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Erster Band Namhafte Berliner Richard Wüerst

Full text: Vermischte Schriften im Anschlusse an die Berlinische Chronik und an das Urkundenbuch (Public Domain) Issue 1 Erster Band (Public Domain)

ar. 
immatrikulixt und blieb bis zum Februar 1845 auf der Anstalt. Hier genoß er den ganz unzureichenden Unterricht 
A. W. Bach'3 und den mäßig fördernden von C. F. Rungenhagen, der, damals schon ein Sechziger, die musikalischen 
Studien der Eleven leitete und zugleich Direktor der Singakademie war. Wenn der Unterricht desselben auch mancherlei 
zu wünschen übrig ließ, so hatten doh die vielfachen gemeinsamen Uebungen mit Chor und Orchester, sowie die Gelegen- 
heit, si< als Solist einem kleinen Publikum zu zeigen, den besten Einfluß auf die Eleven. Wüerst erzählte später selbst, 
wie vortrefflich es Rungenhagen verstand, seine Schüler in die musikalische Praxis einzuführen. Ein Jeder mußte singen, 
mochte er Stimme haben oder nicht, mußte dirigiren und das Instrument spielen, welches ihm eben in die Hand gegeben 
wurde. „Wüerst wird Bratsche spielen“, hieß es einst in der steifen, altväterischen Art, die Rungenhagen seinen Schülern 
gegenüber liebte. Was half es, daß Wüerst nie Bratsche gespielt zu haben betheuerte =- er spielte Bratsche und hat 
es nachher nicht mehr verlernt. 
Allmälig hatte Wüerst unter der Leitung von Hubert Ries eine bedeutende Fertigkeit auf der Violine ge- 
wonnen und mehrfach Gelegenheit gehabt, öffentlich zu spielen. Sein Hauptstreben blicb es aber doc<, als schaffender 
Künstler selbstständig zu arbeiten. In tiefster Bewunderung der klassischen Meister schrieb er in jener Zeit zwei Septette 
für die nämlichen Instrumente, für welche Beethoven sein Septuor komponirte. Ohne sein Wissen zeigte Nies die 
Partitur des letzten derselben Felix Mendelssohn-Bartholdy, welcher das Talent des Jünglings auc in diesem 
Erstlingswerk sofort erkannte und ihn eines Tages zu sich beschied. Diese Begegnung war epochemachend für Wüerst's 
ganze künstlerische Entwickelung. Mendelsohn nahm sich seiner mit wahrhaft väterlicher Theilnahme an und, was die 
Hauptsache war, er erlaubte ihm, zweimal wöchentlich zu ihm zu kommen, um mit ihm zu arbeiten. Von dem Moment an 
erschloß sich vem jungen Künstler ein ganz neuer Gesichtskreis. Einer <arakteristisch<en Acußerung Mendelssohn's 
möcten wir hier gedenken, von welcher Wüerst selbst in einem Aufsaß (Aus meinen Lehrjahren. Bazar, 1864, Nr. 24) 
erzählt: „I< hatte Menvdelssohn soeben zwei Säße eines Trios vorgespielt, von denen derselbe eben nicht sehr erbaut 
zu sein schien. Plößlich fuhr er auf, indem er auf eine fugirte Stelle im Andante zeigte: „Ist das Thema richtig beant- 
wortet?“ „Nein“, stotterte ich. „Und warum denn nicht?“ „Es klang mir besser so.“ „Na, Gott sei Dank, daß Sie etwa3 
wider die Regel geschrieben haben“, rief ex da laut lachend, „das freut mih! Suchen Sie nur allen Sculstaub so lo3 
zu werden, und glauben Sie mir, was hübsch ist, ist immer richtig.“ 
Mendelssohn war es auch, der Wüerst bewog, aus der Königlichen Kapelle auszutreten, dex ex, um das 
Orchester gründlich kennen zu lernen, seit zwei Jahren angehörte und in welcher er als Geiger, Bratschist und Pauker den 
Dienst von der Pike auf gelernt hatte. 
Jebt galt es eine größere Bildungsreise anzutreten, um den damals sehr eng begrenzten Berliner Horizont mit 
einem weiteren zu vertauschen. Von Mendelssohn mit gewichtigen Empfehlungsbriefen für alle bedeutenden Musikcentren 
