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Viertes Kapitel

Full text: Pienchens Brautfahrt / Stinde, Julius (Public Domain)

Viertes Kapitel. 
gute Laune; kein Vorfall der Zwischenzeit blieb ihm erspart, 
er mußte nachessen, was während seiner Abwesenheit ein- 
gebrot worden war. Von einer Reise einstmals kehrte er 
nicht zurück. Verlusten vorzubeugen, war er troß zunehmender 
Unpäßlichkeit gegangen, weit fort. Statt seiner kam Abends 
spät eine Depesche, die amtliche Todesanzeige. Um nächsten 
Morgen erfuhren die Schwestern, daß sie den Vater verloren, 
aber sie faßten nicht, was das bedeute, da sie ihn nicht ver- 
mißten. Für sie war er auf einer Geschäftsreise, wie so oft; 
sie warteten, bis er wieder einträte und rief: „Da bin ich!“ 
Ueber dem Warten verblaßte das Bild des Vaters allmälig, 
im Laufe der Jahre erlosch es. In die veränderten Lebens- 
verhältnisse fügten sie sich mit Rindersinn; das Neue und 
Ungewohnte, die schwarzen Rleider, der Verkauf des Ueber- 
flüssiggewordenen, der Umzug, das Alles kurzweilte sie. Als 
aber Pienchen der Kindheit entwuchs, als sie vor sich das 
Leben erschaute, da schreckte sie auf, und Bangen vor der 
Zukunft beschlich sie. Mit rastlosem Eifer ergab sie sich 
dem Lernen, Selbstständigkeit zu gewinnen. Ihre Kraft über- 
schätzend, hoffte sie, ihren Weg machen zu könnenz die Sorge 
war aber mächtiger als ihre Widerstandskraft. Die Nerven 
hätten gelitten, so sagte der Arzt, die müßten vorerst in Ord- 
nung gebracht werden. Nie hatte Pienchen sich elender ge- 
fühlt als auf dieser wohlthätig und stärkend gerühmten See- 
fahrt. 
„Alles ist Täuschung, Alles,“ sagte sie bitter, „nur bei 
Onfel Chlotar war es gut.“ 
Sie schloß die Augen. Es ward schattig um sie her, die 
Gedanken verloren sich in dem Schatten und hörten auf, sie 
zu plagen. Durch das Grau brach es dann hell hervor, 
wie blauer Himmel. KRiesbestreute Wege, von Blumenbeeten 
eingefaßt, traten hervor, ein Haus auch, ein altmodisches 
Giebelhaus und hohes Baumwerk. Sie sah sich selbst dort 
auf den Wegen, an der Hand eines freundlichen Mannes, 
mit einem bunt gestickten Sammetkäppchen auf dem leicht er- 
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