Path:

Full text: Rechtsextremismus und Rechtspopulismus - Abwertungsdiskurse in der pluralen Einwanderungsgesellschaft (Rights reserved)

2. Vernetzungstreffen des Berliner Landesdemokratiezentrums am 06.04.2016 Rechtsextremismus und Rechtspopulismus – Abwertungsdiskurse in der pluralen Einwanderungsgesellschaft Veranstaltungsdokumentation Inhalt Begrüßung und Einführung in die Veranstaltung 3 Rassismuskritische Bildungsmaterialien 6 Fachaustausch Rechtsextremismus und Rechtspopulismus in Berlin 8 Thementische: Diskussionen in moderierten Kleingruppen 9 Impressum 12 2 Begrüßung und Einführung in die Veranstaltung Eren Ünsal und Stanislawa Paulus begrüßen alle Anwesenden herzlich zum zweiten Vernetzungstreffen des Berliner Landesdemokratiezentrums. Auch auf diesem Treffen sind wieder zahlreiche Projekte aus dem Bundesprogramm „Demokratie leben!“ und dem Landesprogramm gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus vertreten, wie auch einige weitere Projekt und Institutionen aus dem Feld der Berliner Demokratieförderung und Rechtsextremismusprävention. Regelmäßige Vernetzungstreffen Das Landesdemokratiezentrum für Vielfalt und Respekt lädt halbjährlich zu diesem Vernetzungstreffen ein. Diese Treffen bilden einen wesentlichen Baustein, um den Fachaustausch der Projekte des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ und des Landesprogramms gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus untereinander zu unterstützen. Kontinuierlicher Austausch: Schwerpunktthemen, Anknüpfungspunkte und Ausblicke Die inhaltliche Ausrichtung der einzelnen Treffen orientiert sich an den jeweils aktuellen Entwicklungen. Zugleich werden Anknüpfungspunkte an vergangener Diskussionen aufgriffen und Ausblicke auf kommende Themen eröffnen. Für die inhaltliche Ausrichtung der Treffen ist Ihre Rückmeldung an das Landesdemokratiezentrum sehr wichtig. Welches sind die derzeitigen Themen, zu denen Sie einen Fachaustausch wünschen? Gibt es Ergebnisse Ihrer Arbeit, die sie zur Diskussion stellen möchten? Sehen Sie Herausforderungen – z.B. durch aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen – zu denen einen Austausch mit andern Projekten wichtig wäre? Wir möchten Sie hiermit ermutigen und auffordern uns Ihre Wünsche für zukünftige Themen der Vernetzungstreffen mittzuteilen. Das Landesdemokratiezentrum ist hierfür immer ansprechbar. Schwerpunktthema Rechtsextremismus und Rechtspopulismus Das heutige Vernetzungstreffen widmet sich dem Schwerpunktthema „Rechtsextremismus und Rechtspopulismus. Abwertungsdiskurse in der pluralen Einwanderungsgesellschaft. In Berlin ist eine Zunahme von rechtsextremen Mobilisierungen und Übergriffen zu verzeichnen. ‚Nein zum Heim‘ Initiativen, Anschläge auf Unterkünfte, Übergriffe auf Unterstützer_innen haben stark zugenommen. Diese Entwicklungen zeigen das Gewaltpotential, das mit rechtsextremen Ideologien der Ungleichwertigkeit einhergeht. Projekte, die sich aktiv gegen Gewalt und Gruppenbezogenen Menschenverachtung einsetzen sind durch diese Entwicklungen direkt oder zumindest indirekt betroffen. In rechtspopulistischen Darstellungsweisen werden nicht nur antimuslimische, rassistische und antisemitische Haltungen propagiert, sondern auch feindliche Haltungen gegenüber Lesben, Schwulen, Trans* und Inter* und queeren Personen. Es stellen sich viele Fragen, wie mit dieser Entwicklung umgegangen werden kann und sollte. Das heutige Vernetzungstreffen eröffnet einen Raum zur der Auseinandersetzung mit diesem Themenkomplex. 