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Erster Band Namhafte Berliner Louis Schneider

Full text: Vermischte Schriften im Anschlusse an die Berlinische Chronik und an das Urkundenbuch (Public Domain) Issue 1 Erster Band (Public Domain)

sein Entschluß fest, der Bühne Valet zu sagen, deren Kunst zu tief in seinen Augen entwürdigt worden war. Noch einige 
Tage blieb ex in Hamburg, um wie er in seiner Nede verheißen hatte, Iedem der es wollte, in seiner Wohnung Rechenschaft 
über sein biSheriges Verhalten zu geben. Es ließ sich natürlich Keiner bliken, und so ging er um bittere Erfahrungen 
bereichert nac) Botsdam zurück. 
So trübe die nächsten Tage in dieser Stadt für Schneider waren -- lebte er doch in ganz ungewissen Verhältnissen 
und ohne jede sichere Hoffnung auf feste Lebensstellung =-, so sollten sie do< den Beginn einer neuen wichtigen Epoche in 
seinem Leben bilden. Es ist die seiner Vorleserzeit vom Jahre 1848--1857. Daß Schneiders Auftreten in der lekten 
Zeit ihm einen Namen auch in höheren Kreisen gemacht hatte, ist erklärlich, aber auch in früherer Zeit hatte er schon 
Aufmerksamkeit an Allerhöchster Stelle durch seine literarische Thätigkeit erregt. Ießbt trat Schneider außer in seinem 
Soldatenfreunde in der „Wehrzeitung“ als eifriger Vorkämpfer für die Armee gegen alle Versuche der Verführung oder 
Herabsezung auf. Diese merkwürdige Zeitschrift hat er bis zum Jahre 1854, in dem die Angriffe auf die Armee aufhörten, 
redigirt. Veranlassung zu sehr interessanten Beiträgen zum Soldatenfreund bot auch der jchleswig-holsteinische Krieg dar, 
ven zu schildern Schneider sich persönlich auf einige Zeit nach dem Kriegssc<auplatz begeben hatte. 
Die“ nächste Veranlassung, in persönliche Berührung mit dem König zu kommen, gab sein Drama: „Die Quißow“", 
deren Vorlesung vor vem Königlichen Hofe ihm zu seiner größten Ueberraschung befohlen wurde. Es sind diese Quitzow 
eine Dramatisirung des bekannten historischen Nomans von Klöden. Das Drama ist leider niht in dem Maße befannt 
geworden, wie dasselbe es verdient hätte. Diese „Quitow"“ waren es also, die Schneider zum ersten Male an jener 
hohen Stätte vorzulesen die Ehre hatte und vie ihm den vollen Beifall, wenn auch niht des ganzen Auditoriums, so doch 
den des Königs eintrugen. Sodann waren es seine Erzählungen aus Schleswig, die den König in hohem Maße interessirten 
und allmälig den Vorleser dieser Erzählungen immer dauernder an den Königlichen Hof fesselten. In den ersten Jahren 
war die Stellung Schneider3 durchaus keine feste, auch bezog er für seine Mühe kein Gehalt. Mit Recht rühmt er sich 
in seinen Memoiren, daß er von dem freigebigen Fürsten nur ein einziges Geschenk erhalten habe. Es ist dies sehr 
bezeichnend für das Verhältniß, in welchem er zu dem Fürsten stand. Jedenfalls war er kein gewinnsüchtiger und egoistischer 
Hofschranze, sondern die38 Verhältniß war ähnlich dem von uns oben geschilderten zu Kaiser Nikolaus, beruhend auf 
reiner pietätsvoller Verehrung gegen den Monarchen. 
Wa3 ev von ihm in seinen Memoiren erzählt, klingt wehmüthig und ernst, nie fällt ex in die Sprache de3 
Schmeichlers, nur gegen gemeine Berleumdung vertheidigt er ihn in würdiger Weise. Deshalb sind seine Angaben und 
Urtheile über den König um so glaubwürdiger, und verdienen es, bei einer künftigen Geschichtsschreibung dieser Epoche 
beachtet zu werden. Schneider hat in seinem Werke ein Berzeichniß seines Repertoirs5 hinterlassen, welches uns einen 
