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Erster Band Namhafte Berliner Louis Schneider

Full text: Vermischte Schriften im Anschlusse an die Berlinische Chronik und an das Urkundenbuch (Public Domain) Issue 1 Erster Band (Public Domain)

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Die Eltern unternahmen jeßt eine Kunstreise dur< Deutschland, während der Knabe zu Berlin in Pension zurück- 
gelassen wurde, um den vernachlässigten Schulunterricht wieder aufzunehmen. E38 wax die damals blühende Hartungsche 
Schule, welche er besuchte, und hier war es auch, wo bei Gelegenheit eines öffentlichen Examens der berühmte Ludwig 
Devrient auf das deklamatorische Talent des Knaben aufmerksam wurde und ihm die Versicherung gab: „Mein Sohn, 
Du wirst einmal ein großer Schauspieler werden; aber sei recht fleißig, daß Du es nicht zu werden brauchst.“ Diese 
Worte blieben, wie es sich denken ließ, dem Knaben unvergeßlich und sie waren Auss<hlag gebend für die Wahl seines 
zukünftigen Berufs. 1817 kehrte der Vater plößlich nac< Berlin zurück und faßte ven schweren Entschluß wieder in die 
untergeordnete Stelle eines Kammermusikus einzutreten. In demselben Jahre starb der Bruder Franz, und der kleine 
Louis war, da der Bater nur mit seinem Dienst sich beschäftigte, vollkommen sich selbst überlassen. Er verwilderte damals 
ganz und gar, besonders auf dem Werderschen Gymnasium, zu welchem er in der Folge übergegangen war. Bei seiner 
leichten Auffassungsgabe lernte er alles, ohne viel Anstrengung, aber ohne Gründlichkeit und ohne Ernst. Sc<neider 
datirt den Beginn feiner neuen Laufbahn von seinem Auftreten als Elamir in der Oper Axur am 4. Mai 1820 ab, wo 
er mit nicht geringerem Stolze als damals zu Reval seinen Namen auf dem Zettel mit Louis Schneider verzeichnet fand. 
Auf solche kleine Nebenrollen =- die er übrigens nicht ohne Geschik gespielt haben muß, denn er erwarb sich, 
wie aus einzelnen Anzeichen zu merken ist, bald die Zuneigung des Publikums und erregte sogar die Aufmerksamkeit des 
bekanntlich für sein Schauspielhaus sehr interessirten Königs -- beschränkte sich die schauspielerische Thätigkeit fürs Erste. 
Diese wurde etwas im Jahre 1822 unterbrochen, als ver 17jährige seiner einjährigen Militärpflicht genügte. Er war 
als echtes Berliner Kind von jeher für das Soldatenleben begeistert gewesen, und diese Begeisterung kühlte sich auch nicht 
ab, als er nun wirklich den Dienst mit allen seinen Beschwerlichkeiten kennen lernen mußte. Auch genoß ver junge 
Schneider eine nicht unbedeutende Protektion. Sein Vater bekleidete seit 1820 die einflußreiche Stellung eines Musik- 
direktors des Gardekorps, als welcher er der Vorgänger unseres späteren berühmten Wieprec<ht wurde. In dieser Stellung 
war der Vater mit militärischen Autoritäten, z. B. mit dem einflußreichen General v. Wikleben, damaligen Kriegsminister, 
dem er auch sein Amt verdankte, sehr vertraut geworden. 
Che wir weiter die schauspielerische Thätigkeit, der sich Schneider nach Beendigung seines Dienstjahres wieder 
widmete, verfolgen, müssen wir auf einen merkwürdigen Wandel in Betreff seines Bildung8ganges eingehen, der ihm ein 
rühmliches Zeugniß giebt. Ex selbst sagt, daß sein damaliges, erschre>lich geringes Wissen für diejenigen, welche ihn als 
Mann gekannt, in schroffem Gegensatz stände mit dem unsäglichen Fleiße, den er später anwendete. Ob es wahr ist, was 