3 Auseinandersetzung in Bezug auf die Praxis der Projekte Frank Metzger vom Antifaschistischen Pressearchiv und Bildungszentrum e.V. wird einen Vortrag zur aktuellen Entwicklung von rechtspopulistischen Straßenmobilisierungen und rechtsextremen Entwicklungen in Berlin halten. Im Anschluss an die Diskussion dieses Beitrags, bieten wir die Möglichkeit einer thematisch vertiefenden Auseinandersetzung. Hierfür stehen sechs moderierte Thementische bereit. Diese widmen sich den Themen: 1. 2. 3. 4. 5. 6. „Bedeutung aktueller Entwicklungen von Rechtspopulismus und Rechtextremismus für unsere Projektarbeit“ „Zivilcourage“ „Beteiligung von Zielgruppen, die bisher nicht erreicht wurden“ „Wie reden mit Anhänger_innen von PEGIDA und Co?“ „Lokale Ansätze der Demokratieförderung und der Rechtsextremismusprävention“ „Selbstbestärkung/Empowerment durch Vernetzung und Kooperation“ Mit der Anmeldung zur heutigen Tagung hatten wir Sie gefragt, zu welchen Aspekten Sie einen Austausch auf dieser Veranstaltung für wichtig halten. In den Thementischen haben wir Ihre Rückmeldungen aufgegriffen. Vielen Dank für Ihre Anregungen, die wir hoffentlich angemessen umgesetzt haben! Anknüpfungspunkte ‚Sprache‘ und ‚Rassismus gegen Sinti*zza und Romn*ja‘/Gandjé-Rassismus Neben diesem Schwerpunktthema wird es zwei Beträge zu einem Thema geben, das auf dem letzten Vernetzungstreffen aufgeworfen wurde. Dort gab es eine Auseinandersetzung um den Begriff des ‚Antiziganismus‘. Dieser Begriff stand auf dem Schild eines Infotisches. Er wurde kritisiert, durchgestrichen und durch ‚Rassismus gegen Roma und Sinti‘ ersetzt. Zugleich wurde von anderen Teilnehmenden auf die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit Sprache und der Verwendung von Begrifflichkeiten hingewiesen. Dies greifen wir heute auf. Dabei können wir das Thema „Sprache“ jedoch nicht umfänglich behandeln. Dies würde den Rahmen der Veranstaltung überschreiten. Wir laden deshalb diejenigen, die an der vertieften Auseinandersetzung zum Thema „Verwendung von Sprache und Begrifflichkeiten“ interessiert sind zusammenzukommen und gemeinsam einen entsprechenden Themenblock vorzubereiten. Das Landesdemokratiezentrum kann dies organisatorisch unterstützen. Romnja Power Month Was wir heute aufgreifen, ist das Thema des Rassismus gegen Sinti*zza und Romn*ja./GandjéRassismus Damit knüpfen wir zugleich an einen aktuellen Anlass an: In diesem Monat – vom 08.03.08.04.2016 findet erstmalig der Romnja Power Month statt. Zwischen dem Internationalen Tag der Frauen und dem Internationalen Tag der Romn*ja am 08. April werden in einer Veranstaltungsreihe Romn*ja und Sinti*izza als künstlerische, wissenschaftliche und gesellschaftskritische Akteur_innen sichtbar gemacht .Der Romn*ja Power Month wird von der Ini Rromn*ja und von Romn*ja Archiv Projekt Romani Phen organisiert und durch das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ gefördert. Wir haben heute zwei Akteur_innen dieses Monats eingeladen. 4 Hajdi Barz ist Bildungsreferentin bei Romani Phen. Sie wird erste Ergebnisse aus einer kritischen Analyse von Bildungsmaterialien vorstellen, die Rassismus gegen Sinti und Roma zum Gegenstand haben. Diese Analyse wird ebenfalls durch das Bundesprogramm ‚Demokratie leben!