Begriff giebt von der Fülle und Mannigfaltigkeit dieses Wirkens. Die Vorlesungen hatten zum Gegenstand alles Mögliche, 
hauptsächlich aus dem Gebiete der vaterländischen Poesie und Historie. 
Wie viel anziehende und interessante Bilder hat er von den Reisen, auf denen er den König begleiten durfte, 
hinterlassen. Sie zeigen Schneiders stilistische Gewandtheit und feuilletonistisc<he Kunst im vollsten Maße. Was er 
empfand, als sein Königlicher Freund in den letzten Jahren so unendlich leiden mußte, dafür findet er kaum in seinen 
hinterlassenen Aufzeihnungen Worte. Nie hat er diesen großmüthigen Fürsten vergessen können, wenn er auch zu seinem 
Nachfolger in ein nicht minder ehrenvolles Berhältniß trat. 
Doch wir wollen nicht in den Fehler der vorlauten Zeitungsschreiber verfallen, die wenige Tage nach dem Tode 
Schneiders schon dies Verhältniß weitschweifig erörterten und kritisirten, ohne zu bedenken, daß das volle Verständniß 
jener Beziehungen kaum in den nächsten Jahrzehnten gegeben werden wird. Auch hat Schneider selbst oft genug angedeutet, 
daß er über das, was er von unserem Kaiser zu erzählen wisse, und was der Geschichte noch nicht angehört, nichts bei 
Lebzeiten desselben der Oeffentlichkeit unterbreitet wissen wolle. Ehren wir diese Scheu, und beschränken wir uns, die lebte 
Periode Schneiders nur in großen Umrissen hier zu beleuchten. 
Ic<h wüßte kaum, was von dieser lezten Epoche Schneiders passender gesagt werden könnte, als das schöne 
Wort Goethes: 
„Was3 man in der Jugend wünscht, hat man im Alter die Fülle.“ 
Zunächst hatte er jeht mehr Zeit und Gelegenheit, seiner literarischen Neigung nachzuhängen, denn seine amtliche 
Thätigkeit beschränkte sich auf die Aufsicht über die Königliche Vrivatbibliothek, sowie auf einen einmaligen Vortrag beim 
Kaiser, der in der Regel jeden Sonnabend früh 7--8 Uhr stattfand. „Wie ein Inventarstük wurde er aus der Hinter- 
lassenshaft Friedrich Wilhelm IV. in den jetzigen Hof hinüber genommen“, schrieb in der neuesten Zeit eine höhnische 
Feder. Wenn damit gesagt werden sollte, daß er dem Herrscherhause innig und unveräußerlich angehörte, so liegt allerdings 
etwas Wahrheit in dieser jammervollen Phrase. Die Pietät, die unser Kaiser jeder Zeit für seinen Bruder gehabt hat, 
äußerte sich auch in der fast freundschaftlichen Zuneigung, die der Kaiser unserm Schneider bis zu seinem Tode hewahrt 
hat. Es gab keine wichtigere Reise und kein größeres Unternehmen des Monarchen, bei wel<gem Schneider nicht als 
Berichterstatter verwandt wurde; namentlich nahm ev in dieser Stellung an den beiden Feldzügen der Jahre 1866 und 
1870/71 Theil. Er war es, der mit Autorisation des Monarchen jene offiziellen Berichte schrieb, die ohne alle Ruhm- 
redigfeit die ewig denkwürdigen Thaten jener beiden Feldzüge beleuchten. Auf den größeren Manövern begleitete er den 
Kaiser und z. B. auch auf der denkwürdigen Fahrt nach Mailand. 
Was sein sonstiges literarisches Wirken anlangt, so war es diese lezte Epoche, in der er sich mit besonderer 
Vorliebe ver märkischen Geschichtsforschung hingab. Wenn auch die Zeit größerer produktiver Thätigkeit vorüber war, so 
wirkte er doch in vem eben angedeuteten Fache anregend in jeder Beziehung. Zahlreiche Materialien für alle möglichen 
Gebiete der märkischen Historie hat er gesammelt. Im Jahre 1862 stiftete er den Potsdamer Geschicht5verein und 1868
	        
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