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Erstes Kapitel

Full text: Pienchens Brautfahrt / Stinde, Julius (Public Domain)

Pienc<hens Brautfahrt. 
Er schenkte ein und legte mir eigenhändig von der 
Pastete vor. J<h war zu gerührt, daß ich essen konnte; aber 
ich aß doch. 
„Ich habe noch eine Bedingung,“ begann er. 
„Die wäre?“ 
„Sie dürfen keine der Hauptpersonen verloben. Die 
Nebenfiguren dagegen können Sie so viel verheirathen, wie 
Sie Lust haben.“ 
„Jeder Leser wird erwarten, daß Pienchen . ..“ 
„Wie wollen Sie einen zweiten Theil schreiben, wenn 
Pienchen verlobt ist?“ entgegnete er und räumte den Tisch ab. 
„Ih möchte Pienchen jo gern mit Myrthen kränzen,“ war 
meine Antwort. „Ich glaube ja, daß manches Mädchen 
aus buchhändlerischen Rücksichten zwei Bände lang warten 
und weinen muß, bis sie im dritten den Mann kriegt, der ihr 
von Anfang an zugedacht war, aber haben Sie Mitleid mit 
Pienchen.“ 
Er klingelte unerbittlich. Die Maid kam und schleppte 
die huldreiche Kritik hinaus. 
„Veberlegen Sie,“ sprach er. 
Ih war an das Fenster getreten und blickte hinab auf 
das Gewühl der Straße. Omnibusse, Pferdebahnwagen be- 
gegneten einander, die Leute, welche darin saßen, kannten 
sich nicht, theilnahmlos fuhren sie vorüber. Die Menschen 
auf dem Bürgersteige eilten daher, keiner kümmerte sich um 
den andern, jeden leitete sein eigenes Yorhaben. Keiner 
verrieth, was ihn trieb, ob Sorge, ob frohe Erwartung; für 
den Ausgang legt das Antlitß die Maske der Straßenglätte 
an. „Mache es ebenso, wie die da drunten,“ raunte eine 
innere Stimme mir zu. „Verlobe Pienchen heimlich, aber 
sage es nicht. Sei weltklug.“ -- Da fiel mir die Leberpastete 
schwer aufs Gewissen. Nein, einen solchen Verleger konnte 
ich nicht hintergehen. 
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