“ gefördert. Die Erstellung von Bildungsmaterialien zur Sensibilisierung gegen Rassismus, Rechtsextremismus, Antisemitismus, Homo und Trans*phobie ist ein zentraler Baustein in der Arbeit vieler bundes- und landesgeförderter Projekte. Neben dem Fokus auf Rassismus gegen Romn*ja und Sinti*zza bietet dieser Beitrag eine Möglichkeit, Kriterien zu rassismuskritischen Analyse von Bildungsmaterialien auf zukünftigen Vernetzungstreffen vertieft aufzugreifen. Anita Awosusi ist seit 30 Jahren in der Bürgerrechtsarbeit der deutschen Sinti*ezza und Romn*ja engagiert. Sie wird aus Ihrem Buch „Vater Unser- eine Sinti Familie erzählt (1925-2010) lesen. In ihrer Erzählung zeigt sie Zusammenhänge der Verfolgung Ihrer Familie im Nationalsozialismus, ihrem Leben in der Nachkriegszeit und der nachhaltigen Prägung der Nachfahren durch das Trauma der Eltern auf. Der Pharajmos, Genozid gegen Sinti und Roma, während des NS hat in Deutschland lange Zeit keine staatliche Anerkennung gefunden. Für die gesellschaftliche Anerkennung der Verfolgung und der damit verbundenen Traumata, ist noch heute viel Engagement notwendig. Anita Awosusi, deren Lebenswerk dieses Engagement ist, kann umfänglich von Ihren Erfahrungen des Alltagsrassismus gegen Sinti*zza und Romn*ja berichten. Alle hier anwesenden Projekte und Institutionen arbeiten engagiert gegen Rassismus, Rechtsextremismus, Antisemitismus, Homo* und Transphobie sowie für eine Gesellschaft der demokratischen Werte und der Wertschätzung von Vielfalt. Die aktuellen Entwicklungen zeigen, wie wichtig diese Arbeit ist und bleibt. Wir hoffen Sie mit den Themen des heutigen Tags, mit dem Austausch und der Vernetzung in Ihre Praxis zu unterstützen und wünschen allen Teilnehmenden eine anregende Veranstaltung. 5 Rassismuskritische Bildungsmaterialien Ergebnisse einer Analyse von Bildungsmaterialien zu Rassismus gegen Sinti*zza und Roman*ja. Hajdi Barz, Bildungsreferentin von RomaniPhen Hajdi Barz hat die in Deutschland verbreiteten Bildungsmaterialien, die sich mit dem Thema Romn*ja und Sinti*zza befassen analysiert. Sie ist der Frage nachgegangen, wie in diesen Materialien Rassismus gegen Sinti*ezza und Romn*ja didaktisch und pädagogisch behandelt wird. Hierzu wurden 76 verschiedene Titel untersucht. In ihrem Beitrag legte Hajdi Barz anhand konkreter Beispiele Schwierigkeiten von rassismuskritischen Bildungsmaterialien dar. Entgegen der Absicht gegen Vorurteile und Rassismus gegenüber Sinti*zza und Romn*ja zu sensibilisieren, reproduzieren einige Materialien diese Klischees. Beispielsweise werden Kinder mit alten, vorurteilsbeladenden Aussagen konfrontiert (z.B. mit dem Spruch „Die Zigeuner kommen, holt eure Wäsche rein), die heute jedoch kaum Verwendung finden. Kinder werden so erst im Unterrichtskontext mit solchen Stereotypen konfrontiert. Das untersuchte Material bietet kaum Möglichkeiten diese Klischees zu analysieren, stattdessen wird rassistisches Alltagswissen aktualisiert. Als weiteres Problem stellt sich dar, dass Sinti*zza und Romn*ja in allen Darstellungen als ‚die Anderen‘ oder ‚die Besonderen‘ erscheinen. Der Möglichkeit, dass Kinder mit romno Hintergrund selbst am Unterrichtsgeschehen beteiligt sein könnten wird nicht in Erwägung gezogen. Roma bleiben die Objekte des Unterrichtsstoffes, finden jedoch als Subjekte keinen Raum. Auch die Geschichte eines Widerstands von Sinti*zza und Romn*ja und ihrer Bürgerrechtsarbeit werden nicht aufgegriffen. Sie werden lediglich in einer Opferrolle präsentiert. Hajdi Barz fordert eine Abkehr von einer Vorurteilspädagogik, die Rassismen reproduziert ohne sie zu brechen. In Anlehnung an den Pädagogen Franz Hamburger plädiert sie für die Einbeziehung einer „kritischen Gesellschaftslehre“ sowie für einen Perspektivenwechsel, wie sie die kritische Weißseinforschung einfordert . In der Konsequenz müssten bei der Erstellung von rassismuskritischen Bildungsmaterialien Machtverhältnisse reflektiert und sichtbar gemacht werden, Sinti*zza und Romn*ja müssten grundlegend einbezogen werden und sich selbst