des In- und Auslandes versehen, wandte er sich zuerst nach Leipzig, wo Ferdinand David, der in jener Zeit auf der 
Höhe seines virtuosen Könnens stand, und Niel3 Gade, welcher damals die Gewandhaus-Konzerte dirigirte, seine Studien 
leiteten. Im Frühjahr 1845 reiste Wüerst zum Musikfeste nach Düsseldorf, wo er Iulius Rietz kennen lernte und im 
Künstlerkonzert die Bratshenpartie in den Haydn'schen Kaiser Franz-Variationen ausführte. Den Sommer desselben Jahres 
verlebte er in Frankfurt a. M., von wo aus er wöchentlich ein- auch zweimal nach Soden zu Mendelssohn fuhr, um 
diesem seine Arbeiten zu zeigen und von ihm Rath und Unterweisung zu empfangen. 
Nach längerem Aufenthalt in Brüssel und Paris, wo er mit Iulius Stern zusammen gründliche Gesangsstudien 
machte, kehrte Wüerst nach seiner Vaterstadt zurük und suchte sich als Lehrer bekannt zu machen. In dieser Zeit schrieb 
er seine erste Oper „Der Rothmantel“, zu welcher er sich den Text nach einem Volksmärchen von Musäus selbst verfaßt 
hatte. Er hatte das Werk ver Intendanz der Königlichen Schauspiele kaum eingereicht, als auch schon die Nachricht ein- 
traf, daß die Oper angenommen sei. Ebenso schnell ward die Aufführung in Angriff genommen. Otto Nikolai, der in 
einem noch vorhandenen schriftlihen Gutachten dringend zur Annahme des Werkes gerathen hatte, studirte dasselbe auch 
ein und leitete am 1. Dezember 1848 die erste und einzige Aufführung desselben. Der Erfolg der Oper scheiterte an 
Mißgriffen, welhe Wüerst in dem Libretto begangen hatte; er sagte selbst darüber in seiner humoristischen Art und Weise: 
„Der Komponist Wüerst bekam die Ohrfeigen, welche vem Librettisten gebührt hätten.“ Aber weniger die laue Aufnahme, 
die der „Rothmantel“ fand, als vielmehr die sich beim Anschauen und Anhören des eigenen Werkes aufdrängende Ueber- 
zeugung, mit etwas Unfertigem hervorgetreten zu sein, veranlaßten den Komponisten, die Oper zurückzuziehen. Durch Nikolai 
dazu angeregt, begann Wüerst nun eifrige Gesangsstudien bei C. W. Teschner, um die Behandlung der menschlichen 
Stimme auf diese Art an sich selbst kennen und dadurch wiederum gesanglich schreiben zu lernen, was ihm später so voll- 
fommen wie Wenigen gelungen ist. 
Durch den Mißerfolg seiner Oper keine5wegs entmuthigt, komponirte Wüerst fleißig weiter, unter anderem eine 
später übrigens nicht edirte Symphonie in D-dur, welche im Jahr darauf in den Symphoniesoireen der Königlichen Kapelle 
aufgeführt und beifällig aufgenommen wurde. Das nächste Frühjahr brachte ihm ven ersten wirklichen Erfolg dadurch, 
daß seine F-dur-Symphonie (Op. 21) in Köln unter 52 eingesandten Werken den Preis gewann. Friedrich Wilhelm IV. 
übersandte Wüerst bei Annahme der Dedikation dieser Preissymphonie die goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft. 
Interessant dürfte es sein, daß eigentlich Robert Schumann die Veranlassung zu diesem Erfolge gewesen ist. Be- 
hufs einer Aufführung hatte nämlich Wüerst die Symphonie an Schumann nach Düsseldorf gesendet. Dieser schnitt 
auf eigene Hand ven Namen aus Stimmen und Partitur, sehte auf diese das Motto: „Geh hin, mein Kind, und brich die 
goldene Frucht“ und sandte sie nac< Köln zur Konkurrenz. Erst aus der Zeitung erfuhr Wüerst sein Glü>. In jene 
Zeit fiel auch seine erste Bekanntschaft mit Theodor Kulla>, dem späteren, leider zu früh verstorbenen Direktor der 
„Neuen Akademie der Tonkunst“, welcher damals der Oeffentlichkeit no< nicht entsagt hatte und unbestritten als bedeutendster
	        
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