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Erster Band Namhafte Berliner Ludwig Devrient

Full text: Vermischte Schriften im Anschlusse an die Berlinische Chronik und an das Urkundenbuch (Public Domain) Issue 1 Erster Band (Public Domain)

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mern gehört, dem Künstler erschroen in den Arm fällt und ihm zuflüstert : »Sie sollen die Frauen nicht erstehen«. Umsonst ver- 
sucht Devrient sich loszumachen und sieht sich endlich genöthigt, dem Töpfergesellen einen Schlag mit dem Griff seines Schwertes 
in's Gesicht zu geben, worauf dieser fluchend losläßt. Als die Scene beendet war, suchte Devrient den Geschlagenen auf, um ihn 
um Entschuldigung zu bitten. Der Töpfergeselle hielt das Schnupftuch vor den blutenden Mund und sagte: »Daraus mache ich 
mir nichts. Einen Andern holte gleich der Satan. Sie können mir nichts thun, Sie sind ein Extra- Mann. Das hat alles nichts 
zu sagen; ich sehe jezt als Künstler ein, daß ich gefehlt habe. Alles was sie an mir thun, kann mir nur zur Ehre gereichen«.*) 
Eine andere Erzählung aus jener Breslauer Zeit belehrt uns, daß er auch den Werth des Geldes nicht zu schäßen wußte: 
Devrient liegt auf seinem Sopha, der Theaterdiener Fechner bringt die in blanke Thaler umgesezte Gage, die damals, da De- 
vrient sie für sich und seine Frau empfing, nicht unbedeutend war. Fechner will zählen; Devrient spricht aber kurz: »Nur 
dort in den Ofen.« Jener folgt dem Befehl, Devrient denkt nicht weiter daran und schlummert ein. Ein Geräusch erweckt ihn, 
es ist einer von den alten Bettlern, die ihn Sonnabends gewöhnlich heimzusuchen pflegen. Devrient hat Nichts bei sich, da fällt 
ihm die so eben erhaltene Gage ein: »Macht nur die Ofenthür dort auf,/« ruft er »und nehmt Euch etwas von dem Gelde.« Der 
Bettler thut, wie ihm geboten wird, zögert aber, als er die großen Stücke erblickt. »Nehmt nur, guter Alter« , tönt die zweite 
Aufforderung und nun nimmt der bescheidene Bettler seinen Thaler, so auch die folgenden und als die Frau nach Hause kommt, 
bemerkt sie mit Schrecken das bedeutende Deficit und erschrickt noch mehr, als sie die Ursache vernimmt, da sie an ihres Mannes 
Verstand zu zweifeln anfängt. 
Außer den schon genannten Rollen spielte Devrient in Breslau zuerst den »Magister Lämmermeyer« , »König Philipp«, 
»Oldenholm« in »Hamlet« , »Garcia8« in »Haus Barcelona« , »Coke« , »Don Gutierre« , »Shylock« , »Schewa« und den »armen 
Poeten« und feierte besonders in dem leßten die größten Erfolge, seine Leistungen gränzten oft an's Wunderbare. 
Juteressant ist es, über diese lehtgenannten Rollen Lewalds Urtheil zu hören. Er sagt: »Wer es auch versuchen wollte 
eine Charakteristik von Devrients Kunst zu entwerfen, er wird uns nie den das innerste Herz bewegenden Schrei Lorenz Kind- 
leins == die Fisteltöne des erzürnten Schewa =- den grunzenden Baß des heimtückischen Shylo> =- oder jenen schmetternden Ton 
vergegenwärtigen können , den Koke beim Ablesen der Vernichtungsformel anstimmte =- eben sv wenig, wie das fürchterliche Lachen 
Franz Moors, von einem Blicke begleitet , worin sich alle BoSheit der Hölle konzentrirte. Liest man diese treffende Schilderung, 
empfindet man darin nicht ein Bedauern, daß solche Gebilde sv schnell und unaufhaltsam in das Nichts versinken und bewahrheitet 
sic da nicht unsers Schillers Wort: 
» Denn schnell und spurlos geht des Mimen Kunst, 
Die wunderbare, an dem Sinn vorüber, 
Wenn das Gebild des Meißels, der Gesang 