präsentieren können. Im kollektiven Wir, das den Aussagen von Bildungsmaterialien zugrunde gelegt wird, müssten Sinti*zza und Romn*ja mitgedacht werden. Zentrale Ergebnisse der Diskussion im Anschluss Die Diskussion fokussierte hauptsächlich auf die Auseinandersetzung mit Begrifflichkeiten sowie deren Implikationen. Diskutiert wird die Herausforderung, eine möglichst große Pluralität von Perspektiven, die je einen spezifisch gewichteten Rassismusbegriff formen, in Projekten wie diesem aufzunehmen. Es wird von Hajdi Barz festgehalten, dass es sinnvoll ist, Rassismus zunächst als ein allgemeines Phänomen anzusprechen und zu definieren, um so eine komplexere Auseinandersetzung mit dem Thema erreichen zu können. Sie führt aus, dass sie zurzeit zusammen mit der Bundeszentrale für politische Bildung an einer solchen Rassismusdefinition arbeite. Auf Nachfrage erläutert sie, dass sie generell von einer Verwendung des Begriffs des „Antiziganismus“ absehe, da dieser rassistisch klinge. Mit dem Ausdruck „Ziganismus“ werde etwas konstruiert, was real nicht vorhanden sei und dabei zugleich den abwertenden Begriff des „Zigeuners“ reproduziere. Außerdem wird nach den im Vortrag genannten Positivbeispielen kritischen Bildungsmaterials zu Rassismus gegen Sinti*zza und Rom*nja gefragt. 6 Drei der vier Materialien, die laut Hajdi Barz für die Bildungsarbeit nutzbar seien, ohne zu reproduzieren, seien von den Landesverbände deutscher Sinti und Roma in Baden Württemberg und RheinlandPfalz erstellt worden. Das weitere Positivbeispiel, welches die im Vortrag erläuterten Kriterien erfüllt und nicht von Selbstorganisationen stammt, seien die auf der Internetseite www.romasintigenocide. eu abrufbaren Arbeitsblätter. Ferner wird darauf hingewiesen, dass Material mit hoher Qualität nicht gleichzeitig den guten Umgang mit diesem sicherstelle. Hajdi Frau Barz führt darauf hin aus, dass dieses Problem vor allem strukturell gelöst werden müsse. So müssten Lehrkräften die Möglichkeiten gegeben werden, sich effektiv weiterbilden zu können und generell sollten Menschen mit kritischen Perspektiven besser gestärkt werden. Weitere Informationen zum Projekt Hajdi Barz hat eine Handreichung zum Thema erstellt “Mimans Geschichte. Handreichung zum Thema Gadjé-Rassismus Pädagogisches Begleitmaterial zu vier Video-Modulen aus dem Dokumentarfilm WITH WINGS AND ROOTS.“ Dieses ist einsehbar unter: http://www.romnja-power.de/highlights/hajdibarz-mimans-geschichte-handreichung-zum-thema-gadje-rassismus-paedagogisches-begleitmaterial-zu-vier-video-modulen-aus-dem-dokumentarfilm-with-wings-and-roots/ Beitrag zum Romnja Power Month: „Vater Unser – eine Sinti Familie erzählt“ Kurzlesung von Anita Awosusi, Begleitung am Klavier: Ernie Schmiedel. „Aus Aufzeichnungen, Recherchen, vor allem Gesprächen mit Vater, Mutter und einigen anderen nahen Verwandten und Dokumenten, trage ich historische Ereignisse aus ihrem und unserem Leben zusammen. In meiner Erzählung, zeige ich die Zusammenhänge der Verfolgung unserer Familien auf und wie es ihnen und uns, ihren Kindern, nach dem Krieg in der Heimat erging. Was diese Zeit für unsere Familien bedeutete, wie es ihnen erging und wie wir, deren Kinder, das Erlebte unserer Eltern und die folgende Zeit danach begriffen haben, das wird von mir, aus meiner Sicht und teilweise auch aus der Sicht meiner Schwestern, erzählt. Dabei wird auch skizziert, dass das Leben der Nachfahren, unser Leben als Kinder von Holocaust-Überlebenden, nachhaltig von den Erlebnissen, von dem Trauma der Eltern, geprägt wurde.