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Erster Band Berliner Denkmäler Kelch und Patene des XIII. Jahrunderts in der St. Nikolaikirche zu Berlin

Full text: Vermischte Schriften im Anschlusse an die Berlinische Chronik und an das Urkundenbuch (Public Domain) Issue 1 Erster Band (Public Domain)

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dieselben hier den Trinfenden hinderlich gewesen wären. Im XVI[. Jahrhundert wurde diese flache Stelle benußt, um durch 
die eingravirte Inschrift DEI GRATIA FRIDERICVS*) den Namen des kurfürstlichen Donators zu verewigen. 
Unterhalb des gedachten Mundstückes, von profilirten Nändern eingeschlossen, umzieht die Kuppe ein Laubkranz, in 
welchem die Aehnlichkeit mit dem klassischen Akanthusblatte nicht zu verkennen ist. Hierdurch gestaltet sich ein angenehmer 
Uebergang von dem flachen Randstreifen zu den reichen Verzierungen an den übrigen Theilen der Kuppe. Die Hauptseite, 
wie sie auf der beigefügten Abbildung zu ersehen ist, zeigt den gekreuzigten Heiland. Zu seiner Rechten kniet eine männliche, 
zu seiner Linken eine weibliche Figur, jene mit gegürtetem Untergewand und Mantel, diese mit faltenreichem Unter- und Ober- 
gewand nebst einem Kopftuche bekleidet. Beide entbehren, da es keine Heiligenbilder sind, des Nimbus; das Antliß ist nicht 
in gerader Richtung auf den Erlöser hingewendet, sondern begegnet fich mit dem Blicke des Beschauers. Von den gefaltenen 
und zum Heilande erhobenen Händen geht ein Schriftband mit niellirten Buchstaben aus. Auf diesem liest man bei der 
männlichen Figur OTTO - MARH -, was wohl ohne Zweifel zu marchio zu ergänzen ist **). Die Beischrift über der weib- 
lichen Figur ist leider durc) die Einwirkung der Zeit fast vollständig zerstört. Mit ziemlicher Sicherheit läßt sich in der 
Mitte des Schriftbandes E erkennen; vor demselben stand wahrscheinlich 8 und vor diesem, aber in einem etwas weiteren 
Abstande, vielleicht Bz vor diesen drei Buchstaben würde noch für einen, hinter denselben ehwa für vier verschwundene 
Raum sein. 
In gleicher Größe mit dem Crucifixe s<mücken noc< fünf männliche Heiligenfiguren die Kuppe des Kelches. Es 
sind aufrecht stehende, lang gezogene Gestalten mit faltenreichen Gewändern. Wie fie sämmtlich in ihrem ganzen Habitus sehr 
viel Aehnlichkeit unter einander haben, so stimmen sie auch darin überein, daß fie alle in der einen Hand ein Buch tragen, 
während die andere im Gewande verhüllt ist. Da Beischriften oder Symbole fehlen, so bleibt nur die Annahme übrig, daß 
der Künstler in diesen typischen, fast gleich gestalteten Figuren einige Repräsentanten der zwölf Apostel habe darstellen wollen. 
Der Raum, welchen die Figuren frei lassen, ist mit einem aus Weinblättern und Nosenblüthen zusammengeseßten 
Laubornamente ebenso reich wie symmetrisch bekleidet. In den Verästelungen und Windungen zeigt sich noch vollständig das 
zur Kreis- und Rundbogenform strebende System des spätromanischen Styles; in den naturalistisch gestalteten Blättern dagegen 
ist schon entschieden die gothische Kunstweise ausgeprägt. Auf der freien Fläche zwischen je zwei Figuren entwickelt sich das 
Laubwerk zu einer schne>enförmigen Windung, deren Mitte mit je einem Edelsteine geziert ist. Auch den oberen Nand des 
ornamentirten Theiles der Kuppe, in gleicher Höhe mit den Köpfen der Figuren, umzieht ein Kranz von gefaßten Edelsteinen 
und Perlen. (Es mag schon hier bemerkt werden, daß an dem ganzen Kelche, nac) Pischon's Zählung, zusammen 126 Edel- 
steine und Perlen zur Verwendung gelangt sind, von denen jedoch heute mehrere fehlen. Die meisten der Steine sind Granate, 
Amethyste, Onyxe und Opale, manche nur farbige Glasflüsse. Unter den Edelsteinen, welche die Kuppe schmücken , sind zwei 
antike Kameen besonders hervorzuheben: die eine zeigt den Kopf eines Kindes, die andere einen geflügelten Genius. 
