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Erster Band Berliner Denkmäler Kelch und Patene des XIII. Jahrunderts in der St. Nikolaikirche zu Berlin

Full text: Vermischte Schriften im Anschlusse an die Berlinische Chronik und an das Urkundenbuch (Public Domain) Issue 1 Erster Band (Public Domain)

alle Scepter an ihrem obern Ende mit einer Lilienblüthe zu schmücken: allein hier hat das Lilienscepter in der Hand des 
Engels ohne Zweifel noch eine besondere Beziehung auf die zur Gottesmutter auserkorene Jungfrau. 
Den Raum zwischen den Figuren nehmen auch hier verschlungene Laubornamente ein, in Form und Anordnung mit 
jenen an der Kuppe durchaus übereinstimmend. Auch eingekapselte Gdelsteine schimmern hier, und namentlich zieht sich ein 
Kranz derselben um den untersten Saum des Fußtheiles, entsprechend dem gleichen Kranze am oberen Rande der Kuppen- 
verzierung. Außerdem aber hat der Künstler zu den Füßen der Figuren noch vier kleine, doppeltgeschwänzte Löwen angebracht, 
deren Leib aus einer kunstvoll getriebenen und ciselirten Metallplatte besteht; gleichsam als Wächter der ganzen Scenerie treten 
diese zierlichen Thiere frei vor den übrigen Bildungen hervor. 
Ein dritter Haupttheil des Kelches ist der Knauf. Entsprechend der Grundform sowohl der Kuppe als auch des 
Fußes , ist derselbe rund angelegt und hat auf diese Weise die Gestalt einer nach oben und unten flach gedrückten Kugel ex- 
halten. Auf einem um die Mitte gelegten Silberstreifen lesen wir aus der Messe die Worte: AGNVS - DEI - QVI- TOLLIS - 
PECCATA - MVNDI - MISERERE - NOBIS - AMEN. „O Lamm Gottes, das du hinweg nimmst die Sünden der Welt, 
erbarme dich unser! Amen." Aus der Stelle, wo der Künstler diese Inschrift beginnen ließ, geht hervor, daß er dieselbe 
gleichsam als Unterschrift zu der an der Kuppe des Kelches dargestellten Kreuzigung betrachtet wissen wollte. Figuren sind an 
dem Knaufe nicht angebracht; die obere und untere Hälfte ist durch sec<s schmale Metallstreifen mit kleinen, eingekapselten 
Edelsteinen in ebenso viele dreieckige Felder zerlegt, welche mit Laubverzierungen ausgefüllt sind. Es ist nicht überflüssig, auf 
diese Sechstheilung, wie sie sich an dem Knaufe und in den Figuren auch an der Kuppe und dem Fuße geltend macht, beson- 
ders hinzuweisen. Denn es ist eine bekannte Thatsache, daß bei den Kelc<hen des RIV. und RV. Jahrhunderts der Fuß mit 
Vorliebe die Form einer sechsblätterigen Nose oder eines sechsstrahligen Sternes annimmt und daß auch an den Knauf sehr 
oft sechs vorspringende Pasten sich anseßen, die dann meistens mit den Buchstaben ähesbs oder Fmaria verziert sind. In 
dem Kelche der Nikolaikirche, welcher dem XI11. Jahrhundert angehört, findet sich also, obwohl die Hauptformen noch rund 
gehalten sind, dennoch jene Sechstheilung der nächstfolgenden Kunstperiode bereits angedeutet. 
Um die Beschreibung des Kelches vollständig zu machen, bedarf es noc: einer kurzen Erwähnung des Ständer. 
Der eine Theil desselben ist über, der andere unter dem Knaufe ersichtlich. Der untere Theil dient zum Anfassen des Kelches 
und hat deshalb in der Höhe eine solche Ausdehnung erhalten, daß die Hand eines Mannes zwischen dem Fuße und dem 
Knaufe bequem eingreifen kann. Sowohl an dem oberen als auch an dem unteren Theile des Ständers ist die gleiche Ver- 
zierung angebracht. Fünf kleine Figuren sind nämlich mit den Köpfen und Füßen zwischen einen oberen und einen unteren 
dünnen Ring fo eingefügt, daß zwei röhrenartige, durchbrochene Kapfeln entstehen, welche die beiden Theile des Ständers 
umschließen. Drei dieser Figuren stellen die Passionsgruppe dar, das heißt den gekrenzigten Heiland (bei welchem jedoch das 
Kreuz selber fehlt), seine Mutter Maria und seinen Lieblingsjünger Johannes. In den beiden andern Figuren erkennt man 
