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Zweiter Band Berlinische Bauwerke Hermann Alexander Hans Kasimir Botho von Hülsen

Full text: Vermischte Schriften im Anschlusse an die Berlinische Chronik und an das Urkundenbuch (Public Domain) Issue 2 Zweiter Band (Public Domain)

der linfen Seite eines der Fächer desselben einen Streifen Papier aufgeklebt gefunden haben, der, wenn wir nicht irren, folgende 
Buchstaben als Aufschrift trägt und zwar: 
EK. Wo wd Wo io 4 BD. 
Zn diesen Buchstaben ist das Versprechen ausgedrückt, das sich Herr v. Hülsen selbst gab, denn sie lauten: 
„Ertrage Widerspruch, wahre die Würde in der Form.“ 
Die dem General-Intendanten Näherstehenden wissen es, daß gar oft, wenn an seine Langmuth und Geduld fast 
unerträgliche Forderungen gestellt wurden und das Temperament des Menschen über die gebotene Reserve des Intendanten den Sieg 
davon tragen wollte, ein Blick des Gereizten auf jenen Papierstreifen genügte, um den Dulder zum Ausharren zu bewegen.“ 
Ueber Hülsens Stellung als Intendant wüßten wir hier nichts Besseres mittheilen zu können als dasjenige, was unser 
verewigter Vorsiende L. Schneider -- ein Beobachter aus nächster Nähe =- 1871 gelegentlich sagte: 
„Es war allerdings nicht schwer, Mehr und Besseres zu leisten, als sein unmittelbarer Vorgänger Herr v. Küstner; 
aber es war sehr schwer, die Königliche Bühne auf den Standpunkt zu bringen, den sie jetzt einnimmt, und sie auf diesem zu erhalten. 
Man war und ist auch wohl noch jetzt leicht mit der Erklärung bei der Hand, es sei dies gar nicht zu verwundern, da Herr v. Hülsen 
schon längst vor seiner Ernennung ein eminentes Darstellungstalent bewiesen; ich erlaube mix aber die Bemerkung, daß sein Ver- 
waltungs-, Organisations- und ich möchte sagen Disziplinar-Talent noch viel bedeutender ist, und darf mir das erlauben, weil ich nach 
diesen Richtungen mit der Prüfung des Zustandes beauftragt gewesen, in welchem sein Vorgänger ihm die Königliche Bühne 
übergeben, und daher zu einem Vergleiche mit dem, was sie ist, auch über meine allgemeine menschliche Berechtigung hinaus, 
es besser zu machen, wie er, -- speziell berechtigt zu sein glaube. Vor seinem Dienstantritt war ich langjähriges Mitglied 
der Königlichen Bühne ; nach demselben hatte ich oft Gelegenheit, den Gang der Bühnenleitung beurtheilen zu müssen, kann 
aber nicht anders sagen, als daß Herr v. Hülsen des in ihn geseßten Königlichen Vertrauens würdig ist. Dichter, poetische 
Meisterstücke, gute Schauspieler, Sänger und Tänzer kann er so wenig schaffen, als irgend ein anderer Theaterdirektor. Alles aber, 
was ihm die Zeit bietet, und ihm mit Königlichen Mitteln erreichbar ist, zusammenzufügen, zu gestalten und damit den so 
unendlich verschiedenen Anforderungen zu genügen, das kann er; nebenbei kann er aber auch der Anmaßung sehr bestimmt 
entgegentreten, auf ungerechtfertigte sachliche wie persönliche Angriffe vornehm hervabsehen, die Finanzen musterhaft in der 
Bilanz, und das ganze, immense Beiwerk an Dekoration, Kostüm, Geräth in Ordnung erhalten, den Künstlergeist mit vem 
Pflichtgefühl verquiken =- was unter und bei darstellenden Künstlern oft recht schwer ist =- und zwischen den Bemerkungen 
der ihm vorgesehten Ministerial-Behörde, den Nezensionen der Theaterzeitungen, den ästhetischen Anforderungen der Singakademie, 
der Theetische und Dichter- Clubs, den Spekulationen der Theateragenten, dem Virtuosenthum vagirender Künstler und den 
Anciennetäts-Ansprüchen auf jugendliche Rollen hindurchschiffen. So kann er von sich sagen wie Lancelot im Kaufmann von 
Venedig: „thus when 1 shun ScylUa, your father, (unter diesen Umständen die Theater-Zeitungspresse) 1 kall into Charybdis, 
