565
Von den Franzosen schien nun ei» großartiger Plan zur Ein
nahme von Berlin gefaßt zu sein. Große Heerabtheilungen rückten
aus der Lausitz, von Magdeburg und von Hamburg vor. Das
Korps von Magdeburg ging nach Genthin, das von Hamburg über
Ludwigslust nach Grabow vor, beide sollten sich über Havelberg
die Hand bieten. Der Landsturm sollte ausrücken und Lager be
ziehen. Mir wurden die bewaldeten Höhen zwischen Toppel und
Nitzow zugewiesen und der Befehl ertheilt, beim Andrang des
Feindes mich auf Havelberg zurückzuziehen, mich mit dem 6. Bezirk zu
vereinigen, die Brücken und die Stadt auf's Aeußerste zu vertheidigen,
und wenn nöthig selbst abzubrennen, auch die Stadt nicht zu schonen,
weil der so wichtige Platz nicht preisgegeben werden könne. Doch
es kam nicht soweit. — Durch die Schlachten von Groß-Beeren,
Dennewitz, Moeckcrn und Hagelsberg, wo mein so werther Freund,
der Hauptmann von Bonin, erschossen wurde, und durch das com-
binirte Korps des Generals von Wallmoden waren die Franzosen
zurückgedrängt worden.
Das Korps des Obrist-Lieutenant von der Marwitz war zu
den Truppen des Ge
nerals von Bülow
berufen worden. Die
Besetzung der Elbe
mußte nun wieder
durch Landsturm ge
schehen.
Von mehreren
großen Gutsbesitzern
und Bewohnern der
Altmark wurde mir
bald darauf die An
zeige, daß das fran
zösische Gouvernement
in Magdeburg eine
Requisition an Ge
treide, Lebensmitteln
aller Art und Fourage,
Pferden, Rindvieh
und einer sehr an
sehnlichen Geldsumme
mit dem Vermerk aus
geschrieben habe, daß
die Orte, die sich der
Lieferung tvidersetzcn
würden, der Erde
gleich gemacht werden sollten, die ganze Provinz aber ruinirt sei,
wenn die Requisition beigetrieben würde. Daß dies seitens der
Franzosen keine bloße Bedrohung sei, würde dadurch bewiesen, daß
drei Bataillone mit vier Kanonen als Executions-Truppen von
Magdeburg ausgerückt wären. Die Deputation, welche mir diese
Anzeige überbrachte, legte auch gleich ein an die Präfektur deshalb
erlassenes Schreiben als Beweis vor. Daß hier nur schnelle und
kräftige Hülfe nützen könne, ersah ich gleich. Ohne Zögerung fuhr
ich nach Berlin und legte dem Gouvernement meinen Plan vor,
nach welchem von der Priegnitz 12 000 Mann Landsturm an drei
Punkten zugleich über die Elbe gehen und die Altmark besetzen
sollten. Das Gouvernement billigte meine Vorschläge und legte sie
dem Kronprinzen von Schtveden vor, von dem sie ebenfalls ge
nehmigt wurden, worauf die Ordre zum sofortigen Ausbruch an das
Kreisdirektorium und an den Landsturin-Divisionair Major
von Puttlitz per Estaffette nach Perlcberg geschickt wurde. Am
5. September war ich mit der Anzeige nach Berlin gegangen, am
9. September gingen 12 000 Mann Landsturm bei Sandau,
Werben und Wittenberge über die Elbe und besetzten die Altmark.
Mir wurde der Befehl, mit meiner Mannschaft eine Rekog-
noszirung gegen den Feind vorzunehmen, mich aber auf kein Gefecht
einzulassen, im Gegentheil, wenn der Feind vorrücke, auf die
Mannschaften des 5. und 6. Bezirks bei Arneburg mich zurückzu
ziehen. Eine Meile jenseits Stendal trafen wir französische Vor
posten, die sich aber aus das Hauptkorps in die Letzlinger Forst
zurückzogen und meine ausgestellten Feldwachen nicht weiter beun
ruhigten. Während dem war auch der Landsturm aus dem
Jerichowschen Kreise aufgeboten worden und bei Arneburg und
Tangermünde über die Elbe gegangen. Es war nun eine Chaine
von Magdeburg bis Parey durch den General-Lieutenant von Puttlitz
mit Landwehr, von Parey bis Lenzen durch Landsturm unter dem
Major von Puttlitz, von Lenzen und weiter durch die kombinirten
Truppen unter den russischen Generalen Wallmoden und Tscher-
nitschew, gebildet worden. Die Abwehr gelang. —
Nach acht Tagen traten die Franzosen den Rückmarsch nach
Magdeburg an, ohne ihren Zweck erreicht zu haben, wurden aber
noch durch ein Landwehr- und Landsturm-Kavallerie-Kommando bei
! Wollmirsteedt überfallen und ihnen 30 mit Getreide beladene Wagen
abgenommen.
Nachdem der
Priegnitzer Landsturm
10 Tage lang die
Altmark besetzt ge
halten hatte, wurde
er durch den Ruppin-
schen abgelöst. Die
Aufnahme der Prieg
nitzer Landsturm-
männer von seiten
der Altmärker war
dankbar und sehr ent
gegenkommend. Sie
erkannten die großen
Opfer und Dienste
an, die ihnen die
Männer durch das
Verlassen der Wirth
schaften gebracht hat
ten. — Außer cin-
zelneit Kommandos
und Eskortirungen
trat nun für de»
Landsturm Ruhe ein,
doch half jeder, wo
er tonnte durch Beisteuern und Lieferungen aller Art von Hause
aus nach Kräften, den Befreiungskampf weiter fördern. Nöthig
war es aber auch, daß die Männer heimkehrten. Größtenthcils
hatten vom Frühjahr an Frauen und Mädchen die Felder
beackert, ja sogar das Getreide mähen und einbringen müssen,
und daß dieses Alles immer willig und ohne Murren geschah,
war der beste Beweis für die gute politische Gesinnung und die
Vaterlandsliebe der Priegnitzer.
Auch ich konnte mich nun meiner wirthschaftlichcn Thätigkeit
unausgesetzt hingeben und war wieder ganz Dom-Amts-Admini-
strator. Bei einer Anwesenheit in Berlin wurde ich eines Tages von
mehreren Seiten als Ritter beglückwünscht. Ich konnte mir an
fänglich nicht erklären, wohin das zielte, erfuhr aber bald hernach,
daß der König die Gnade gehabt, mir am 30. Mai 1814 von
Paris aus das eiserne Kreuz am weißen Bande zu verleihen.
Meine Freude war sehr groß; ich eilte heim, diese Freude den
Meinigcn mitzutheilen und fand, zu Hause angekommen, eine
Königliche Kabinets-Ordre und das eiserne Kreuz vor. Es waren
. gleichzeitig fünf Kreuze am weißen Bande vertheilt, diese hatten
! erhalten: der General-Lieutenant von L'Estocq, Militär-Gouverneur,
Die rhenmlige Dorsig'sche Fabrik
in der Chausseestraße.
(Nach einem Stich aus dem Verlage der Gropius'schen Kunsthandlung.)