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Erster Band Berliner Denkmäler Der Todtentanz in der Marienkirche zu Berlin

Full text: Vermischte Schriften im Anschlusse an die Berlinische Chronik und an das Urkundenbuch (Public Domain) Issue 1 Erster Band (Public Domain)

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IW Nach dem Abzuge der Franzosen aus Berlin wohnte die ganze Familie dem Einzuge der braven Truppen bei, 
welche die Belagerung in Kolberg standhaft ausgehalten hatten. Es war nur eine kleine Scaar von einigen Tausend, 
einige Shwadronen Husaren und reitende Jäger, einige Bataillone Infanterie. Vor allen mit Jubel begrüßt wurde der 
Major v. Schill. Die Einwohnerschaft war hocherfreut, wieder preußische Soldaten mit den alten Feldzeichen, obschon in 
veränderter Tracht nach französischer Art, in ihrer Mitte zu sehen. Während die Rückkunft des Hofes wegen des österreichisch- 
französischen Krieges von 1809 sich noh verzögerte, traf der neu ernannte Minister der auswärtigen Angelegenheiten Graf 
von der Gol ein und übernahm die Leitung der geschäftlichen Beziehungen zu dem ebenfalls in Berlin anwesenden diplomatischen 
Corps, wobei ihm der Vater Le Coqs zugeordnet war. Der für Oesterreich ungünstige Ausgang des Krieges erregte in 
Berlin allgemeine Trauer. Neue freudige Impulse gab erst der Einzug des Königs und der Königlichen Familie, dem die 
Familie Le Coq wiederum aus den Fenstern des geheimen Staat8-Archivs am Scloßplate zusah. Der König war von 
dem herzlichen Empfange so ergriffen, daß er sich, zu Pferde sitzend, fortwährend die Thränen troc>nete. Auch die Königin, 
in dem von der Stadt Berlin geschenkten Staat8wagen aus einheimischen Hölzern, dankte. tief gerührt von den begeisterten 
Zurufen, welche kein Ende nehmen wollten. Der Kronprinz marschirte zu Fuß mit dem neuformirten Garde-Regiment, 
dessen Uniform er trug. Die Rückkehr der Königlichen Familie galt für alle treuen Herzen als eine Bürgschaft kommender 
besserer Zeiten. Auch die Geselligkeit fing an, sich wieder zu beleben. 
Aber bald kam neue Trauer über das Land. Der Tod der Königin Luise im Juli 1810 erschütterte die eben sich 
erst wieder neuer Zuversicht öffnenden Herzen. Statt der von freudiger Rührung strahlenden schönen Königin zog nun ihre 
Leiche durch das Brandenburger Thor in die Hauptstadt ein. Von dem Hause über der Wache sah Le Coq mit Mutter 
und Bruder auch diesen Trauerzug. Als die schwarz umflorten acht Pferde und der Leichenwagen selbst unter vem Schalle 
gedämpfter Pauken und Trompeten auf dem Pariser Plate anlangten, blieb kein Kopf in der dicht gedrängten Volksmenge 
bede>t und allgemeines Mitgefühl gab sich in ergreifender Weise kund. 
Inzwischen sezten die beiden Knaben ihren Schulbesuch ungestört fort. Ein Hauslehrer Langer, Freund ves 
„Turnvaters“ Jahn, dem er seine Eleven auch gelegentlich in den „Zelten“ bei einem Spaziergange vorstellte, förderte sic 
weniger wissenschaftli) als in studentischen Fertigkeiten, z. B. Fechten und Ringen. Auf sein Betreiben wurden die Brüder 
als Turner eingeschrieben und besuchten den Turnplaß in der Hasenhaide, fanden aber kein jonderliches Gefallen an der 
Turnerei und zogen sich bald zurük. Le Coq verließ vie Messowsche Schule am 1. Oktober 1811 und jebte seine Studien 
auf dem Werderschen Gymnasium fort, in dessen Obertertia er aufgenommen wurde. Mit Spannung wurden damals die 
Kriegsberichte aus Spanien und Portugal verfolgt. Die lügenhaften französischen Bulletins, wonach die Feinde stets 
„ecrasirt“ oder „pulverisirt“ waren, täuschten nur wenige. Schon die lange Dauer des Krieges erregte die Hoffnung, daß 
die Kräfte des Franzosenkaisers sich erschöpfen würden und Preußens Stunde bald kommen werde. Die Familie Le Coq 
