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Erster Band Berliner Denkmäler Der Roland von Berlin

Full text: Vermischte Schriften im Anschlusse an die Berlinische Chronik und an das Urkundenbuch (Public Domain) Issue 1 Erster Band (Public Domain)

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In der That nahm unser Roland an allen hervorragenden Ereignissen der lezten Jahre seinen Antheil. 
Freilich sind die Zeiten vorbei, in denen ex die Marktfahne trug und den Beginn der Freimarktszeit verkündete oder zu 
Fastnacht der Gegenstand von Scherz und Wiß war; aber bei ernsteren Angelegenheiten fehlte er nicht. Vis in die jüngste Zeit wies 
er durch festlihen Schmu> an jedem 6. November auf die Zeit der Freiheitskämpfe hin. Mit den deutschen Farben, der schwarz- 
roth - goldenen Cocarde geziert, huldigte auch er den Hoffnungen auf ein mächtiges und freies Reich, die 1848 und 1849 alle Geister 
belebten; er betheiligte sich am 50 jährigen Jubiläum der Leipziger Schlacht und manchmal noch möge patriotische Hand ihn schmücken 
zu stolzen und frohen nationalen Festen. ' 
Der Ort, auf dem die Rolandssäule steht, bildet heutzutage nicht die Mitte des Marktplaßes, jedoch wird sich gerade 
an dieser Stelle in ältester Zeit das Standbild erhoben haben. Als das Rathhaus noch nicht erbaut war und der Markt bis zur 
Liebfrauenkirche sich hinzog, nahm es wohl die Mitte des Platzes ein; das Bild von 1366 wird da errichtet sein, wo das alte stand, 
obwohl schon durch das Gebäude der Lohgerber und das Haus von Gottschalk Frese der Mittelpunkt des Marktes verschoben war , 
auch 1404 scheint kein neuer Plaß für das Standbild gewählt zu sein, wie denn das Mittelalter nur ungern die Erinnerungen auf- 
gab, die an eine bestimmte Stätte sich knüpften. 
So kam es, daß man keine Rücksicht nahm auf den Plan des neuen Rathhauses, an dessen Erbauung man damals schon 
dachte. Der Roland steht zu der Fronte des Gebäudes in keinem symmetrischen Verhältnisse, wenn er auch fast wie ein Zubehör 
des mittelalterlichen Baues erscheinen mochte. 
Obwohl in älterer Zeit manche Reminiscenz gerade diese Stelle des Marktes bedeutsam gemacht haben wird, wissen wir 
doch nicht, welcher Art ihre Bedeutsamkeit war. Eine Gerichtsstätte befand sich vor dem Rolande nicht; von dem Plaße des Noth- 
gerichts wird später gesprochen werden; daß das Halsgericht nicht vor der Säule gehegt wurde, ist schon oben gesagt worden und 
auch der gewöhnliche Richtplaß war nicht dort, da die Hinrichtungen außerhalb des Weichbildes der Stadt vorgenommen zu werden 
pflegten. Nur einmal stand, soviel wir wissen, vor dem Rolande ein Blutgerüst. Zwischen ihm und dem ehemaligen Pranger war 
am 12. Mai 1654 das Schaffot für Burchard Lösekanne errichtet worden, dem ehemaligen Aeltermanne der Kaufleute, der von 
dem Rathe des Meineides und der Verrätherei für schuldig erklärt war. Könnte das steinerne Bild von dem Vorgange jenes Tages 
reden, so würde es schwerlich die bisher übliche Darstellung jener Parteikämpfe bestätigen. 
Die Rolandssäule, die jezt auf unserem Markte sich erhebt, entbehrt freilich , wie gesagt, des reichen Farbenschmucks , den die 
in den Denkmälern gegebenen Abbildungen darstellen ; aber im übrigen schen wir noch das Werk des Mittelalters vor uns. Schauen 
wir dieses genauer an, so erledigt sich uns der oben angedeutete Zweifel , ob es eine Schöpfung des 15. oder des 16. Jahrhunderts 
sei. Wir finden nämlich an der Säule die deutliche Spur jener »Erneuerung und Renovirung« von 1512 und in der Tracht des 
Riesen den sicheren Hinweis auf die Entstehung zur Zeit des Rathhausbaues. 
Unsere Abbildung lehrt, daß die Figur ehemals unter einem gothischen Baldachine stand ; die unteren Theile desselben sind noch 
erhalten und zeigen reiche Ornamente ganz derselben Art, wie die Sculpturen über jenen Standbildern am Rathhause, die im nächsten 
Abschnitte zu besprechen sind. Wie die Baldachine über diesen Figuren sechse>ig waren, so bietet dieser, der nur zur Hälfte aus 
dem Pfeiler hervortritt, die drei Seiten eines Sechse>s, die in jeder Linie darauf hinweisen, daß ehedem eine schlanke Spike über 
dem Ornamente in die Höhe stieg, und war dieses der Fall, so muß früher der Pfeiler, an den die Figur sich lehnt, höher gewesen 
