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Erster Band Berliner Denkmäler Kelch und Patene des XIII. Jahrunderts in der St. Nikolaikirche zu Berlin

Full text: Vermischte Schriften im Anschlusse an die Berlinische Chronik und an das Urkundenbuch (Public Domain) Issue 1 Erster Band (Public Domain)

Zur Rechten und Linken des Erlösers knien wieder zwei betende Figuren, den beiden schon am Kelche erwähnten 
Paaren durchaus ähnlich. Die Beischriften zu diesen Supplicanten müssen im Zusammenhange mit jenem Schriftring 
betrachtet werden, welcher in kreisrunder Form den Heiland sammt den knienden Figuren umschließt und dessen Lesung den 
früheren Erflärern nicht gelungen ist. Gleichwie die Inschriften, welche am Kelche angebracht wurden, nur die Namen der 
betreffenden Personen enthielten, so ging auch bei der Patene die Absicht des Künstlers zunächst dahin, eine jede Figur mit 
ihrem Namen zu versehen. Deshalb setzte er über das Haupt des Heilandes + ICT, die bekannte Abkürzung für den Namen 
Jesus. In gleicher Weise brachte er bei den betenden Figuren je ein Schriftband an und bezeichnete die eine mit dem Namen 
IOHANNES, die andere mit HESERA. Diese beiden Schriftbänder schneiden nach oben, den Namen Jesus einschließend, in 
den erwähnten Inschriftenkreis ein und setzen fich in demselben nach rechts und links fort. Zu Johannes gehört die Ergänzung 
MAR -, zu Hefera ebenso MARN.; im Hinblick auf die bereits am Kelche vorgefundenen Inschriften liegt es schr nahe, die 
offenbar abgefürzten Wörter Mar. und Marn. zu Marchio und Marchionissa zu ergänzen. Nachdem der Künstler diese beiden 
Titel angebracht hatte, wußte er den großen Theil des Kreises, der noch übrig blieb, nicht besser anszufüllen als durch einen 
Lobspruch auf den thronenden Heiland: LAVS - TIBI - XPE (CHRISTE) QYVI- ES - IDEM ET SALV(8S). Die drei ersten 
Worte sind rückwärts zu lesen, weil auch das vorhergehende JAR - in derselben Weise geschrieben war. Das vorletzte Wort 
ET ist durch ein Sigel abgekürzt, wie es sich in mittelalterlichen Inschriften und Büchern so häufig findet. Zwar ist die 
Form des Abkürzungszeichens auf unserer Patene nicht ganz die gewöhnliche; doch ist an seiner Bedeutung nicht im geringsten 
zu zweifeln, zumal der Sinn eine andere ausschließt. Wollte man etwa an eine bloße Berzierung zur Ausfüllung eines leeren 
Raumes denken, so verbietet fich eine folc<he Annahme, von allem andern abgesehen, schon dadurch, daß der Graveur dieser 
Patene den leeren Raum hinter einer Inschrift nicht durch ein beliebiges Ornament, sondern durch ein Kreuz auszufüllen 
pflegte. Beweis hierfür ist nicht nur das Kreuz hinter dem Namen des Evangelisten Johannes, sondern vielleicht auch jenes 
hinter INC. Der oben angeführte Lobspruch auf den Erlöser wäre etwa so zu deuten: „Lob sei Dir, o Christus, der Du 
stets derselbe bist und unser Heil". Die lezten Worte erinnern an qui tollis poccata mundi, welches wir am Knaufe des 
Kelches lasen; überdies stimmen beide Sprüche, sowohl jener am Knaufe des Kelc<es als auch dieser auf der Patene, darin 
Überein, daß sie in einem Zurufe an den Erlöser bestehen. 
An den mehrfach erwähnten Kreis, welcher den Heiland umgibt, seen fich in getriebener Arbeit acht Halbkreise an, 
so daß das Ganze die Form einer achtblätterigen Rose gewinnt. In abwechselnder Folge enthalten diese Halbzirkel vier 
Propheten des alten und die vier Evangelisten des neuen Bundes, erstere durch Halbbilder, leßtere durch die bekannten Sym- 
bole dargestellt. Sämmtliche Figuren sind mit Namen bezeichnet? YSATAS, IONAS, SAMYVEL, DAVID, IOHANNES*), 
LUCAS, MARCVS, MATHEVS. Mit erhobener Hand deuten die Propheten auf den angekündigten Erlöser, und auf ihn 