Denselben Reichthum der Verzierung, wie die Kuppe, trägt auch der runde Fuß des Kelches zur Schau. Den 
Untersalz desselben bildet ein senkrecht ansteigender Metallkreis, welcher von einfachen, rundbogigen Arcaden durchbrochen ist. 
Gleichwie an der Kuppe der Uebergang von dem flachen Mundstück zu der reich ges<mückten untern Hälfte durch einen Kranz 
afanthusförmiger Blätter vermittelt wird, so steht auch die geschweifte Fläche des Fußes mit dem einfachen Untersaße durch 
ein ähnlich gebildetes Lanbornament in Verbindung. 
Auch darin ist die Ausstattung des Fußes der des oberen Theiles analog, daß sechs Hauptfiguren rund herum die 
Fläche beleben. Unter dem an der Kuppe erwähnten GCrucifixe erblicken wir auf dem Fuße des Kelches den in seiner Herrlich- 
keit thronenden Heiland, wie er dereinst am Ende der Zeiten zum Weltgerichte wiederkehren wird. Die Rechte ist segnend 
erhoben; die Linke hält das Buch des Lebens. Zu seiner rechten Seite sißt die Jungfrau Maria: auf dem linken Arme trägt 
sie den Jesusknaben, während die rechte Hand eine runde Frucht hält; das göttliche Kind ist auch hier wieder mit dem Buche 
des Lebens dargestellt. Zu den Füßen der Himmelskönigin knien zwei betende Figuren, abermals eine männliche und eine 
weibliche. In Haltung und Kleidung stimmen sie mit jenen an der Kuppe des Kelches durchaus überein; auch die beiden 
Schriftbänder fehlen nicht. Won der Beischrift der weiblichen Figur ist gar keine Spur mehr vorhanden; die der männlichen 
lautet ITOHANNES oder ITOHES - MAR. Obwohl das Niello selber fehlt, fo hat doch das Metall die Spuren der früheren 
Buchstaben bewahrt; dieselben beginnen bei den gefalteten Händen und sind rückwärts zu lesen! eine Anordnung, die uns in 
den Aufschriften der Patene ebenfalls begegnen wird. Die Buchstaben IOU sind recht deutlich und de8halb außer Zweifel; 
Über den Rest der Inschrift kann nur so viel mit Bestimmtheit gesagt werden, daß er den Raum für fünf Buchstaben aus- 
füllt. Die Lesart IOHES - MAR - würde in der genannten Aufschrift der Kuppe und in der bei der Patene zu erwähnenden 
ihre Analogien finden. 
Zur Linken des Weltheilandes sißen die beiden Apostelfürsten Petrus und Paulus, die zwar nicht durch Beischriften 
bezeichnet, aber dennoch durch ihre seit langen Jahrhunderten in der <ristlichen Kunst typisch gewordene Darstellung unverkenn- 
bar sind. Außer den vier besprochenen sißenden Figuren schmücken noch zwei stehende den Fuß des Kelches: es ist Maria und 
der Engel, welcher ihr die frohe Botschaft von der Fleisc<werdung Gottes verkündet. Maria hat beide Hände bewundernd 
erhoben; der Engel trägt ein in eine Lilie ausmündendes Scepter. Zwar ist es im RIU. Jahrhundert eine beliebte Sitte, 
*) Aus Versehen hat der Zeichner sowohl hier als auch auf der Patene FRIDERIG statt des auf den Originalen deutlich 
zu lesenden FRIDERICy in die Abbildung aufgenommen; ebenso steht in der Umschrift der Patene irrthümlich DNo statt DN9- Daß der 
Kurfürst auf dem Kelche nur Friedrich genannt ist, würde zwar nicht sonderlich auffallen, da derselbe Einzelname auch in einigen urkund- 
lichen Schriftstücken sich finvet ; doch zeigt die unsymmetrische Stellung, welche die Aufschrift zu dem darunter befindlichen Crueifixe 
einnimmt, daß ursprünglich die Hinzufügung des Namens Wilhelmus beabsichtigt war. 
3x) Wogen der Aehnlichkeit der Abkürzung mag hier an die Inschrift DVE DOMINE PYR(gravie) erinnert werden, welche 
fich in einem Chorfenster der Klosterkirche zu Heilsbronn (bei Nürnberg) unter dem Bilde zweier Burggräfinnen von Nürnberg befindet 
und dem leßten Drittel des XII. Jahrhunderts angehört. Vgl. Dr. R. G. Stillfried „Kloster Heilsbronn", Berlin 1877, Seite 98.
	        
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