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Erstes Kapitel

Full text: Pienchens Brautfahrt / Stinde, Julius (Public Domain)

Pienc<ens Brautfahrt. 
„Ta'alihene,“ fragte ich, „auf welche Seite schlägst Du 
Dich? Wo wird der Tod, wo wird das Leben sein? Wofür 
entscheide ich mich?“ -- Er gab kein Zeichen. =- „Ich hätte 
Dein Schweigen voraussehen müssen,“ sprac< ich. „Deine 
Stunde ist Dein Geheimniß.“ 
So war ich denn auf meine Nebenmenschen angewiesen, 
daß der Kundigen Einer die Zweifel löse. Da reifte der 
Entschluß in mir, mich geradezu an einen Professor der neueren 
Literatur zu wenden. Der mußte es wissen. 
Professoren sind die geistigen Leuchten, welche der Staat 
auf geeignete Plätze stellt, wie der Magistrat die Laternen 
der Stadt. Da giebt es Thranlampen, Oellampen, Petroleum- 
lampen, Gasflammen, elektrische Glühlichter und das Alles über- 
strahleude Bogenlicht, in das man nur durch eine Schußbrille 
hineinschauen kann. Sie alle erhellen das Dunkel der Nacht 
wie die Professoren das Dunkel der Unwissenheit. Der Ma- 
gistrat stellt die Laternen nicht aus lauter Freigebigkeit hin, 
daß Verspätete den Weg finden und Schwanfkende sich an dem 
Pfahl hälten können, sondern legt für solche Uußzeinrichtungen 
die Steuer auf des Bürgers lastgewohnte Schulter. Deshalb 
hat auch Jeder, der dem Steuereinnehmer offen ins Gesicht 
sehen kann, das Recht, seinen Antheil der Nachtbeleuchtung 
in Unspruch zu nehmen, wie es ihm paßt. Dieses Verhältniß 
übertrug ich auf die geistigen Leuchten des steuereinziehenden 
Staates und kam zu dem Ergebniß, daß ich ebenfalls ein 
Unrecht auf Erhellung hätte. Allerdings schmolz mein Recht, 
als ich mein Bischen Steuer durch alle Professoren, Soldaten, 
Beamte, Kunstwege, Kanäle, öffentliche Bauten u. s. w. divi- 
dirte, auf ein Millionstel Pfennig zusammen, aber trotzdem 
ging ich. Denn ob der Anspruch groß oder klein . . . Recht 
bleibt Recht. 
Das Licht der neueren Literatur nahm mich mit achtung- 
gebietender Liebenswürdigkeit an. I< legte ihm den Zwie- 
spalt, der mich beunruhigte, in dringlicher Rede vor, ich sagte 
ihm Alles, was mich bewegte, =- vielleicht zu viel für den 
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