht, von denen vier, der Ansehnlichsten 
in der Kolonie, vom Hofe bestätigt , und vier von dem Konsistorium als Deputirten ernennet werden. Das Konsistorium ernennet 
außerdem alle Jahr einen von den Predigern, der bei der Direction den Vorsiz hat. 
Die Knaben müssen sieben und die Mädchen fünf Jahr alt sein, wenn sie in das Waisenhaus aufgenommen werden 
wollen. Sie müssen aus einer rechtmäßigen Ehe sein und von französischen Refugirten abstammen. Kinder von guter Familie 
werden vorgezogen, indem ihnen nach ausdrüklicher Erklärung des Hofes ihre Erziehung in diesem Hause niemals in Ansehung ihrer 
Titel und Geburt nachtheilig sein soll. 
Sie werden in allen Stüken frei unterhalten. Sie stehen unter der Aufsicht zweier Inspectoren und einiger Aufseher, und 
empfangen von verschiedenen Maitres den nöthigen Unterricht. 
Die Direction hat von einer Kollecte ein schönes Haus auf dem großen Friedrichsmarkt bauen lassen. 
3. 1' Ecole de Charite. Die große Anzahl von Armen, welche die französische Kirche hatte, und die schlechte Erziehung, 
welche die Kinder derselben bei den ihrigen genossen, bewog im Jahr 1747. das Konsistorium und die Häupter der Familien diese 
neue Anstalt zu errichten, um darin die Kinder der Armen beisammen zu haben, für deren Unterhalt man bis dahin dadurch gesorgt 
hatte, daß man ihren Eltern zu Hülfe gekommen war, oder sie bei gewissen Leuten in die Kost gegeben hatte. 
Die Stiftung wurde sv allgemein gebilligt und von dem Publicum begünstiget, daß sie binnen 20. Jahren einen Zuwachs 
bekommen hat, den man kaum erwarten konnte. 
Die Stifter der Armenschule hatten anfänglich nicht mehr als zwölf Kinder darin aufnehmen können, aber die Mildthätig- 
keit der Kolonie sezte sie bald in den Stand, deren Anzahl zu vergrößern. Im Jahre 1752. unterhielte man schon 65. Kinder, 
und da der König sich von dieser neuen Stiftung hatte Bericht erstatten lassen, so genehmigte und bestätigte er sie durch ein öffent- 
liches Patent, und gestand ihr alle die Freiheiten zu, welche die pia Corpora in dieser Residenz genießen. 
Als im Jahr 1765. die Zahl der Kinder, welche in dieser Armenschule erzogen wurden, für das Haus, welches sie inne 
hatten, zu groß war, und die Direction die Unbequemlichkeiten erwog, welche daraus entstehen, wenn in dergleichen Anstalten 
Kinder von beiden Geschlechtern beisammen wohnen, so arbeitete das Konsistorium mit den Directoren gemeinschaftlich daran, die 
Schulanstalt zu verbessern und ihr die Einrichtung zu geben, die sie izo wirklich hat. Nach derselben wohnen nunmehr die Kinder, 
deren Anzahl sich zusammen auf 150. bis 160. beläuft, in zwei verschiedenen Häusern. Die Knaben sind in dem alten auf der 
KSriedrichsstadt in der Jägerstraße gelegenem Hause geblieben, und die Mädchen hat man in ein besonderes, der französischen Kirche 
in Berlin zugehörendes und nahe daran gelegenes Haus in der Klosterstraße, gebracht. 
Mit einem ieden der beiden Häuser hat man eine öffentliche Schule verbunden , in der man theils ohnentgeltlich, theils für 
eine geringe Bezahlung französische und deutsche Kinder annimt, deren Zahl in ieder Schule aus 120. bis 140. besteht. Die 
Lehrlinge sind in vier Classen getheilt, deren iede ihre besondere Lehrer hat. 
Die Direction über die Ecole de Charite führen vierzehn Personen, fünf von den Souscripteurs (dis sind Hausväter, 
die sich anheischig gemacht haben, iährlich etwas gewisses zur Unterhaltung des Hauses beizutragen) fünf aus den Mitgliedern der 
Kolonie, und die vier übrigen von den Häuptern der Familien. 
Sieben angesehene Frauen von der Kolonie führen, unter dem Titel Dames Directrices, die Aufsicht sowohl über die 
Oekonomie des Hauses überhaupt, als insonderheit über die Aufführung der iungen Mädchen. 
Nach den Anzeigen, welche die Ecole de Charite alliährlich druken läßt, steigen die Kosten zur Unterhaltung dieser 
Anstalt auf 7000. Rthlr.
	        
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