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Zweiter Band Berliner Medaillen Das Jubelfest der Französischen Kolonie, 1772

Full text: Vermischte Schriften im Anschlusse an die Berlinische Chronik und an das Urkundenbuch (Public Domain) Issue 2 Zweiter Band (Public Domain)

Vaterlande zu weichen. Der gröste Theil derselben erwählte diesen lezteren, der mit den Regungen des Gewissens am meisten über- 
einstimmte , und flüchtete sich anfangs in die Schweiz und von dar in das brandenburgische. 
Man muste nun auf eine neue Kirc<e bedacht sein. Der gütige Kurfürst bewilligte hierzu einen Plaz in der Gegend des 
Friederichswerders, und sowol die grosmütigen Unterstüzungen des Hofes, als die gesammleten Kollekten seßten die Gemeinde in den 
Stand selbige zu erbauen und im Jahre 1701. den 16. Maii deren Einweihung mit grosen Feierlichkeiten zu volzühen. 
Noch mangelte es an Raum für den Gottesdienst so vieler Geflüchteten. Diese Ursache und die weite Entfernung einiger 
geflüchteten von ihren öfentlichen Erbauungsörtern , bewogen die Häupter derselben eine neue Kirche in der F&riederichsstadt*) zu 
bauen. Nachdeme der Hof einen Plaß zu Errichtung derselben verliehen, so suchte die Gesellschaft durch die vorher angezeigten 
Hülfsmittel ihren Endzweck zu erreichen, welche auch so vieles würkten, daß im Jahre 1701. der Grundstein geleget, und das ganze 
Gebäude vier Jahre darauf nämlich den 1. Mai 1705. durch den berümten Prediger Beausobre eingeweihet werden konnte. Ausser 
diesen dreien Kirchen , hatten diese Flüchtlinge bishero noch einen Erbauungsort in dem Spitale, und sämtliche Prediger derselben 
waren , obgleich einem ieden derselben sein besonderes Revier in Besuchung der Kranken und anderer geistlichen Beschäftigungen an- 
gewiesen war, gleichwol noch an keine Kirche gebunden, sondern predigten abwechselnd bald hier bald da, biß im Jahre 1715. der 
Hof für gut befand eine andere Einrichtung zu treffen , welche auch bißhero geblieben ist, nämlich die Gemeinde in drei Kirchspiele 
abzutheilen, welche indessen doch eine Heerde ausmachen solten, und ieder Kir<e drei Prediger zu sezen. Zu gleicher Zeit gab der 
Hof den Kirchspielen die Freiheit, ihre Prediger selbst zu wälen, iedoc<h mit dem Bedinge , daß im Fall einer erledigten Stelle, von 
den Vorstehern der Kirche sechs tüchtige Subiekte . vorgeschlagen, und unter dreien, welche die meisten Stimmen von der Gemeinde 
erhalten würden, es auf Sr. Maiestät beruhen solte, welches von selbigen sie zum Predigtamte zu bestellen , für gut finden würden. 
Alleine bei diesen dreien Kirchspielen blieb es nicht. Im Jahre 1719. wurde auch die so genannte Kapelle mit den übrigen 
Kirchen in gleichen Rang gesezet, und ihrem Lehrer das Patent eines Predigers ausgefertiget, welchem im Jahre 1732. noch ein 
Kollege beigesezet wurde. 
Judessen hatte sich auch die werdersche Gemeinde vergröfert , und viele Familien sich zu weit von derselben entfernet. Die 
Geselschaft faßte also, nachdem sie sich mit den Häuptern der Familien darüber verstanden 1718. den Entschluß, eine Kirche in der 
Nachbarschaft der königlichen und stralauischen Vorstädte zu bauen. Der Herr General FYorcade, welcher grofsen Antheil an der 
Ausführung dieses Entwurfs nam, legte auf Befel des Königs 1721. den Grundstein. Der Plaz der Kirche, wurde von den 
Kirchengeldern erkaufet, und nachdeme sie auf Kosten der Geselschaft ansgebanet worden, so wurde sie von dem iungen Herrn Begusobre 
den 11. Aug. 1726. eingeweihet. 
Die französisch veformirte Gemeinde hat also gegenwärtig fünf Kirchen, die Hospitalkirche nicht mitgerechnet. Der ordinairen 
Prediger sind eilfe. Das Hospital hat seinen besondern, und im Jahr 1754. haben das Konsistorium und die pia Corpora zur 
Unterweisung der Jugend, welche die Colonie unterhält, einen Catecheten angenommen. Die Kirchen sind folgende: 
1. Die Reustädtische Kirche, in welcher die französischen mit den teutsch Reformirten und Lutheranern das Simulta- 
