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Erster Band Berliner Denkmäler Das Goethe-Denkmal

Full text: Vermischte Schriften im Anschlusse an die Berlinische Chronik und an das Urkundenbuch (Public Domain) Issue 1 Erster Band (Public Domain)

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Stü> dauerte volle vier Stunden, worüber das Publikum höchst ungehalten war. Der Einzige, der übrigens mit dem 
Erfolge zufrieden war, war der Konditor des Königstädtischen Theaters. Das hungrige Publikum stürzte während der Zwischen- 
afte in die Konditorei und vertilgte die vorhandenen Borräthe bis auf den letzten Kuchen. Der glückliche Konditor äußerte 
nach ver Vorstellung seelenvergnügt zu Holtei: „Solche Stücke müssen Sie öfter schreiben, die sind vortrefflich!“ 
Man breche troßdem nicht den Stab über das Holteische Unternehmen, daß er es gewagt habe, mit seinen Kräften 
dem Fluge des mächtigen Königs der Dichter nachzustreben ; nicht an ihm lag es, wie wir gesehen haben, wenn er das 
Original nicht zur Aufführung bringen konnte, und Großes gewollt zu haben, ist nach bekanntem Spruch auch schon ein 
Verdienst. Immerhin ist es anerkennenswerth, daß er überhaupt eine öffentliche Aufführung wieder zur Anregung gebracht 
hat, wozu sich denn auch das Königliche Theater im Jahre 1838 entschloß. Die Vorstellung war für den 4. Mai angesebt 
und hatte die Erwartung der Theaterfreunde auf das Höchste gespannt. Die plößlich eintretende Erkrankung mehrerer 
Schauspieler verursachte eine Verzögerung, bis endlich am 15. Mai 1833 die erste Aufführung im Opernhause vor sich gehen 
konnte. Es waren, ein seltener Fall bei Dramen, neue Dekorationen von Gropius, Gerst und Köhler gemalt; die Musik 
war zum Theil von Radziwill, zum andern Theil von Lindpaintner, ein Arrangement, wie es noch bis heute hier besteht. 
Die Besezung war folgende: 
Faust . Grua. 
Mephisto Seydelmann. 
Gretchen Charlotte v. Hagn. 
Wagner Rüthling. 
Valentin Blume. 
Martha Frau Krickeberg. 
| Schneider.) 
Studenten | Deimrich. 
| Wauer. 
(Bötticher. 
Erdgeist . Zsehiesche. 
Böser Geist Franz. 
Die Vorstellung währte von 6 bis 101/, Uhr, eine Zeitdauer, die dem damaligen Publikum über Gebühr lang 
erschien. Der Kritiker der Vossischen Zeitung, Professor Gubiß, dessen Urtheil für die Berliner geradezu maßgebend war, 
äußerte sich ziemlich rveservirt. Er sagt: 
„S< habe den Wunsch nach einer Darstellung des „Faust“ nie gehegt, weil ich mir sagen mußte, daß vem Gedicht 
durch eine Verkleidung in reale Bühnengestalten nur Leids geschehen kann, auch wenn es möglich wäre, das Werk ganz so 
zu lassen, wie es geschrieben steht, was aber schon im Raume der bedingten Zeit unmöglich ist. Die Schwierigkeit der Dar- 
stellung, habe sie es auch nur mit einer Zerstückelung zu thun, grenzt überdem an das Unerreichbare; insofern man das Stück 
wahrhaft in sich trägt, wird man sich bald verletzt fühlen von dieser und jener Rersonifizirung, und je vorzüglicher etwa das 
Dekorative gehalten, um so verleßender dürfte es sein, wenn nun das Geistige nicht zureicht, ja mitunter verkehrt wird.“ 
Die Vorstellung wurde am 17. Mai wiederholt, dann folgten Aufführungen am 4. und 8. Juli, wonach der Faust 
für längere Zeit vom Nepertoire verschwand, ein Zeichen, daß das Berliner Publikum keine besondere Theilnahme bewies. 
Und doch hätte allein die Darstellung des Mephistopheles durc< Seydelmann hinreichen müssen, um das Haus bis auf den 
lebten Plat zu füllen. Es war dies eine der eminentesten Leistungen, welche die deutsche Bühne jemals gesehen. In ven 
Kreisen, welche eine wahrhaft geniale Leistung zu schätßen wußten, ward dies auch in hohem Grade anerkannt. Varnhagen 
äußert sich am Schluß seines Auffatzes : „Wir bedauern, daß Rahel nicht erlebt hat, Seydelmann in Berlin auftreten zu sehen. 
Sie würde den größten und reinsten Kunstgenuß haben, das schönste Talent und vie vollste Anerkennung desselben zu sehen. 
Was in Iffland echt gewesen, was Wolff zu sein erstrebt hatte, wäre ihr in diesem Künstler ohne vie Zuthat des Falschen 
und Mangelhaften endlich als reine Meisterschaft entgegengetreten.“ 
Auch eine besondere Schrift von Professor F. Röse erschien, betitelt: Ueber die scenische Darstellung des Goetheschen 
Faust und Seydelmanns Auffassung des Mephistopheles, Berlin 1838, in welcher er hervorhob, daß die Auffassung, Durch: 
dringung und Darstellung von Seiten Seydelmann3 eine Riesenleistung des Geistes und des Talentes sei. 
Schon sind diejenigen, die an diesen ersten Aufführungen mitwirkten, zum größten Theile ins Grab gesunken und 
längst ist der Faust wie überhaupt Goethes Werke zum Gemeingut der deutschen Nation geworden, aber nicht vermindert fich 
dadurch das Verdienst unserer Vaterstadt, eine hervorragende Stätte gewesen zu fein, wo das, was der Dichter geschaffen, 
zuerst begeisterte, neidlos anerkannt wirde und wo die ersten Versuche stattgehabt haben , das, was sein Genie uns 
geschenkt hat, im besten Sinne des Wortes zu popularisiren. Und varin haben nicht nur die Königlichen, sondern auch 
unsere privaten Kunst-Institute gewetteifert. Mit welcher großartigen Ausstattung und welcher Entfaltung aller künstlerischen 
Kräfte auch der zweite Theil des Faust, der doch bis dahin für so Viele ein Buch mit sieben Siegeln gewesen war, hier in 
unserer Stadt dem Publikum zur Anschauung gebracht worden ist, das haben wir in ven jüngsten Zeiten gesehen. 
Man wirft unserem Volke vor, daß es den großen Geistern, die aus seiner Mitte hervorgegangen sind oder hervor- 
gehen, erst spät oder gewöhnlich erst nach ihrem Tode die gebührende Anerkennung bringe; ja daß es dieselben oft in mate- 
rieller Noth darben und verkümmern läßt, im Gegensatz zu anderen Nationen. Wie Horaz einst von seinem Volke sang, daß 
es die Talente, so lange fie auf Erden wandelten, hasse und erst nach ihrem Scheiven sie suche, so konnte man mehr wie 
einmal unserem Volke nachsagen, daß es die Talente, wenn nicht gehaßt, so doch wenigstens oft genug ignorirt habe. Aber 
wie in politischer, so hat sich doh auch in dieser Beziehung unsere Nation gebessert. Wenigstens von den Dichtern der 
Uassischen Zeit kann man nicht sagen, daß es ihnen bei Lebzeiten an Verehrung gefehlt habe. Mit löblichem Eifer gingen 
1) Unser verewigter Vorsibender L. Schneider.
	        
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