verlebte das Jahr 1811 in ungetrübter glücklicher Häuslichkeit, in welcher auch edle Geselligkeit fleißig gepflegt wurde. 
Der Sommer war ununterbrochen schön. Der hell leuchtende Komet, welcher mit seinem Schweife einen großen Theil des 
Himmels einnahm, verlieh den späteren Abendstunden besonderen Reiz. Gegen Ende des darauf folgenden Winters wurde 
es klar, daß Bonaparte einen Krieg gegen Rußland vorbereitete. Im Februar 1812 verpflichtete sich der König, ein Hülfs- 
korps zu stellen und den Rest der Kontribution dur) Lieferungen an die französische Armee abzutragen. Anfangs Mai 
begannen die Durchzüge der lezteren. Die Truppen, welche Le Coq die Linden entlang ziehen sah, hatten im Ganzen das 
Ansehen von 1806/7; nur die bärtigen Sappeure waren verschwunden, und mancher Offizier saß mit einem Stelzfuß zu 
Pferde. Die Einquartierungslast begann von neuem. Indessen änderte sich dies mit dem Uebertritt von Le Cog5 Vater 
in feine neue amtliche Stellung als Polizei-Präsident, womit die Uebersiedelung der ganzen Familie in das Polizei-Gebäude 
am Molkenmarkt verbunden war. Die französisc<en Generale und höheren Militär-Administration3-Beamten dinirten bei 
Le Coqs Eltern. Nach dem Abgange des Marschalls Oudinot, welcher einen sehr guten Namen hinterließ, wurde der 
Divisions8general Durutte französischer Gouverneur oder Kommandant von Berlin, ein einfacher und anspruchsloser Mann. 
Er überraschte die Frau des Hauses durc<h seinen Wunsch, bei Tische Bier zu trinken. Im Herbst 1812 ging er zur großen 
Armee ab und ein Brigade-General Heberrath folgte ihm, „etwas gebrechlich, freundlich und gutmüthig“. Im Winter 
sah Le Coq den General Lauriston und einen Payeur general de Lambo < , beides Männer von feiner Bildung und 
angenehmen gesells<haftlichen Formen, bei seinen Eltern. Von dem preußischen Hülfskorps unter General v. Grawert, 
dann York, erfuhr man nur wenig. Dasselbe operirte, mit Ausnahme zweier der Hauptarmee gefolgter Kavallerie- 
Regimenter, bekanntlich als ein Theil des Macdonaldsc<en Korps in den Ostsee-Provinzen. Gegen Ende des Jahres 1812? 
zeigten sich überall Symptome, daß Napoleons Glü> zu weichen begann. Ungefähr um die Zeit der Malletschen Ver- 
sc<wörung in Paris traf in Berlin die Kunde von vem Rüczuge Napoleons aus Moskau (nach den französischen Berichten 
einer Flankenbewegung nac) Kaluga) ein. Die seit dem Frühjahr 1812 sehr gesunkenen Hoffnungen auf Befreiung von 
französischem Joche belebten sich aufs neue. Das 28. und 29. Bulletin ließen keinen Zweifel mehr, daß die Armee sich 
auf fluchtähnlichem Rückzuge befand. Ungefähr gleichzeitig wurde Bonapartes Cintreffen in Paris bekannt. Erst nach- 
träglich erfuhr man in Berlin seine eilige Fahrt durh Warschau, Glogau, Dreövden, bald nachher auch 9) orks Konvention 
in der Poscheruner Mühle vom 30. Dezember 1812. Langsam bewegten sich klägliche Ueberreste der großen Armee durc 
Berlin, lauter einzelne Trupps ohne taktische Ordnung, ohne Waffen, mit zerlumpten Kleidern, zum Theil in Frauenröcen 
zum Schußz gegen die Kälte. Die Flüchtigen wurden meistens nach Magdeburg dirigirt durch das bei vem eingetretenen 
Thauwetter äußerst sumpfige Havelland. Seit der Abreise des Königs nach Breslau wurde die Stellung des Polizei-Präsidenten 
immer schwieriger. Marschall Augereau, vem während des Krieges die De>ung ves Rückens der großen Armee anvertraut 
war, hatte seinen Sitz in Berlin genommen. Nach einer sehr bewegten Vergangenheit als Reitknecht, Fechtmeister, gemeiner 
Soldat hatte er sich durch persönlichen Muth in den ersten Revolutionöjahren bis zum Division8-General aufgeschwungen
	        
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