neum haben. 
2. Die Kirche auf dem Werder, deren Einweihung im Jahr 1701. geschahe. 
3. Die Kirche in der Röpenickschen Vorstadt, die man auch die Rapelle zu nennen pflegt, sie ward im Jahr 1700. ein- 
geweihet, und im Jahr 1724, zur Pfarrkirche gemacht. 
4. Die Kirche auf der KSriedrichsstadt , welche auf Kosten der Kolonie erbauet und im Jahr 1705. eingeweihet worden. 
5. Die Klosterkirche, die ebenfals auf Kosten der Semeinde erbauet und im Jahr 1726. eingeweihet ist. 
Der Gottesdienst wird ieden Sonntag in allen fünf Kirchen und im Hospital zweimal gehalten. Außer dem ist alle Tage 
in der Woche, nur des Sonnabends nicht, in einigen Kirchen Predigt, Katechisation oder Betstunde. Alle Sonnabend ist bei den 
Küstern ieder französischen Kirche, ein gedrukter Zettel zu haben, welche Prediger den folgenden Sonntag in allen französischen Kirchen 
in der Stadt predigen. 
Ob nun gleich die französischen Gemeinden zu Berlin in fünf Kirchspiele eingetheilt sind, so machen sie doh wie schon 
gemeldet, zusammen nur eine Gemeinde aus, die unter der Aufsicht und Fürsorge eines einzigen Collegiums steht , welches nach dem 
Gebrauch der französischen Kirchen la venerable Compagnie du Consistoire genannt wird. Dis Collegium besteht aus den 
Predigern und ohngefehr vierzig der angesehensten Glieder der Kolonie, welche sich bis izt aus einem rühmlichen Eifer und ohne den 
geringsten Eigennuz bemüht haben, wechselsweise nach der Reihe für das Beste der Gemeinde zu arbeiten. 
Die sogenannten Anciens darunter, machen mit den Predigern das eigentliche Konsistorium aus, und haben das Amt, 
über die geistliche Wohlfahrt der Gemeinde, zur Aufrechthaltung der guten Sitten und Kirchenzucht, zu wachen. Die übrigen, welche 
Anciens Diacres heissen, formiren unter der wechselsweisen Aufsicht der Prediger das sogenannte Diakonat, sorgen für die 
Vedürfnisse der Armen, nehmen die Allmosen der Kirchen in Empfang, und verwalten sie nach dem Reglement. Jn allen Ange- 
legenheiten von einiger Wichtigkeit vereinigen sich die leztern mit ienen, um gemeinschaftlich darin zu handeln. 
Alle Quartiere der Stadt sind unter die Prediger, Anciens und Anciens Diacres vertheilt, um ihre verschiedenen 
Functionen darin zu verrichten. Die Disciplin der reformirten Kirchen in Frankreich die nur in einigen Stüken durch besondere 
Befehle und Privilegien des Landesherrn eingeschränkt worden, ist der Grund der Einrichtung der französischen Kirchen in den bran- 
denburgischen Staaten. 
Das Konsistorium hängt übrigens in geistlichen Sachen von dem französischen Oberkonsistorinum ab, welches aus einem 
Königl. Staatsminister als Chef, aus einigen der ältesten Prediger und einigen weltlichen Räthen besteht. 
Was die Verwaltung der Armengelder anbetrift, sv richtet sich das Konsistorium darin nach den allgemeinen Landesverordnungen, 
für alle pia Corpora, und verantwortet dieselbe bei den Häuptern der Familien, die es representirt, und denen es alle Jahre 
Rechnung ablegt. Bei wichtigen Vorfällen wird eine gewisse Anzahl der leztern, als ein Konsistorium zusammen beruffen , um sich 
ihres Raths und ihrer Einsichten zu bedienen. 
Wie geschäftig sich ausserdeme die Liebe erwiesen, denen elenden und dürftigen Gliedern auf alle Weise thätige Hülfe zu 
leisten, auch für die Pflanzung der <hristlichen Lehre bei der Jugend zu sorgen, welche so oft theils aus Leichtsinn, theils aus Armut 
der Aeltern selbst versäumet wird, davon zeugen folgende xumvolle Anstalten und Stiftungen. 
*) Diese Kirche, welche von Kennern bewundert wird, wurde zum traurigen Angedenken nach dem Muster der <arentonischen Kirche gebauet, 
in welcher die französische Gemeinde vor der Widerrufung des Edikts von Kantes zu Paris ihren Gottesdienst hielt, nux mit dem Unterschiede, daß iene 
zwei Gallerien hatte, und so gros war, daß vierzehentausend Zuhörer in selbiger Raum hatten.
	        
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