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Zweites Kapitel

Full text: Pienchens Brautfahrt / Stinde, Julius (Public Domain)

Zweites Kapitel. 7 
Un ihn hätte Hille nie und nimmer gedacht, als sie be- 
dauerte, Niemanden zum Abschiedsgeleit zu haben, und nun, 
da sie ihn gewahrte, fiel es ihr lästig, ihm dankbar zu sein. 
Ein Gruß, ein freundlicher Wink kostet so wenig, aber er 
wird schwer, wenn sich nur ein ganz wenig Scham daran 
hängt. Hille sah rechts. 
Und Theodor, als wenn er bei unrechtem Thun ertappt 
wäre, sah links. 
Dann aber fanden ihre Blicke denselben geraden Weg. 
Unter all den vielen Fremden war er der einzige, der 
sich um sie kümmerte, so bescheiden fern er sich auch hielt. 
Sie nikte ihm zu. Er schlug die dunklen Augen auf und 
seine Züge verklärten sich. 
Da pfiff die Lokomotive gellend und der Zug sette sich 
in Bewegung. Unverwandt hafteten Hille's Blike an dem 
leuchtenden Srohmuth, den ihr Gruß erweckt, und die wenigen 
Sekunden, welche ihr das schnaubende Eisenthier dazu ver- 
gönnte, waren ihr groß und herrlich, wie das Weilen an 
dem schönsten Aussichts5punkte der Erde. 
Der Zug fuhr in die dämmerhelle Sommernacht hinein. 
Berlin mit seinem künstlichen, über der gashellen Stadt 
schwebenden Nordlichtschein rückte mehr und mehr in den 
dunklen Horizont ein; er ward kleiner und kleiner. 
„Hille, Kind, sez Dich. Was hast Du an dem zugigen 
Fenster zu stehen? Es ist ja doch nichts Bekanntes da.“ 
„Wie Du: Dich-irrit,- Mama... Cheodor Müller: 7..." 
„Don die Klempnergesellschaft willst Du jetzt reden?“ 
„Von der Gesellschaft, Mama, von der!“ rief Pienchen 
aus ihrer E>Xe. 
„Bist Du wieder munter? Na ja, so wie Du Dich 
einigermaßen fühlst, fällst Du über mich her.“ 
„Die Präposition „von' regiert den Dativ.“ 
„Das kommt bei Klempners nicht darauf an. Die Leute 
sind uns viel zu nuttig, wir stehen höher und dürfen uns 
nichts vergeben, also laßt sie, wo sie sind. Zu einer Bade- 
7:
	        
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