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Erster Band Berliner Denkmäler Der Todtentanz in der Marienkirche zu Berlin

Full text: Vermischte Schriften im Anschlusse an die Berlinische Chronik und an das Urkundenbuch (Public Domain) Issue 1 Erster Band (Public Domain)

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nach dem Style des Bildes zu urtheilen, dieses mit ziemlicher Sicherheit in die Mitte des 15. Jahrhunderts oder wenigstens sehr 
bald nach 1450 seßen. 
Wer das Bild dort gestiftet habe, ob die Kalandsbrüder, wie Lübke vermuthet, die in der Kirche allein fünf Altäre 
besessen haben, oder ob es die Bürgerschaft der Stadt auch noch zur Erinnerung an jenen schrecklichen gerade an dieser Stelle verübten 
Mord am Propst Nicolaus hat anfertigen lassen, muß bis zur Auffindung gründlicherer Beweise vorläufig unbeantwortet bleiben. 
Um zur Darstellung des Bildes und seinem darunter stehenden Texte nun endlich überzugehen, so sehen Sie einen langen 
mehr schreitenden als tanzenden Reigen hier vor sich, der links von einer Kanzel, auf der ein Franziskaner die Vergänglichkeit des 
Jrdischen predigt, ausgeht, beginnend mit dem Küster und an der Kreuzesgruppe mit dem Papst endigend. Es sind vierzehn Per- 
sonen , dem Range nach geordnet. Zur Rechten des Kreuzes zieht sich dann ein Reigen der Weltlichen , vom Kaiser herab bis zum 
Narren. Die lette vollständig vernichtete Figur wird wohl nach Analogie der übrigen Bilder eine Mutter mit ihrem Kinde gewesen 
sein. Mit ihr würde auch der Reigen der Weltlichen vierzehn Personen umfassen. Der Tanz geht auf einer grünen Ebene vor sich, 
im Hintergrunde Wald und grüne Hügel, unter denen wir wohl kaum den Kreuzberg mit seinen Ausläufern vermuthen dürfen. 
Daß dieser Tanz wie auch der Lübe>er auf grünem Wiesenplane dargestellt ist, ist auch wieder eine Bestätigung meiner vorhin auf- 
gestellten Behauptung, daß dieses Bild eine wirklich stattgefundene Todtentanzprozession auf dem Kirchhof oder auf dem Anger zum 
Vorbilde gehabt haben müsse. Die Kreuzesgruppe mit Maria und Johannes könnte man sich dabei in Stein oder Holz gefertigt 
denken, an der hin sich der Zug bewegen mußte. Selbst die steinerne Kanzel links am Ausgange könnte eine Nachbildung solcher 
noch heute an vielen Kirchen des Abendlandes befindlichen für Predigten unter freiem Himmel bestimmten Lectorien sein. 
Unter der Kanzel, auf der der Franziskaner in brauner Kutte steht, liegen zwei fraßenhafte Thiergestalten ; das eine Un- 
geheuer bläst die Sackpfeife , das andere hat wie zum Lauern oder Horchen seinen Kopf dicht an die Erde gedrückt. Beide sollen 
jedenfalls den Teufel darstellen, wie er auf die Seelen der Menschen lauert und ihnen dann zum Tanze aus dem Diesseits mit 
höllischer Musik aufspielt. Den Reihentanz beginnt auf dieser Seite der Küster in blauem Unterkleide, ein weißes Chorhemd darüber, 
das Schlüsselbund in der Hand. Die folgende Gestalt war vollständig vernichtet und ist ergänzt worden ; aus einer Stelle des 
lädirten Textes aber läßt sich auf einen Kapellan schließen. Dann kommt der Offizial, der geistliche Richter in dem seinen Stand 
<arakterisirenden rothen Gewande, der Augustiner in einfacher grauer Kutte, der Prediger mit weißem Untergewande, durch ein 
feineres Gesicht von den bisher Genannten unterschieden, der Kirc<hherr im rothen Gewande, der Karthäuser die Kapuze über den Kopf 
gezogen, und der Doktor, Dieser, im Mittelalter zum geistlichen Stande gerechnet / prüft bedenklich das Glas. Sein Kopf ist 
besonders schön und <araktervoll gemalt und hat eine ganz merkwürdige Aehnlichkeit mit dem Kopfe des Doktors im Lübecker Tanze. 