“ (Awosusi, 2016). Quelle: http://www.romnja-power.de/veranstaltung/lesunganita-awosusi-vater-unser-eine-sinti-familie-erzaehlt-1925-2010/ Informationen zum Rromn*ja Power Month: http://www.romnja-power.de/ 7 Fachaustausch Rechtsextremismus und Rechtspopulismus in Berlin Input zu aktuellen Entwicklungen mit anschließender Diskussion. Frank Metzger, Antifaschistisches Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin e.V. (apabiz e.V.) [Der Artikel von Frank Metzger ist in gesonderter pdf online verfügbar] Zentrale Ergebnisse der Diskussion im Anschluss Zunächst ging es in der Diskussion um den Bedarf einer weiteren Sensibilisierung der Ordnungsbehörden hinsichtlich des Verbotes bestimmter Kundgebungsorte, etwa direkt vor Unterkünften von Geflüchteten oder vor dem Holocaustmahnmal. Zudem wird ein besserer Schutz von Gegendemonstrant_innen, Passant_innen und Journalist_innen auch bei kleineren Veranstaltungen der extremen Rechten gefordert. Ferner wird deutlich, dass die Beteiligung an Gegendemonstrationen in Berlin vergleichsweise gering ist. Dies sei aber nicht erst seit den jüngsten rassistischen Mobilisierungen so, erläutert Frank Metzger. Dies habe, seiner Meinung nach, viel mit einer Ernüchterung nach der Aufdeckung des NSU und den dann ausbleibenden Konsequenzen zu tun und damit, dass Opfer rechter Übergriffe und Einschüchterungen oft allein gelassen würden. Ein weiterer Diskussionspunkt waren die Stärken und Schwächen der großen empirischen Studien zu rechtspopulistischen und extrem rechten Einstellungen innerhalb der deutschen Gesellschaft. Es wurde auf die Gefahr hingewiesen, dass solche Erhebungen derartige Einstellungen nicht nur abbilden sondern zugleich auch reproduzieren könnten. Zudem wurde betont, dass es unerlässlich sei, auch die Geschlechterverhältnisse und Gleichstellungsdiskurse bei solchen Untersuchungen mit in den Blick zu nehmen – beispielsweise indem auch heteronormative Einstellungen mit abgefragt würden. Forschungsergebnisse, die über qualitative Studien erhoben werden, könnten detailliertere Erkenntnisse über die Teilnehmenden von rechten Mobilisierungen aufzeigen. Apabiz e.V. analysiert zu diesem Zwecke Berichte über rechten Versammlungen, sowie auch aufgezeichnete Reden, Parolen, etc. Als erkenntnisbringende Studie nennt Herr Metzger die Studien der Universität Bielefeld „Deutsche Zustände“ von Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer. Auf Nachfrage erläuterte Herr Metzger, dass das „apabiz“ die gesammelten Informationen über Mitglieder der rechten Szene und Teilnehmer_innen von rechten Veranstaltungen nicht an die Behörden weitergäbe, diese aber, sofern es sich um Personen handele, die von öffentlichem Interesse seien könnten, im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit publiziere. Weiterhin führte er auf Nachfrage aus, dass das rechtsintellektuelle Spektrum um das „Institut für Staatspolitik (IfS)“ sowie um Jürgen Elsässer und sein Magazin „Compact - Magazin für Souveränität“ zur Zeit in Berlin nur eine untergeordnete Bedeutung für die Szene hätte. Dies könne sich aber schnell ändern. 8 Thementische: Diskussionen in moderierten Kleingruppen 1. Thementisch: „Bedeutung aktueller Entwicklungen von Rechtspopulismus und Rechtsextremismus für unsere Projektarbeit“ Fragen: Welche Bedeutung hat die Zunahme von gruppenbezogener Abwertung, Feindlichkeit und Gewalt für unser Projekt? Welche Herausforderungen ergeben sich daraus und wie gehen wir im Projekt damit inhaltlich um? Hat die Zunahme von gruppenbezogener Abwertung, Feindlichkeit und Gewalt Auswirkungen auf die Zielgruppe(n) unseres Projekts? Wie können wir im Projekt auf Anfeindungen