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Zweiter Band Berliner Medaillen Das Jubelfest der Französischen Kolonie, 1772

Full text: Vermischte Schriften im Anschlusse an die Berlinische Chronik und an das Urkundenbuch (Public Domain) Issue 2 Zweiter Band (Public Domain)

musten, nicht länger mer ertragen konten, nach Berlin gewendet, und daselbst ihren Aufenthalt gesuchet. Die viele Mühe, welche 
der grose Kurfürst Sriederich Wilhelm anwendete, ihnen ihr hartes Schiksal erträglich zu machen, die widerholten Fürbitten, welche 
selbiger deßwegen bei Cudwic> dem vierzehenten für sie einlegen ließe, die weiße und gütige Regierung dieses grosen Kurfürsten 
und der Ruhm der sich von selbigem allenthalben ausbreitete, die Ehrenstellen zu welchen er die edelsten von diesen Fremdlingen be- 
förderte , und die Gütigkeit und Grosmut mit welcher er überhaupt allen diesen Unglükseeligen unter die Arme zu greifen sich bereit 
und willig finden ließe, erwekten in ihnen ein algemeines Vertrauen, unter seinem sanften Scepter Shuz und Zuflucht zu suchen. 
Ein gewisser Grav von Espenses, Herr auf Beauveau, welchem der Kurfürst die Stelle eines Oberstalmeisters gab, war 
es, durch dessen Eifer und Bemühungen diese Fremdlinge die Erlaubnis von dem Kurfürsten erhielten, nach den Lehrsäzen ihrer 
Religion , um welcher willen man sie in Frankreich verfolgte, ihrem Gott öffentlich zu dienen, und damit den 10. Junius des auf 
unserer Schaumünze angezeigten 1672sten Jahres den freudigsten Anfang damit zu machen. Denn so viel ergiebt sich aus einer von 
der Gemeinde aufgezeichneten Nachricht : 
»Am l10ten des Brachmonats 1672. erwählete der Durchlauchtigste, Grosmächtigste, und Allergnädigste Fürst Friederich 
»Wilhelm, Churfürst von Brandenburg, als Gott nach seiner Vorsehung, und aus groser Barmherzigkeit , demselben den frommen 
»und huldreichen Vorsaz in das Herz gegeben hatte, in dieser Stadt Berlin, eine französische Gemeine*) zu stiften , den Herrn 
»Sarnerod, bei derselben das Amt eines Predigers zu verwalten; und dieses geschahe, durch die Vermittelung des sehr gottes- 
»fürchtigen und hochgebohrnen Herrn Grafen von Espenses, Herrn auf Beauveau, welcher sich, aus großmüthiger Fürsorge, und 
»<hristlicher Liebe, dieses Werkes des Herrn, mit einer freimüthigen Herzhaftigkeit, angenommen, und sich willig bezeiget hat, den ersten 
»Stein zu diesem geistlichen Gebäude zu legen. 
»An eben demselben Tage, als am I1Oten des gedachten Monats, ist bei dem Herrn von Pöllniz, die erste Versamlung 
»gehalten worden; in welcher der Herr Sarnerod geprediget, und Herr Belhomme das Amt eines Vorlesers angetreten hat.« 
Die Versamlungen bei dem Herrn von Pöllniz, dauerten nur biß den 22. Julius, von welcher Zeit an der Gemeinde 
so lange ein Saal in dem zweiten Stokwerk des großen Stallgebäudes zu ihrem Gottesdienste angewiesen und auf ihre Kosten Kanzel 
und Bänke angeschaffet wurden, biß sie nach den im Jahre 1674. erfolgten Tod des Herrn von Pöllniz ein Zimmer in dem ersten 
Stokwerke dieses Gebäudes erhielte. 
Alleine dieser Plaz wurde gar bald zu klein, und sowol der tägliche Anwach38 der Häupter der Familien, als der grose 
Beifal, welchen sich ihr an die Stelle des Herrn Sernerod gesezter Prediger Herr Jakob Abbadie erwarb, bewegten den Kurfürsten 
im Jahre 1682. denen Franzosen in der Schloßkapelle ihren Gottesdienst halten zu lassen, und damit am 9. August den Anfang zu 
machen. Im Jahre 16384. erhielte die Gemeinde die Erlaubnis zur Errichtung einer zweiten , und gleich das folgende Jahr darauf, 
die Bewilligung zu einer dritten Predigersstelle. 
Die Widerrufung des Edikts von Kantes**) verursachte unter denen reformirten Einwohnern Frankreichs bei nahe eine 
algemeine Wanderung. Mex den zweimalhunderttausend Seelen, welche ihrer Gewissensfreiheit beraubet wurden, verliesen ihr Vater- 