Auch die Stellung und Haltung des Armes mit dem Glase ist sehr ähnlich, =- Alles Umstände, die auf ein gemeinsames Vorbild 
hindeuten könnten. Weiter folgt der Mönch im lehmgelben Mantel , die feine und zierliche Gestalt des Domherrn mit seinem schwarzen 
Mäntelchen über dem weißen Unterkleide , das wiederum ein blaues darunter vorsehen läßt, die feiste derbe Gestalt des Abtes mit 
seinem Stabe, der Bischof mit damastenem Ober- und Untergewande, beide mit breiten Goldborden eingefaßt, dann der Kardinal 
in rothem Mantel und Hut und endlich der Papst mit dreifacher Krone und reichem Gewande. Auch ihn, den Unfehlbaren , greift 
grinsend der Tod an, der hier, und nur hier allein , ohne das weiße Grabtuch erscheint. Bemerkenswerth sind noch die meist höh- 
nischen Grimassen der Tode, die aber alle wesentlich verschieden gebildet sind und schon deshalb in dem Verfertiger des Bildes 
keinen so ganz ungeschickten Künstler vermuthen lassen. 
Durd) braune Streifen von den beiden Reigen getrennt, wie sich solche rings um das Bild, nur breiter ziehen, sieht man 
Christus mit gesenktem Haupte, mit dem rothen Kreuznimbus auf grünem Grunde am hocherrichteten Kreuze hangen, links die Mutter 
in blauem Obergewande die gefalteten Hände nach oben gerichtet , das Haupt aber schmerzlich gesenkt; rechts steht Johannes im rothen 
Mantel über dem blauen Untergewande in anbetender Stellung. 
Den Reihentanz der Weltlichen von hier beginnt der Kaiser mit Krone und Scepter in einem blauen und goldigen langen 
Gewande, ihm zunächst steht die junge Kaiserin, einen weißen Schleier unter ihrer Krone, das rothe schleppende Obergewand mit der 
Rechten zum leichteren Schreiten leise empornehmend, so daß man das blaue Unterkleid etwas vorsehen kann. Es folgt der sehr 
jugendliche König mit langem blondem Haar und eigenthümlichen hellblauen Tuchschuhen und weißen Strümpfen angethan, dann der 
vom Kopf bis zu Fuß geharnischte Ritter, das breite Schwert wie zum Parademarsche in der Rechten, der Junker im blonden 
Gelo>e ohne Helm in zum Theil vergoldeter Rüstung, der Bürgermeister in der pelzverbrämten Schaube und dem schwarzen Barette, 
ihm zunächst sonderbarer Weise der Wucherer in feinem hellgrauem auch mit Pelz verbrämten Rocke, grauen Strümpfen und schwarzen 
Schuhen, die mit metallenem Bügel versehene Tasche am Gürtel tragend. Dann folgt der Junker mit reichem blonden Haar, bekleidet 
mit einer Art kurzen grauen Joppe und röthlich gelben eng anschließenden Beinkleidern , das kurze Schwert vorne am Gürtel, ferner 
der Kaufmann, gleichfalls wie ein Kavalier gekleidet, der Amt-, d. h. Handwerksmann, im rothen Kittel ein blaues Täschlein an der 
Seite und grauen Beinkleidern, der arme wie auf recht plumpen Holzschuhen einher stolpernde Bauer in grauem Kittel und grauem 
Barett, endlich der Narr mit Beinkleidern, von denen das eine grün, das andere gelb ist, und einem Schellengewande; eine Pauke 
steht vor ihm. Leider hat der Restaurator hier ein Versehen begangen: er hat nämlich die Füße in das Justrument hineingeseßt. 
Lüb>e hielt diese Figur für einen Koch. Den Beweis, daß es aber ein Narr sei, werde ich gleich nachher bei der Mittheilung 
des Textes geben. 
Leider ist der Text an vielen Stellen ganz unleserlich geworden, an andern Stellen garnicht mehr vorhanden, so daß ich 
Ihnen hier leider mur ein Bruchstük vorführen kann. Einiges konnte Lübke, der im Jahre 1860 den Text mit Maßmann ent- 
zifferte , namentlich nach Anfeuchtung der betreffenden Stellen mit dem Schwamm und warmem Wasser, noch ziemlich deutlich lesen, 
was heute unleserlich geworden. Manches aber ist auch noch später bei der Renovation wieder zu Tage getreten. Einige Stellen 
konnte ich mit gutem Bewußtsein im Anschluß an andere Todtentanztexte, namentlich die älteren Lübecker Drucke, ergänzen. Doch 
fehlt immer noch sehr viel. Es waren im Ganzen 362 Verse, von denen immer noch mehr als die Hälfte erhalten geblieben sind. 
Sie vertheilen sich so, daß unter jeder Person 2 3 6 solcher Reimzeilen stehen, auch unter der Kreuzesgruppe. Nur unter dem 
Franziskaner auf der Kanzel stehen oder standen vielmehr vierzehn solcher Verse, die als Einleitung zu dem Ganzen dienen sollten. 
Der Anfangsvers einer jeden Person, auch jede8mal der des Todes ist durch eine rothe Jnitiale bezeichnet. 
Berliner Denkmälo» 
Tafol 6 
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