er als Grund der erwähnten Wandlung in seinem Charakter angiebt, nämlich die erste Liebe, mag dahingestellt bleiben, 
doch ist diese Angabe interessant genug. Es soll eine reizende Elevin ver Balletschule gewesen sein, die nach seiner 
Erzählung solchen Einfluß auf ihn ausgeübt hat. Sie hatte unter ihren Anbetern den Bruder des Schauspielers 
Crelinger, einen jungen Juristen, der seine geistige Ueberlegenheit benutzte, um seinen Konkurrenten Schneider einmal 
gründlich der Unwissenheit zu überführen. Das höhnische Lächeln ver Geliebten wurde für ihn der erste Sporn, sich eine 
gründlichere Bildung anzueignen und er warf sich nun mit einem anerkennungswürdigen Fleiß auf alle möglichen Fächer, 
um das Bersäumte nachzuholen. Aber wie es immer bei einer solchen Selbstbildung zu geschehen pflegt, es fehlte bei der 
Vielseitigkeit des Studiums die Methode und er wurde nach seinem Ausdru> zu einer lebendigen Encyclopädie. Haupt- 
sächlich waren es die Sprachen und besonders die modernen, denen er sich zuwandte und für die er das ganze Leben hin- 
durc< ein vorzügliches Talent gezeigt hat. Bei seinem eisernen Fleiße und bei der Erweiterung seines Lebenskreises 
wurden im Laufe der Zeit natürlich auch die Mängel, die an solchen wandelnden Encyclopädien zu haften pflegen, 
verringert, wenn sie auch wohl nie ganz verschwunden sind. 
Wa3 seine Thätigkeit auf den weltbedeutenden Brettern belangt, fo kam er sobald nicht aus den Nebenrollen 
heraus; zu merken ist, daß er infolge seiner vorzüglichen Tenorstimme auch in Opern verwendet wurde, ferner daß er von 
jeher Neigung für Bühnenarrangements und Scenerie hatte und sich infolge davon eine bedeutende Kostümkenntniß 
erwarb. Dies Alles genügte seinem brennenden Triebe niht. An dem Königlichen Theater konnte ver Jüngling nur 
langsam vorwärts kommen und hätte höchstens im Laufe der Zeit eine Stellung zweiten Ranges erringen können. Deshalb 
ging er von 1824-1827 auf eine Kunstreise an den schönen Nheinstrom und zwar in ver Gesellschaft des verühmten 
Derofsi. Mit einem reichen Schatz von Erfahrungen muß Schneider heimgekehrt sein. Er wurde darauf 1827 definitiv 
beim Königlichen Hoftheater zu Berlin angestellt. Von jebt ab wurde sein Wirken auf der Bühne bis zum Jahre 1848 
nicht mehr unterbrochen. Es ist dies also der Zeitraum in vem sein schauspielerisches Talent zur Blüthe gelangte und in 
den die Leistungen fallen, welche uns ein Urtheil über diese8 Talent ermöglichen können. 
Für ihn bedeutungsvoll wurde seine künstlerische Thätigkeit, seitdem er Anfangs der dreißiger Jahre zu Vor- 
stellungen am Hofe herbeigezogen wurde. E38 war dies eine Ehre, die nicht nur seinem Talent, sondern auch seinem 
Leben3wandel ein rühmliches Zeugniß ausstellte. Der streng moralische König Friedrich Wilhelm 11. zog zu solchen 
Vorstellungen nur Schauspieler heran, die erstens begabt und zweitens im bürgerlichen und sittlichen Leben durchaus 
makellos waren. Oft genoß jeht Schneider die Gunst in persönliche Berührung mit dem Monarchen zu kommen, der 
mehr als einmal nach den Borstellungen ihn einer Unterredung würdigte, die sich allerdings meistens auf den vamal3 neu 
erschienenen Soldatenfreund bezog. Die Blätter, die Schneider in seinen Memoiren*) dem Andenken dicses ho<hverehrten 
und unvergeßlichen Königs widmet, sind von einem Hauche tiefer Pietät erfüllt. 
*) Erschienen unter dem Titel: Aus meinem Leben. Von Louis Schneider. 3 Bände. 1879. 1880
	        
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