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Erster Band Namhafte Berliner Ludwig Devrient

Full text: Vermischte Schriften im Anschlusse an die Berlinische Chronik und an das Urkundenbuch (Public Domain) Issue 1 Erster Band (Public Domain)

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der »Räuber« versäumte und versicherte, daß Keans und Kembles Leistungen verschwänden gegen die Gewaltigkeit der Schöpfung 
unseres Landsmanns. Jst das nicht der beste, schönste Veweis von der Gewaltigkeit des Genies, das unser Ludwig besaß, diese 
seine Herrschaft über die Geister, die seinen Schöpfungen bis auf den heutigen Tag die wohlverdiente Anerkennung erhalten hat. 
Gubiß sagt, daß Devrients Kunstschaffen mit wenig Ausnahmen, neben dem Naturgeistigen meist auch den Miteinfluß des Wein- 
geistigen auf ihn gehabt und schließt die Erinnerung an ihn mit dem Bemerken: »Wenn jedoch Bühnengebilde der tiefsten Zerrissenheit, 
des übersprudelnden, mitunter grauenvoll kühnen, des bittersten oder blißenden Humors nicht anders erreicht werden könnten, als auf 
dem Wege Devrients, dann wird man es dem Schauspielerberuf schwerlich zumuthen dürfen, in ihm das hauptsächlichste oder 
einzige Vorbild zu finden und ihm ganz ähnlich zu werden. Dies sei gesagt, unbeschadet seines auf die Spiken des Scharfschliffs 
getriebenen »Franz Moor«, »Richard 111.«, »Lear«, »Falstaff« 2x. bis hinab zum Possenspiel der »Drillinge«. Uns scheint diese 
Bemerkung nach alle dem , was wir über Devrient gehört, gelinde gesagt, eine sehr harte zu sein, und wir glauben, wenn alle 
die Zuhörer, die Zeugen seiner Darstellungen, denselben Eindruck empfangen hätten, wie Gubitz, wir würden heute nicht viel mehr 
wissen, als daß Ludwig Devrient Mitglied der Hofbühne gewesen sei; das Echo des ihm gezollten Beifalls würde verhallt sein, 
gebrochen an der Ueberzeugung, daß nicht die Macht des Genius es gewesen, durch die ex gefesselt, bezwungen hätte, sondern, wie 
Gubiß sagt, »der Ueberreiz«, den seine Lebensweise in sich rasch mittheilender Erregtheit den Zuschauern, begünstigt durch die nach 
Ifflands Zeit sich einwohnende Uebersättigung gebracht hätte. Als weiteres Zeugniß gegen die Gubißksche Ansicht möge die Thatsache 
hier Plaß finden, daß L. Devrient am 19. November 1819 zum Regisseur des Lustspiels ernannt wurde (s. Beilage 9-- 10). 
Dieses Postens wurde er auf sein Ansuchen erst 1825 enthoben. Verschiedene Urtheile, deren Verfassern man gewiß nicht aus 
Freundschaft entsprungener Parteilichkeit zeihen wird, sprechen auch gegen die Gubiß' schen Ansichten ; sie folgen hier: 
Wenige Monate vor Friedrich Ludwig Schröders Tode gastirte der 32jährige Devrient in Hamburg. 
Schröder, auf ihn aufmerksam gemacht, schrieb am 26. April 1816 von Rellingen aus an seinen Freund und späteren Biographen 
F. L. W. Meyer: »Lassen Sie mich doch ein Wort über den berühmten Devrient vernehmen, den ich meiner Unpäßlichkeit 
wegen, wohl nicht in Hamburg sehen werde.« Er sah ihn leider nicht in Hamburg ; aber der wackere Devrient ließ sich das Ver- 
gnügen nicht rauben, den Altmeister seiner Kunst in Rellingen aufzusuchen und war entzückt von seiner Aufnahme und Unter- 
haltung. Meyers Urtheil, der zu den unbedingtesten Verehrern Schrö ders und namentlich dessen König Lear, den er noch 
in höchster Vollendung gesehen hatte, gehört, lautet: 
Anfang Mai 1816. 
Devrient ist etwas kleiner als ich, schlank, brünett, mit schönen, durchdringenden Augen , einem überaus verständlichen, 
angenehmen Bariton, oder eigentlich tiefen Tenor, und besizt mehr Gewandtheit, Lebendigkeit und Theaterfestigkeit, als irgend 
ein Schauspieler, den ich kenne. Sein Spiel ist natürlich, rasch und aus einem Guß. Sicherlich belebt ihn mehr Natur als Kunst. 
Er kann einen Charakter falsch verstehen , übertreiben, manieriren, aber er wird ihm treu bleiben von Anfang bis zu Ende und 
nie aus seiner Nolle fallen, um Wirkung hervorzubringen. Im Gegentheil glaube ich bemerkt zu haben, daß ihm der nicht glän- 
zende Theil seiner Nolle ebenso wichtig ist, als der glänzende, und daß er sich nie erlaubt die Purpurlappen anzubringen, mit 