sein, als jeht. Der obere Theil des Baldachins wurde abgeschnitten, der Pfeiler verkürzt und mit den noch jezt vorhandenen drei 
Spißen versehen, die dem Werke nicht ursprüngli angehört haben können, da sowohl der Baldachin, als auch die Construction des 
Pfeilers einen andern Abschluß verlangt. Die Sculpturen der drei Spißen weisen auf den Anfang des 16. Jahrhunderts; das 
eiserne Dach, das jeht die Stelle des Baldachins vertritt, gehört aber einer der Restaurationen an, die gelegentlich in noch späterer 
Zeit mit der Säule vorgenommen sind. 
So wurde freilich der nicht figürliche Theil der Rolandssäule angetastet; aber die Gestalt des Riesen selbst blieb unver- 
ändert. Die verschiedenartige Bemalung, welche ihr jedes spätere Jahrhundert nach Willkür zu geben pflegte, hat ihre Formen zwar 
etwas verwischt, aber nicht entstellt. 
Die Figur, die 18' 5'' hoch ist, will nicht als gewöhnliche Statue, auch nicht einfach als Bildniß eines gewaltigen Reen 
betrachtet sein, sondern als ein monumentales Werk von symbolischer Bedeutung, an dem die Architektur ebenso wohl, wie die Bild- 
nerei Anrecht hat. Der Coloß soll nur im Großen und Ganzen wirken; trotz der Riesenhaftigkeit ist das Ebenmaß der Verhältnisse 
gut gewahrt; die Einfachheit der Composition erhöht den gewaltigen Eindruck, und von allen Rolandsbildern, deren Abbildungen uns 
vorliegen, steht dem Bremischen keines an Großartigkeit und eigenthümlicher Schönheit gleich. Schon diese Art der Behandlung läßt 
eher auf ein Werk des 15., als auf eine Schöpfung des 16. Jahrhunderts schließen. Sodann erscheint aber Roland in der Nitter- 
tracht des ausgehenden 14. Jahrhunderts, in einer Kleidung, die mit dem Costüm mehrerer der Standbilder am Rathhause aufs 
Getreueste harmonirt. Jhre Bedeutung tritt besonders hervor, wenn wir sie mit der Tracht einer anderen Rolandssäule vergleichen, 
die ebenfalls dem Bremischen Gemeinwesen angehörte. Im Amtsgarten zu Bederkesa steht jekt die 5' 7'' hohe Figur eines gehar- 
nischten Ritters, die bis 1817 die Krönung eines Brunnenhauses schmückte. Sie entstammt der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, 
jener Zeit, in der Bremens Herrschaft über einen großen Theil der umliegenden Lande besonders stark war und Bederkesa als der 
feste Wassenplaß betrachtet wurde, der diese Herrschaft sichern sollte. 1460 ward das dortige Schloß vom Rathe neu aufgebaut 
und wahrscheinlich entstand auch damals jene Rolandssäule über dem Marktbrunnen. Sie hält, wie die unsrige, das bloße Schwert 
in der Rechten ; von Eisen gearbeitet, trägt es die Jahreszahl 1605, das Datum einer spätern Restauration; die Linke stüßt sich 
auf den Schild, während unsrer Figur der Schild an dem gebogenen linken Arme hängt, beide Schilde zeigen den zweiksöpfigen Adler. 
Der Bederkeser Roland trägt auf dem Kopfe eine Sturmhaube mit Federn, an die sich die Halsbrünne anschließt, der unsrige steht 
mit bloßem Haupte da. Diese Verschiedenheiten sind ohne größere Bedeutung ; sehen wir aber auf die Rüstung der beiden Figuren, 
so zeigt sic) uns, daß der Roland auf unsrem Markte eine weit jüngere Arbeit sein muß, als jene Bildsäule in Bederkesa, die 
sicherlich , gleich jenem, von Bremischen Meistern gearbeitet ward. Der Roland von Bederkesa ist von Kopf bis zu Fuß in Eisen: 
ein Plattenharnisch deckt den Oberkörper, zwei Parirschilde zeigen sich auf der Brust, vorspringende Kacheln an Achseln und Ellen- 
bogen, an den Brustpanzer schließt sich der Krebs, der die Oberschenkel schüßt, und die Beine sind vorn geschient, während hinten der 
Schuppenpanzer zum Vorschein kommt. Nur die Beinrüstung unseres Roland gleicht dieser Kleidung des Bederkeser Standbildes ; 
sonst erscheint er in der Tracht einer früheren Zeit; denn um die Brust schließt sich der Lendner, der enge Waffenro>, der aus ge- 
preßtem Leder bestand und über dem Kettenhemde getragen wurde. Im Gegensaß zu der Knappheit der sonstigen Kleidung liebte 
die Mode des ausgehenden 14. Jahrhunderts weitbauschige Aermel, wie sie unsere Figur trägt. Weil sich der Lendner eng um den 
Körper schloß, wurde ein Gürtel unnüß und statt seiner zeigt sich der schwere Wehrgurt, der aus breiten und dicken viere>kigen Metall-
	        
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