und Bedrohungen reagieren? Moderation: Magdalena Benavente Zentrale Ergebnisse: - Es gibt eine Überforderung u.a. bei der Auseinandersetzung mit Klient_innen, die extrem rechte Positionen offen zur Schau stellen. - Es fehlt an Handlungsmöglichkeiten, um rechtsextremen und rechtspopulistischen Meinungen zu begegnen. - Es gibt neue Handlungsformen und -räume der Rechten, dabei werden verstärkt auch neue Medien genutzt. - Die Hemmschwelle, was als „salonfähig“ gilt, hat sich abgesenkt, auch auf staatlicher Seite, dadurch findet ein Legitimierungsprozess rechten Gedankenguts statt. - Die zentrale Frage: „Wie können wir die demokratische Mitte erreichen, aktivieren und darstellen?“ wurde aufgeworfen. 2. Thementisch: „Zivilcourage“ Frage: Wie können wir Diffamierungen und Menschenverachtung im Alltag couragiert begegnen? Ein Brainstorming zu Strategien und kreativen Ideen des Umgangs mit rechtspopulistischen und rechtsextremen Abwertungen. Moderation: Gabriele Rosenstreich Zentrale Ergebnisse: - Zivilcourage als Reaktion auf Ungerechtigkeit geht einher mit der Entscheidung, Solidarität zu zeigen und für andere Partei zu beziehen. Dieses ist verbunden mit dem Eingehen von Risiken. Dabei ergeben sich drei Spannungsmomente und verschiedene Grenzen, die eine Rolle spielen und das bewusste Handeln erschweren. 1) öffentlich/privat 2) Individuum/Organisation 3) Ressourcen- und Machtungleichheiten 9 Fragen, Herausforderungen und Handlungsstrategien, die in diesem Zusammenhang aufgetreten sind: - Wie kann ich mich selber schützen? Wo liegen meine Grenzen? - Die anwesenden Gruppen (Opfer, Täter_innen, Beistehende) sollten angesprochen werden und realisieren, dass alle involviert sind. - Die deutliche Stellungnahme und Begründung als wichtige Form der Zivilcourage. - Einbeziehung von Institutionen und Organisationen als Maßnahme. 3. Thementisch: „Beteiligung von Zielgruppen, die bisher nicht erreicht wurden“ Fragen: Oftmals erreicht Präventionsarbeit immer wieder die gleichen Zielgruppen und spricht andere nicht an. Welche Erfahrungen des Ausschlusses und des Nicht-Erreicht-Werdens kennen wir? Wie sollten Beteiligungsformate gestaltet sein, damit vielfältige Zielgruppen erreicht werden? Wer ist an der Gestaltung dieser Formate beteiligt? Moderation: Anne-Gela Oppermann Zentrale Ergebnisse: - Die Gruppen, die (nicht) erreicht werden, sind sehr unterschiedlich. - Als Handlungsvorschlag für viele Projekte und Organisationen gilt: Heraustreten aus der Komfortzone und mit den Menschen, die erreicht werden sollen, aktiv mit partizipativen Vorhaben in Kontakt treten. Das schließt auch ein Bewusstwerden und ein Sich-hineinversetzen-können in verschiedene Lebenswelten, Interessen, Sprachebenen und Begriffe ein. - Die derzeitigen Rahmenbedingungen der Förderlandschaft sind für das Erreichen neuer Zielgruppen nicht zuträglich: Die Förderung geht selten einher mit einer Regelfinanzierung. Stattdessen ist die Bedingung für eine Förderung als Modellprojekt neu und innovativ zu sein. Dies erschwert die Nachhaltigkeit der Projekte. 4. Thementisch: „Wie reden mit Anhänger_innen von PEGIDA und Co?