an dem Salbgefäße und Rauchfasse eine jener frommen Frauen, die zum Grabe des Herrn gingen, und den geflügelten Engel, 
welcher der Kommenden verkündet, daß der Erlöser bereits aus dem Grabe erstanden sei. Zwischen je zwei Figuren ist zur 
Ausfüllung des Raumes noch ein Edelstein eingefügt, aus welchem ein Blättchen hervorwächst. Gs unterliegt gar keinem 
Zweifel , daß diese beiden genau Übereinstimmenden Verzierungen des Ständers von demselben Meister herrühren, dem auch 
alle übrigen Theile des Prachtkelches ihre Eutstehung verdanken. Denn obgleich die Metallkapfeln der Edelsteine hier nicht 
jene von oben nach unten aufgeselzten Stäbchen zeigen, wie man sie an allen übrigen Theilen des Kelches bei den Fassungen 
bemerkt, so ergiebt sich doch die Identität des ausführenden Künstlers mit überzeugender Sicherheit sowohl aus dem stylistischen 
Charakter der Figuren als auch aus den Weinblättern, deren Uebereinstimmung mit den Laubverzierungen der Kuppe und des 
Fußes durchaus nichts zu wünschen übrig läßt. Da die untere Hälfte des Ständers größer ist als die obere, während die 
beiden aus Figuren zusammengeselzten Hülfen eine gleiche Höhe haben, so wird bei der unteren Hälfte des Ständers das Grund- 
metall nicht in seiner ganzen Ausdehnung bekleidet. Hier hat der Künstler deswegen über der Figuren-Kapfel einen Kranz von 
aufgesezten Arkaden angebracht. Wahrscheinlich befand fich ehedem auch unter der oberen Kapfel ein gleicher Arkadenkranz, 
welcher jedo< heute in Wegfall gekommen ist, so daß der Figurenkreis beweglich nach unten und oben geschoben werden kann. 
Der kostbare Festkel<h in der Nikolaikirche gewinnt noc< dadurch einen höhern Werth, daß auch die zugehörige 
Patene unversehrt erhalten ist. Sie besteht aus einer nur fehr wenig vertieften Rundschüssel mit breitem Rande und hat 
einen Durchmesser von 22 Centimeter. Es liegt in der Natur der Sache, daß die Verzierung der Patene eine andere werden 
mußte, als die des Kelches. Denn ihr Zweck bestand darin, unter das Kinn des Trinkenden gehalten zu werden und die etwa 
verschütteten Tropfen des Weines aufzufangen. Da also oftmals eine Reinigung und Abwaschung nöthig wurde, so wären 
erhaben gearbeitete oder gar frei aufgelegte Ornamente, wie sie den Kelch schmücken, an der Patene unzweckmäßig gewesen. 
Demgemäß hat der Künstler sic) hier ausschließlich auf gravirte Ornamente beschränkt, und wenn wir an dem Kelche die 
geniale Meisterschaft des Giseleurs bewunderten, so zeigt uns die Patene ein Kunstwerk der Gravirnadel. 
Den mittlern Raum der Vertiefung nimmt die Maiestas Domini ein; wie auf dem Fuße des Kelches, so thront 
auch hier der Herr in seiner Herrlichkeit, um das Haupt den gefreuzten Nimbus, die Rechte zum Segen über die Christ- 
gläubigen erhoben, in der Linken das geschlossene Buch des Lebens haltend. Zu dem verhüllten, aber der Rückenlehne ent- 
behrenden Thronsessel gehört auch eine niedrige Fußbank; leßtere ist auf der senkrechten Vorderseite in rundbogigen Ausschnitten 
durchbrochen und trägt auf der oberen Fläche in moderner Schrift die Buchstaben G. W. C.*) 
H *) Pischon glaubte in diesen Buchstaben eine Abkürzung für Georg Wilhelm Curfürst zu erkennen, weil der Kurfürst 
Friedrich Wilhelm das Geschenk aus der Hinterlassenschaft seines Vaters der Nikolaikirche verehrt habe: doch hat er einen Beweis für 
die leßztgenannte Thatsache nicht angeführt. Da die Buchstaben in ihrem Charakter durchaus mit der sogleich zu erwähnenden Inschrift 
Übereinstimmen, welche um den äußern Nand der Patene fich hinzieht und im Jahre 1642 eingravirt wurde, so ist es nicht unwahr- 
scheinlich, daß der Graveur dieser Inschrift sich das kleine Pläßchen auf der Fußbank aussuchte, um daselbst die Anfangsbuchstaben seines 
eigenen Namens anzubringen.
	        
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