als den belebenden Mittelpunkt sind die Blicke aller Figuren im Kreise gerichtet. * 
Um den äußersten Rand der Patene lesen wir folgende Worte: T QYTA - PER - INCARNATI - VERBI - MI- 
STERIVM - NOVA - MENTIS - NOSTRE - OCYLIS - LVX - TVE - CLARITATIS - INFVLSIT. Nur per und nostre sind 
abgefürzt, beide in der dem ganzen Mittelalter geläufigen Weise. Die Worte sind aus der Weihnachtspräfation entnommen, 
das heißt aus jenem Gebete, welches der Priester in der Messe des Weihnachtsfestes vor der Wandlung spricht. Sie feiern 
das Geheimnisß der Menschwerdung Gottes und stellen es also auch ihrerseits außer Zweifel, daß der Kelch dazu bestimmt 
war, nur consecrirten Woin dem Communicanten zu spenden. Vielleicht darf darauf hingewiesen werden, daß hier abermals 
ein Spruch gewählt worden ist, welcher sich in directexr Anrede an den Erlöser wendet: „Denn durch das Geheimniß der 
Fleischwerdung des Wortes ist den Augen unseres Geistes ein neuer Glanz deiner Herrlichkeit aufgegangen". Dem Sinne 
nach bilden diese Worte eine Fortsezung des schon erwähnten Zurufes: „Lob fei Dir, Christus, der Du stets derselbe bist 
und unser Heil". 
Eine zweite Inschrift auf dem Rande der Patene, jedoch von modernem Charakter, bezeugt die Schenkung des Kelches 
durch den Kurfürsten Friedrich Wilhelm. Ohne Abkürzungen lautet dieselbe: + DEI - GRATIA - FRIDERICVS - WILHEL- 
MVS - ELEGTOR - BRANDENBYRGENSIS - MARCHIO - DOMINYVS - NOSTER - CLEMENTISSIMNYS - BASILICAE - 
NICOLAI - BERLINENSI - GRATIOSE - DONAVIT - HANG -CVM -CALICE -PATINAM - ANNO -MDOXLIL „Friedrich 
Wilhelm von Gottes Gnaden Kurfürst, Markgraf zu Brandenburg, unser allergnädigster Herr, hat der Nikolaikirche zu Berlin 
diese Patene sammt dem Kelche huldreich geschenkt im Jahre 1642." 
Nachdem wir auf diese Weise den kostbaren Kelch in allen seinen Haupttheilen und Einzelheiten genauer betrachtet 
haben, sei hier noch eine allgemeine Bemerkung über dieses vorzügliche Kunstwerk gestattet. Sicherlich wird Niemand den 
Kelc< besichtigen, ohne die geniale Begabung des Meisters sowohl in technischer als auch in ästhetischer Hinsicht zu bewundern. 
Wie reich auch immer der figurale und ornamentale Schmuck über die Flächen des Kelchos sich ausbreitet, so empfindet der 
Beschauer doch nirgend das Gefühl einer überladenen Ausstattungz; vielmehr ist der Gesammteindru>k ein wohlthuender und 
harmonischer. Nicht so günstig dagegen gestaltet sich das Urtheil, wenn wir die figurale Aussc<mückung für sich betrachten 
und hier nach einer in sich abgeschlossenen Composition suchen. Man hätte wohl erwarten dürfen, daß die Figuren des Kelches 
unter einander in einem durchdachten Zusammenhange ständen und eine deutlich erkennbare, einheitliche Idee zu Ansdruck 
brächten : doch ist eine solche Einheit schlechterdings nicht aufzufinden. Den meisten Anstoß wird man wohl daran nehmen, 
daß die Kreuzigung sich drei Mal wiederholt, darunter zwei Mal an einer sehr untergeordneten Stelle. Der Heiland ist an 
dem Kelche nicht weniger als fünf Mal und, wenn wir die Patene hinzunehmen, sogar sechs Mal dargestellt: ein Mal auf 
dem Schoße seiner Mutter, drei Mal am Kreuze, zwei Mal als Herr der Herrlichkeit. Ebenso findet sich Maria vier Mal: 
ein Mal bei der Verkündigung, ein Mal als Gottesmutter, zwei Mal unter dem Krenze. Gerechtfertigt könnten solche 
Häufungen nur dann erscheinen, wenn wir einen zusammenhangenden Cyclus von Darstellungen vor uns hätten, deren jede 
*) Hier schien dem Künstler das beigefügte Spruchband für den Namen nicht ausreichend zu seinz er ließ es deshalb leer 
und sezte den Namen in einen um die Figur gezogenen Halbkreis.
	        
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