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Zwölftes Kapitel

Full text: Pienchens Brautfahrt / Stinde, Julius (Public Domain)

Zwäölftes Kapitel. 
Pienchen suchte ihren Ballherrn in Takt zu bringen. Ver- 
geblich; der Zweitritt war unausrottbar. Sie suchte sich 
von ihm zu befreien. Umsonst. Die knochigen Hände in 
den schwarznähtigen weißen Handschuhen faßten sie wie im 
Rrampfe. 
Bis zur Ee riß er Pienchen, bis dahin, wo die schöne 
Cüneburgerin und ihr Hofstaat unverhohlen jubelten und 
lachten. Einen BliK aufglühenden Hasses warf Pienchen der 
schönen Grausamen zu, einen herzzerreißenden Blik stummen 
Yorwurfes dem Gelbhandschuh, und dann war ihr, als lösten 
sich die klammernden Hände und sie sänke in eine schwarze, 
bodenlose Tiefe. 
Plößlich aber fühlte sie sich gehalten, hörte die Musik 
wieder, sah helle Lichter und befand sich im Rreise der Tanz- 
paare, als sei nichts geschehen. Nur ein anderer Tänzer 
führte sie leicht und sicher. 
Alles das war wie im Nu vorgegangen. Kaum gewahrte 
Dr. Haller, wie der Kollaborator und seine Dame zum Ge- 
spött geworden waren, als er rasch hinzusprang, Pienchen 
umfaßte und vor dem Umsinken bewahrte. Und wie er sie in 
den Tanz hineinzog, so entraffte er sie der Ohnmacht, die aus 
der lachenden EXe auf sie eindrang und sie niederzuwerfen 
drohte. 
„Darf ich auch um den nächsten Tanz bitten ?“ fragte er. 
„Lach Bause,“ flehte Pienehen. „Nach Hause!“ 
Er fühlte, wie sie schwerer und schwerer ward. „Fassung,“ 
raunte er ihr zu und geleitete sie aus dem Saale. 
Die Mutter kam. „Pienchen, Du bist ja ganz blaß ge- 
worden. Kannst Du das Tanzen nicht vertragen?“ 
„Es war zu heiß drinnen,“ sagte Dr. Haller. 
„Su heiß,“ fuhr es Pienchen durch. Hatte Dr. Sattler 
ihr nicht vorher gesagt, es würde heiß sein, zu heiß? Ach, 
nun ward ihr klar, man hatte sich einen Scherz mit ihr erlaubt. 
Darum war das Skelett so ausstaffirt, darum erschienen die 
Herren mit einem Male im Saale. Darum! Darum! Dr. Sattler 
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