land und suchten dieses ihnen entrissene unschäzbare Gut, in andern Provinzen zu erhalten, welchen sie dargegen durch ihren Fleiß, 
durch ihre Künste , Manufakturen und Fabriken, die grösten Vortheile und den augenscheinlichsten Nuzen darboten. Ein großer Hauffe 
von diesen unglükseeligen , welche von dem väterlichen Mitleiden und von dem mächtigen Schuze, welchen ihre Vorgänger in den 
brandenburgischen Landen ***) gefunden hatten , waren benachrichtiget worden, wanderten gleichfals dahin, und fanden, des Unwillens 
ungeachtet, den Ludwig der vierzehnte hierüber empfand, 7) daselbst eine sichere Freistadt. 
Der gütige und weiße Landesherx nam nach Maaßgebung des Zuwachses der Gemeine solche Maasregeln, die dem Zustande 
in welchem sie sich befande, gemäß waren. 
Als die gottesdienstlichen Versammlungen der Vertriebenen so zalreich wurden, daß die Schloßkapelle sie nicht mer fassen 
konte, so räumte ihnen der Kurfürst in einem Jahre zwei Kirchen ein, und erlaubte ihnen nicht nur mit dem Jahre 1688. ihren 
Gottesdienst in der Domkirche+T7) zu halten, sondern auch in der dorotheen- oder neustädtischen Kirche predigen zu lassen; von 
welcher Kirche und deren Kirchhof, die Helfte des Eigentumsrechts, gegen eine gewisse an die Deutschen abgetragene Summe, ab- 
getretten wurde. 
Zween Vorfälle, welche sich zu Ende des vergangenen, und zu Anfange des gegenwärtigen Jahrhunderts ereigneten, trugen 
aufs neue vieles zum Wachstum dieser französischen Gemeinde bei. 
Eine Menge der Geflüchteten, welche gleich zu Anfang der Verfolgung in Frankreich sich in der Schweiz, und zwar in den 
Kanton Bern niedergelassen , konten daselbst nicht untergebracht werden, und sahen sich dahero gezwungen anderwärts einen sichern 
Aufenthalt zu suchen. Sie schikten dahero Deputirte an den Kurfürsten, und auch diesen wurde in der köpenikischen Vorstadt, 
wo nun die Kirche, oder so genante Kapelle stehet, ein besonderer Ort zu ihrer Anbauung angewiesen. 
Nun brachen auch zu Anfang dieses Jahrhunderts die Verfolgungen über die protestantischen Einwoner des Fürstentums 
Orange aus. Nur zwei Wege stunden denenselben offen, solchen zu entgehen: entweder die Religion zu verläugnen, oder aus dem 
*) Diese erste Gemeinde bestand ungefär aus hundert Personen. 
**) Solches geschahe im Oktober 1685. 
*x) Wir sezen mit gutem Vorbedacht: in den brandenburgischen Landen , denn nicht nur zu Berlin sorgte der grose Kurfürst für die Auf- 
name dieser Flüchtlinge, sondern er schafte ihnen auch in seinen übrigen Staaten Unterkunft. Die noch blühenden Gemeinden in den Städten, Konigsberg, 
Magdeburg, Zalle, Prenzlau, Srankfurt an der Oder, Stendal, Kleve, Wesel u. s. w. und in den Dörfern Battin, Bergholz, Grambzow, 
Gros- und Kleinziethen, Buchholz u. f. w. sind redende Beweise hiervon. Ueberhaupt hat man die Zal der französischen Flüchtlinge, welche sich in den 
kurbrandenburgischen Landen niedergelassen, wenigstens auf zwanzigtausend Seelen gerechnet. Auch die Negenten der beeden Fürstentümer des Burggravtums 
Nürnberg ober- und unterhalb Gebürgs hatten viele Fürsorge für diese Fremdlinge. Sie wiesen ihnen Schwabach und Erlang zu ihren Aufenthalte an, 
erlaubten ihnen daselbst Kirchen zu bauen, bestelten ihnen Prediger und Schulen, ertheilten ihnen besondere Privilegien und Freiheiten, und sie vergalten 
diese Groömut reichlich durch die daselbst angerichtete Fabriken und Manufakturen , welchen beede Städte ihre Aufname meist zu danken haben. Davon 
vielleicht zu einer andern Zeit mit mehrerm könte gehandelt werden. 
1) S. Merkwürdigkeiten der brandenburg. Geschichte, Th. 1. S. 144. u. f. Die zweite 1751. ans Licht getrettene vermehrte Ausgabe. 
TH) Denn solche gehörte zuvor denen deutschreformirten Einwonern Berlins alleine.
	        
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