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Erster Band Berliner Denkmäler Das Goethe-Denkmal

Full text: Vermischte Schriften im Anschlusse an die Berlinische Chronik und an das Urkundenbuch (Public Domain) Issue 1 Erster Band (Public Domain)

Es ist ein schön Gefühl, an der Quelle des Krieges zu sitzen in dem Augenblick, da sie überzusprudeln droht. Und 
die Pracht der Königstadt, und Leben und Ordnung und Ueberfluß, das nichts wäre ohne die tausend und tausend Menschen, 
bereit, für sie geopfert zu werden. Menschen, Pferde, Wagen, Geschüß, Zurüstungen, es wimmelt von allem. Wenn ich nur 
gut erzählen kann von dem großen Uhrwerk, das sich vor einem treibt; von der Bewegung der Truppen kann man auf die 
verborgenen Räder, besonders auf die große alte Walze, R gezeichnet, mit tausend Stiften, schließen, die diese Melodien, eine 
nach der andern, hervorbringt.“ 
Und am 5. August 1778 schreibt Goethe aus Weimar an seinen Freund Merk: 
„Auch in Berlin war ich im Frühjahr, ein ganz ander Schauspiel ! Wir waren wenige Tage da, und ich guckte nur 
drein wie das Kind in Schön-Raritätenkasten. Aber Du weißt, wie ich im Anschaun lebe; es sind mix tausend Lichter aufs 
gegangen. Und dem alten Friß bin ich recht nah geworden, da ich hab sein Wesen gesehn, sein Gold, Silber, Marmor, 
Affen, Papageien und zerrissene Vorhänge, und hab über den großen Menschen seine erzogenen Lumpenhunde räsonniren 
hören. Cinen großen Theil von Prinz Heinrichs Armee, den wir passirt sind, Manoeuvres und die Gestalten der Generale, 
die ich hab halb dutzendweis bei Tisch gegenüber gehabt, machen mich auch bei dem jetzigen König gegenwärtiger. Mit 
Menschen hab ich sonst gar Nichts zu verkehren gehabt, und hab in preußischen Staaten kein laut Wort hervorgebracht, das 
sie nicht könnten drucken lassen. Dafür ich gelegentlich als stolz u. sf. w. ausgeschrien bin.“ 
Hinzuzufügen sei noch, daß unser Dichter, wie früher einmal in unserem Verein in der Sitzung vom 24. De- 
zember 1874 konstatirt worden ist, im Gasthof zur Sonne, Unter den Linden,') gewohnt hat. Ueber seine sonstigen Berliner 
Erlebnisse hören wir noch, was Riemer in seinem oben genannten Werke berichtet: 
„Goethe sah aber doch in Potsdam den „Exerzirstall“, das Waisenhaus, den Stall, Sansfouci; fand „an dem Kastellan 
einen Flegel“; sah in Berlin die Rorzellanfabrik, das Opernhaus, die katholische Kirche; hörte Spalding predigen, besuchte 
Chodowiec>ki und die Karschin; sah den Thiergarten, das Arsenal und wohnte einem Manöver bei. 
Bon Berlin begab sich Goethe über Schönhausen auf Tegel, speiste hier und sah bei seiner Zurückkunft über Char- 
lottenburg nach Potsdam abermals Sanssouci, die Bildergalerie, den Garten, das Sternhaus, das alte Schloß, eine Parade, 
die Garnisonkirhe und Gewehrfabrikt. Den 23. Mai reiste er nach Wörlitz ab.“ 
Interessant ist es, welche Berliner Berühmtheiten wir in diesem Riemerschen Bericht erwähnt sehen. Vor allen 
Dingen muß uns die Karschin interessiren. Es ist Anna Luise Karsch. Cine echte Repräsentantin des damaligen Preußen- 
thums, die glühende Verehrerin ihres Königs, dessen Thaten sie so oft besungen hatte. Uebrigens der einzige poetische Mund, 
der damals in dem troc>nen militärischen Berlin seit dem Hingange Ewald v. Kleists neben Ramler noch sang. Auch von 
ihr wurde Goethe angesungen oder „beverset“, wie er bezeichnend genug in einem aus Dessau den 21. Mai 1775 datirten 