your mother“ (ein mögliches Monitum des Ministeriums). Beide Institutionen =- Ministerium und Theaterzeitungen =- 
sind nämlich häufig nicht durchaus gleicher Ansicht über Theater-Angelegenheiten, und es ist nicht so leicht, als ein Freibillet- 
Inhaber denkt, beiden 20 Jahre lang zu genügen; daß es auch selten ist, beweist die große Zahl abgegangener und abgegangen 
wordener Intendanten und Direktoren. 
Herr v. Hülsen bietet Denen, die ihn längere Zeit beobachten konnten, merkwürdige Kontraste! Preußischer Offizier 
durch und durch und der ausgelassenste, mit wunderbar drastisch-komischer Kraft wirkende Darsteller und Gelegenheitsdichter, 
der tapfere Soldat, dem man auf dem Schlachtfelde im Kreise der Kameraden eine glänzende militärische Carrivre 
prognostizirte, und der geschi>te Arrangeur großartiger Bühnenwerke, der Hofmann und der Disziplinarchef eines Heeres von 
Unterbeamten, vor allen Dingen ein Mann, der nicht mit sich spielen läßt, strikte Erfüllung eingegangener Verpflichtungen 
verlangt, und wenn er sein Wort als Theaterdirektor giebt, es auch als Edelmann hält. Es konnte natürlich nicht fehlen, daß 
deSappointirte Theateragenten, =- verkannte dramatische Dichtergrößen, =- nicht aufgeführte Autoren, abgeschlagene Freibillets- 
Kandidaten, Protektoren aufstrebender Künstlerinnen und nicht bewilligte Opernhausball-Subskribenten in der Presse über den nicht 
zünftigen Theaterdirektor herfielen und ihn fühlen ließen, daß ein Intendant, um sich zu halten, außer guten und gutgegebenen 
Stücken auch noh manche andere Rücksichten nehmen müßte; aber es freut mich, von sehr vielen Seiten gehört zu haben, 
daß Herr v. Hülsen in unverantwortlichster Weise solche Rücksicht nicht nimmt, sich aber doch hält. Uebersieht man die 
Zahl der Vorstellungen, die Wahl des Repertoires, vergleicht man das Personal der Königlichen Schauspiele mit demjenigen 
anderer Bühnen, hat man Gelegenheit, einen Blik in die verwickelte, von ganz heterogenen Standpunkten influirte Verwaltung 
zu werfen, so muß man sagen, Herr v. Hülsen zählt vollwichtig in der Reihe der Leiter des Berlinischen Schauspiels und 
schließt sich den Namen Iffland, Graf Brühl und Graf Redern mit vollem Anspruche an.“ 
Seine Beliebtheit auch bei seinen Genossen zeigt sich besonders dadurch, daß er schon seit Jahren Präsident des Deutschen 
Bühnenvereins ist, eine Ehre freilich, die ihm neben seinen so zahlreichen Berufsgeschäften noch manche schwere Arbeit auferlegt. 
Gleichzeitig sei bemerkt, daß er auch seit 1866 Präsident des König Wilhelms-Vereins ist und hier namentlich in den Kriegs- 
jahren 1870/71 eine segensreiche Thätigkeit entwickelt hat. -- 
Bezüglich des Repertoires hat ex ven Grundsatz festgehalten, vorzugsweise die Werke deutscher Wort- und Tondichter 
zu pflegen und das Fremde nur zu fördern, falls es bedeutsam wäre. Ausgeschlossen blieb alles Frivole und Tendenziöse, 
sowie, was als Angriff auf Staat, Kirche und Familie oder gar auf Personen gedeutet werden konnte. Talentvolle Autoren 
wurden nach Möglichkeit berücksichtigt. Aeltere gute Werke studirte man neu over führte sie zum ersten Male auf. Von 
Schiller kamen sämmtliche Dramen zur Darstellung; von denen Shafkespeare's brachte das Berliner Theater mehr als 
jede andere Bühne. In der Oper traten die italienischen, zumeist auf die Virtuosität einzelner Künstler berechneten Werke 
während Hülfens Verwaltung mehr und mehr in den Hintergrund, was freilich auch zum großen Theil als Folge des 
geläuterten Kunstgeschma>s des Publikums anzusehen ist. Die Anhänger Gluk's, Mozart's und Weber's durften sich nicht
	        
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