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Sechstes Kapitel

Full text: Pienchens Brautfahrt / Stinde, Julius (Public Domain)

Sechstes Kapitel. 
„Ohne Srage; ein Professor hat doh mehr Rechte, 
als bloße Doktoren. Und wie wird es mit Pienchen?“ 
„Abwarten, Verehrtester. In den ersten Tagen lief die 
Familie Lahmann ohne jeglichen Anhang herum und fand 
unter dem Druck der Vereinsamung Sylt einfach abscheulich. 
Morgens beim Aufstehen schalt die Alte und beim Zubett- 
gehen hat sie statt des Abendsegens mehrere Abendflüche ge- 
sprochen und das freundliche Westerland ein infames ver- 
dammtes Nest geschimpft, das liebe Westerland, dem Alle so 
gut sind, die einmal dort waren. Unterschiedliche Male hat 
es lauten Zank gegeben -- die FSlurnachbaren haben es ge- 
hört und Eschels Meike gleichfalls -- als sie das Fußzeug 
von der Thürmatte holte -- man konnte nur nicht verstehen, 
worüber sie sich in die Haare gerathen waren. Eschels 
Meike erzählte in der Küche, Eine hätte wahrhaftigen Gott 
auf den Tisch geschlagen, aber Frau Eschels sagte, wenn sie 
sich noch einmal unterstände, zu horchen, könnte sie ihre 
Plünnen zusammensuchen und machen, daß sie weg käme. 
Das ist denn nun der Meike schreXlich nahe gegangen, daß 
sie beim Pußzen immer auf die Schuhe geweint hat, und 
weder die drei Paar Lahmann'schen ordentlich blank wurden, 
noch Herrn Runfts Stiefel, der ebenfalls dort wohnt. 
Hille sagte: an der Tabledhote wäre es zu gemüthlich, 
weil die Mutter sich vor der Nachbarschaft scheute und das 
Müttagbrod nicht verknurrte, wie immer zu Hause, wo alles 
mit Scheltsoße begossen würde und das beste Essen schlecht 
schmecke. 
„Gestern die Frikadellen waren großartig,“ sagte Hille, 
„Es heißt nicht Frikadellen, sondern Frifandellen mit 
nasalem ang,“ sagte Pienchen. 
„Was sollte wohl? Frikadellen!“ 
„Srikandellen. Blamire Dich doch nicht.“ 
„Kinder, was wollt Jhr Euch über die alten, ekligen 
Fremdwörter streiten,“ mischte sich die Mutter ein, „sprecht 
lieber Deutsch und saat Bouletten.“ 
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