Briefe an Frau v. Stein sagt. 
Cinen großen Eindruck werden auf unseren Dichter die Verse ver preußischen Patriotin nicht gemacht haben, wenn 
man nach dem spöttischen Inhalt des Goetheschen Gedichtes „Musen und Grazien in ver Mark“ urtheilen will. 
Die beiden anderen Genannten, Chodowiec>i und Spalding, sind in Berlins Geschichte rühmlich genug bekannt. 
Spalding war Propst an unserer Nikolaikirche und einer der berühmtesten Kanzelredner seiner Zeit. Er war ein 
Vertreter des damals blühenden Rationalismus, und wenn auch seine Predigten uns sehr seicht erscheinen, so übte ex doch 
einen unverkennbaren Einfluß. Goethe spricht mehr wie einmal in Dichtung und Wahrheit von ihm und zählt ihn zu den- 
jenigen Theologen, die in seiner Jugendzeit auf ihn am meisten Eindruck gemacht hätten. 
Cin Danziger Kind war Chodowiecki, der jedoch den größten Theil seines Lebens in Berlin verbrachte. Wer kennt 
nicht die Tausende von Stichen,?) die seine Meisterhand entworfen hat, um Scenen aus vem Volke oder die Thaten seines 
großen Königs zu illustriren. Das künstlerische Interesse war es, was den jungen Dichter zu ihm führte. Hatte sich doch 
Goethe selbst einst in der Kunst des Grabstichels geübt, blieb er doch sein Lebelang wenn nicht ein praktischer Ausüber, so do) 
ein Kenner dieser Kunst, die er hoch schäßte. 
Cin besonderes Interesse hatte für ihn der Künstler dadurch gewonnen, daß er das oben genannte Buch Nicolais, 
die Freuden des jungen Werthers, mit Titelkupfern versehen hatte, die, obgleich es das elende Machwerk nicht verdiente, zu 
deren Illustration sie gestochen waren, ein Meisterwerk in ihrer Art sind. Es heißt in Dichtung und Wahrheit: „die höchst 
zarte Vignette?) von Chodowiecki machte mir viel Vergnügen, wie ich denn diesen Künstler über die Maßen verehrte. I< hatte 
sie ausgeschnitten und unter meine liebsten Kupfer gelegt.“ Auch ven Himburgschen Nachdru> des Werthers hatte der 
Künstler illustrirt,*) und wir sehen in seinen Stichen Werther und Lotte, wie sie die damalige Zeit sich dachte und wie sie von 
da ab typisch geworden sind. 
Dies war der einzige Besuch Goethes in Berlin. Oft genug ist später an ihn die Aufforderung ergangen, sich der 
Hauptstadt nochmals zu nahen, er hat aber stets abgelehnt. So schreibt Zelter am 21. Dezember 1817 einladend an ihn: 
| „Meine jebige Wohnung ist so angethan, daß ich, im Fall Du willst, ohne alle Unbequemlichfeit für mich, Dir drei 
gute Zimmer in der Bel - Etage anbieten kann, in einer guten Gegend und dem Freunde Langermann gegenüber. Auf- 
wartung und was dazu gehört, werden sich die Töchter meines Hauses nicht nehmen lassen, und für Deinen Bedienten habe 
ich noch ein Stübchen bereit."s) 
Die Antwort Goethes ist ziemlich kurz, man sieht daraus, daß er nicht kommen will. Er antwortet: 
in Nn „Sena, 31. Dezember 1817. 
Mit meinem Besuch bei Euch sieht es windig aus. Sie haben mir bedenkliche Geschäfte aufgeladen, wo man 
wenigstens das erste Halbjahr mit Sinn und Geist gegenwärtig sein muß.“ 
1) Das Gebäude stand an der Stelle, wo sich die Kaiser-Galerie befindet. 
2?) Unser zeitiger Hauptschriftwart F. Meyer fammelt seit einigen Jahren vie Stiche Chodowieckis 
3) Goethes Werke, Bd. 22, S. 134. 
1) Eine Reproduktion dieser Jllustration findet sich in: Robert Koenig, deutsche Literaturgeschichte, 13. Auflage, 1882, S. 437. 
3) et. Namhafte Berliner, Taf. 6, S. 7.
	        
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