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Zehntes Kapitel

Full text: Pienchens Brautfahrt / Stinde, Julius (Public Domain)

Zehntes Kapitel. 
Troß ihrer Schwäche stand Frau Lotz plößlich kerzen- 
grade auf beiden Beinen. „Gott bewahre!“ rief sie voller 
Entrüstung. „Da kann man ja den Tod von haben. Erst 
giebt sie Einen flüchtiges Element ein und dann macht sie 
Einen platschenaß, wo meine Nerven nicht'n Spier Raltes 
vertragen. Nun kann ich mi von Kopf zu Fuß um- 
ziehen.“ 
„Ich wußte nicht . . .“ stotterte Pienchen. 
„Mein Gott, sind Sie denn so ungeschickt, daß sie flüch- 
tiges Element und Hoffmannstropfen nicht von'n ein kennen? 
Die Tropfen sind belebend und das flüchtige Element, das 
stinkt und darf ja und ja nicht innerlich verwechselt werden, 
weil doch Gift zwischen ist.“ 
Pienchen half Frau Lotz beim Umkleiden. „Sie haben 
zu Hause wohl nie was angefaßt?“ fragte diese. =- „Jh be- 
schäftigte mich mit den Wissenschaften.“ =- „Das merkt man 
gleich. Bei uns sagen sie: je gelehrter, je verkehrter. Mir 
ist all' das Wasser in'n Rücken längs getrieben; das kann 
unmöglich gesund sein.“ 
„Ist das flüchtige Element sehr giftig?“ fragte Piencheu 
besorgt. 
„Egitt, es sme>t so slecht, herunter hab ich nicht 
viel gekriegt: Das wird sich wohl inwendig ebenso 
vertheilen wie auswendig. T<h glaube aber, Sie haben 
viel mehr Talent zum Rinderwarten, als eine kranke Srau 
aufzupassen, bei Rindern kommt es da ja auch nicht so 
auf..an.“ 
Pienchen nikte stumm. In ihren Augen brannten die 
verhaltenen Thränen. 
„Denn sehen Sie, ich kann Sie nicht gebrauchen, mir 
sind Sie zu unerfahren. Es war sehr unrecht von Jhrer 
Mutter, Sie zu empfehlen, die mußte Sie doch kennen. Das 
verdenke ich ihr. Das sagen Sie ihr nur. Unverantwortlich 
war es von ihr. Unverantworlich! Und Ihr Lesen ist auch 
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