“ Moderation: Katja Kinder Zentrale Ergebnisse: Am Thementisch wurden Fragen aufgeworfen, die man sich selbst vor Kommunikationsprozessen zur Selbstreflexion und Situationsanalyse stellen könnte. Ebenso wurden einige Vorschläge und Empfehlungen für diese Prozesse festgehalten. - Mit wem reden wir und in welchen Situationen? - Wie viel Rechtspopulismus verträgt eine Gesellschaft? - Welche Offenheit ist angebracht und wann setze ich Grenzen in der Kommunikation? Herausforderungen und Handlungsstrategien - Wie können öffentliche (Diskurs)Räume so gestaltet werden, dass sie alle Menschen zu Wort kommen lassen? - Wie entsteht Ohnmacht und wie äußert sie sich? Ohnmacht entsteht durch die Wahrnehmung von geschlossenen Weltbildern und Grenzverletzungen. Sie äußert sich in Sprachlosigkeit, aber auch in Wut und Ärger. Lösen lässt sie sich durch Empathie. - Rhetorische Strategien können hilfreich sein (Eigene Position reflektieren, Ziele formulieren, Themen setzen und bestimmen). - Ermittlung von starken Argumenten, sowie Ermittlung von Bezugspunkten der Kritik und Intervention. - Das Ende eines Gesprächs kann durchaus Teil eines Dialogs sein. Es geht darum, Fragen ernst zu nehmen und zuzulassen, aber unter dem Bewusstsein, dass bestimmte Dialoge auch abwertende Positionen legitimieren können. 10 5. Thementisch: „Selbstbestärkung/Empowerment durch Vernetzung und Kooperation“ Fragen: Wie begegnen wir einem Klima rechtspopulistischer Diffamierungen und rechtsextremer Anfeindungen gemeinsam? Wie können wir uns durch Vernetzung, kollegialen Austausch und Kooperation stärken? Moderation: Maryam Haschemi Zentrale Ergebnisse: - Wie verhalten sich ehrenamtliche zu professionalisierten Strukturen? Gemeinsames Arbeiten zwischen professionellen und ehrenamtlichen Strukturen. - Wie können größere Projekte kleinere unterstützen? Die Strukturen fördern Konkurrenz. Das Angebot der Unterstützung sollte mehr als Teil der Arbeit und als Form von Professionalisierung gesehen werden; Unterstützung durch Ressourcen - Wie vernetzen wir uns mit und über Projekte, die hauptsächlich medial arbeiten? Neue Räume der Vernetzung nutzen/schaffen Abschlussdiskussion – Wie können wir uns gegenseitig unterstützen? Welche Schlussfolgerungen ziehen wir aus dem heutigen Tag? In der Abschlussdiskussion stand die Frage im Mittelpunkt, wie gewährleistet werden kann, dass eine Diskussion auf Augenhöhe stattfindet, trotz der divergenten Positionen und den daraus resultierenden Perspektiven der Teilnehmenden. Es wird appelliert, bei der Konfrontation dieser Positionen Mut zur Komplexität zu haben und dieser entsprechend Raum zu geben. Hierfür sei es wichtig, nicht von stereotypen Regeln sondern vielmehr von den eigenen Privilegien auszugehen und mit diesen bewusst umzugehen. Durch ein solches Vorgehen könne es gelingen, sich selbst innerhalb eines gesellschaftlichen Macht- und Dominanzgeflechtes zu verorten und dieses damit bewusst und greifbar zu machen. Für solche Positionierungen sind geeignete (Frei)Räume unabdingbar. Diese Thematik sollte generell als ‚roter Faden‘ für weitere Veranstaltungen mitgedacht werden. 11 Impressum Herausgeberin: Senatsverwaltung für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung Landesstelle für Gleichbehandlung – gegen Diskriminierung, LADS Salzburger Straße 21-25, 10826 Berlin Bis 2016 war die LADS bei der Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen angesiedelt. Gefördert vom im Rahmen des Bundesprogramms V.i.S.d.P: Pressestelle der Senatsverwaltung für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung Bildnachweis für alle Fotos: LADS Redaktion: Birgitt Wählisch Gestaltung: Anke Treichel Berlin, 2017 Diese Broschüre ist Teil der Öffentlichkeitsarbeit des Landes Berlin. Sie ist nicht zum Verkauf bestimmt und darf nicht zu Werbezwecken für politische Parteien verwendet werden. Sie kann kostenlos als pdf-Datei über http://www.berlin.de/sen/lads/schwerpunkte/rechtsextremismus-rassismusantisemitismus/landesdemokratiezentrum/ bezogen werden. 12
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.