Des Dichters nach Jahrtausenden noch leben. 
Hier stirbt der Zauber mit dem Künstler ab, 
Und wie der Klang verhallet in dem Ohr, 
Verrauscht des Augenblicks geschwinde Schöpfung 
Und ihren Ruhm bewahrt kein dauernd Werk. 
Schwer ist die Kunst, vergänglich ist ihr Preis. 
Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze; 
Drum muß er geizen mit der Gegenwart, 
Den Augenbli>, der sein ist, ganz erfüllen, 
Muß seiner Mitwelt mächtig sich versichern, 
Und im Gefühl der Würdigsten und Besten 
Ein lebend Denkmal sich erbaun =- So nimmt er 
Sich seines Namens Ewigkeit voraus ; 
Denn wer den Besten seiner Zeit genug 
Gethan, der hat gelebt für alle Zeiten. « 
Ueber den »Lorenz Kindlein« hat uns der Dichter »des armen Poeten« Carl von Holtei folgendes, den Künstler ehrende 
Urtheil hinterlassen: Die Rolle kann nie mehr auf Erden dargestellt werden , wie Devrient sie darstellte, wer es gesehen, weiß 
es; wer es nicht sah = wie könnten's Worte dem beschreiben ? eine Anerkennung, die um so höher anzuschlagen, da Holtei selbst 
Schauspieler, den »Kindlein« mit zu seinen besten Rollen zählte. In dieser Rolle, wie als »König Friedrich 11.« im Schauspiel 
»General Schlenzheim«, wurde Devrient von Wilhelm von Chapuis, einem Offizier, der in Breslau lebte, um sich von den im 
Felde erhaltenen Wunden kuriren zu lassen, besungen. Die Zahl der bis jeht genannten Rollen beweist die Vielseitigkeit des De- 
vrient' schen Darstellungsvermögens, und mag hierbei gleich bemerkt sein , daß, ausgenommen, daß er wirkliche Masken erfand, er 
sich nur unbedeutend schminkte, das Andere mußte die Lebhaftigkeit seines Mienenspiels thun. So erschien Devrient nach Abgang 
des ihm durchaus nicht ähnlich sehenden Komiker Beer vom Breslauer Theater, in der »Pfarre« von Voß als » Becker« und er- 
regte dadurch solche Täuschung, daß im Parterre Wetten gemacht wurden: » Becker sei zurükgekehrt«. In die Zeit des Breslauer 
Aufenthalts, während dessen Devrient auch am Nervenfieber heftig erkrankte, aber durch die aufopfernde Pflege seines Freundes 
des Dr. Sessa erhalten wurde =- der leider zur aufrichtigen Betrübniß Devrients bald nachher starb = fallen auch die Gast- 
spiele Ifflands, des als Künstler, wie als Mensch geachteten Direktors des Berliner Hoftheaters. Diese sollten für Devrient von 
großer Entscheidung werden, da Jffland nicht nur das Genie in dem jungen Manne zu erkennen wußte, sondern auch ihn auswählte, 
sein Nachfolger an dem ersten Theater Deutschlands zu werden. Bevor wir jedoch zur Erfüllung dieses unseres Ludwigs Lieblings- 
wunsches kommen, in der Baterstadt dauernd auftreten zu dürfen ,**) bleibt uns über eine interessante Vorstellung zu berichten , in der 
beide Künstler gemeinsam auftraten. Zum Besten »der Fonds zur Equipirung armer Freiwilliger« wurde an einem Vormittage 
» Menschenhaß und Reue« gegeben ; die Zettel verkündeten : 
Bittermann . . . . . . Herr Jffland, 
Peter... . . . . . . Herx Devrient, 
und troßdem und alledem ein halbleeres Haus! Auf Devrient machten Ifflands Leistungen einen großen, überwältigenden Ein- 
druck, seine ersten Rollen ergriffen ihn, entmuthigren ihn aber nicht; als er ihn jedoch in der »Versöhnung« gesehen , wurde sein 
*) Smidt, Devrient -Novellen. 
**) 1808 hatte er bei einem Besuche seiner Familie auf Isfflands Aufforderung schon die Nolle des »Hayfisch« in Kohebue's »Strandrecht« in 
Berlin gespielt.
	        
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