denen Iffland so auffallend seinen oft absichtlich zu schlecht gewählten Bettlermantel verbyämte. Auch habe ich ihn bis jetzt noch 
nicht auf dem deklamatorischen Predigerton ertappt, auf dem langsamen Augenaufschlagen, auf dem heuchlerischen Anstrich eines 
Stillen im Lande, ohne welche es für Iffland keinen Ausdruc>k der einfachen Redlichkeit gab. Mit einem Worte, er ist kein Nach- 
ahmer IJfflands und soll sich auch Fle>s nur dunkel erinnern, welchen nachzubilden ihm seine Persönlichkeit nicht gestattet. Das 
hiesige Publikum ist einstimmig in seiner Bewunderung. Jc< selbst bin geneigt zu glauben, daß ihm nichts als Jhre Anleitung 
abgeht, um in einem gewiß nicht eingeschränften Fache alle gerechten Forderungen des Kunstrichters zu befriedigen. =- Noch ein 
paar Worte von seinen biSherigen Rollen: 
Daß er zu seinem ersten Auftreten den » Franz Moor« gewählt, mißfiel mir durvchaus. Der Charakter ist ein Zerrbild 
und meiner Meinung nach voller unvereinbarer Widersprüche. Daß der Bösewicht mit dem Heuchler oft davonläuft = gut! aber 
wie paßt sich zu dem philosophischen Schurken der Dummkopf, der Feige, der ekelhafte Liebhaber? Devrient hielt sich haupt- 
sächlich an den Bösewicht und den Feigen, daher ihm die Scenen mit Hermann und besonders der ganze lezte Aufzug vorzüglich 
gelangen. Er quälte uns nicht mit unendlichen Vorbereitungen wie Jffland, und spielte um eine gute halbe Stunde kürzer. Die 
deflamatorischen Stellen streiften bisweilen an Gesang, doch überschrie er sich nie, und brachte die meiste Wirkung durch seine leise, 
kaum gehobene, immer verständliche Sprache hervor. Gesicht und Gestalt ließen nichts zu wünschen übrig. Sein »Schewa« im 
»Juden« war vortrefflich und erinnerte mich lebhaft an Mendelssohn. Immer blieb er der Jude, der fast gemeine, doch nicht 
unwürdige, komisch, ohne lächerlich zu sein. Die wißigen, scharfsinnigen Lehren, die er zu sagen hat, wirkten durch sich selbst, 
ohne daß er Gewicht darauf zu legen schien. Nie ist mix das peragit tranquilla potestas, quod violenia nequit, auffallender 
gewesen. Denn neben ihm zerschrie und zerschlug sich Costenoble als Meschores, ohne Beifall erhalten zu können. 
Das vorzüglichste, was ich bis jezt noch von ihm gesehen, ist unstreitig Koßzebue's » Armer Poet«. Wir haben immer 
über ihn gelächelt und doch wuchs unsere Liebe und Achtung für ihn mit jedem Worte. Hat er Gewalt genug über sich, durch 
den Namen Trauerspiel nicht irre gemacht zu werden, und » Lears8« kränkliche Geistesabwesenheit mit der Bescheidenheit wieder- 
zugeben, womit er die Ohnmacht des »armen Poeten« darstellte, so wird sein » Lear« wenigstens einen Auftritt enthalten, dem ich 
ohne Mißbilligung zusehen kann, was mir bei Fle> und Iffland nie hat gelingen wollen, Die »Drillinge« hat er sehr scharf, 
bis zur Karrikatur gesondert. Vielleicht muß dem so sein, aber das hätte auch einem Anderen gelingen können. Was ihm so leicht 
fein blos komischer Schauspieler nachspielen wird, ist die Nolle des gebildeten » Ferdinand«. Jc< wünsche keinen bescheidenen Lieb- 
haber im Lustspiel liebenSwürdiger vorgestellt zu sehen. =- = Nächste Woche ist » Lear« zu seinem Benefiz. Auch hat er ein Lustspiel 
in der Handschrift bei sich / das einstudirt wird: »Die Einquartierung«, darin spielt er einen Kosac>en, einen Franzosen, einen 
Preußen, einen Oesterreicher ; er spricht verschiedene, sogar verwandte Diale!te mit vieler Täuschung. 
Das ist Alles , was ich weiß, mein Herx und Meister. Entlaß mich! 
Hotel de Saxe, 7. Mai 1816. 
Wohl mag ein reger Geist in neue Hütten wandern, 
Wenn Zauber würdig ihn bestrickt. 
Als ich durch fremde Kunst den Schatten Lears erblickt, 
Ward ich, wie gern! Dein Kent, doch nicht der Narr der Andern. 
Den höchsten Triumph des bekannten Hypertrauerspiels hat unstreitig die Hamburgische Bühne am 6. dieses gefeiert. 
Sogar mein Junge, mein Narr, ward zu einem weinerlichen Graubart umgeschaffen , und sein Liedchen trug er vor nach der 
Weise des beliebten Kirchen - Chorals : 
»O Haupt voll Blut und Wunden !«
	        
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