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Full text: Berlin eine französische Stadt (Public Domain)

reinigung, durch Schuld der Zeitungen und Unterhaltungsblätter, 
der Wissenschafter, Kaufleute und Gewerbtreibenden, durch die 
größere oder geringere Mitschuld mehr oder minder aller und 
aus den verschiedensten Gründen das Französische wie eine Hoch- 
flut ins Deutsche eindringt, ein deutsches Wort nach dem andern 
verdrängt und sogar der Bildung ganzer Sätze ein fremdartiges 
Gepräge aufdrückt, welches mit dem deutschen Sprachgeist im 
Widerspruch steht, – diese Thatsache wird ja in Frankreich 
weit mehr beachtet und viel lebhafter besprochen, als der gute 
Deutsche, der nie aus seinen vier Pfählen herausgekommen ist, 
ahnt; es werden aus ihr Schlüsse gezogen, die uns wenig an- 
genehm sein dürften und gegen die wir doch nichts Triftiges ein- 
zuwenden haben; sie wird in einer uns sehr nachteiligen Weise 
benutzt von den Franzosen überall da, wo unsere Sprache mit 
der französischen um die Herrschaft ringt. – Einen schweren Stand 
hat im Ausland der Deutsche, dem die Ehre des Vaterlandes 
am Herzen liegt, gegenüber dem Befremden der anderen Völker 
über diese freiwillige Sprachverschändung und Sprachschändung, 
einem Befremden, das in Deutschland selbst in weiten Kreisen 
unbekannt ist. Wie oft hatte ich nicht von meinem Pariser 
Freunde und von andern Franzosen die erstaunte Frage gehört: 
„Ist es möglich? Haben wirklich die Deutschen für dies alles 
keine Ausdrücke ?“ „Ja“, lautete meine Antwort, „sie haben 
sie freilich, oft drei für einen, bei der Verschwendung der Wort- 
formen, die der Reichtum ihrer schönen Sprache ihnen in den 
Schoß schüttet. Aber sie machen's mit der Sprache, wie Eure 
reichen französischen Bürgersleute es machen mit ihren stattlichen 
Wohnungen. Alle die behaglich und glänzend ausgestatteten 
Zimmer und Säle lassen diese unbenutzt, um ihr Leben zu- 
zubringen in einem unwohnlichen Speisezimmer oder gar in der 
Küche. So auch läßt der Deutsche den Reichtum seiner herrlichen 
Muttersprache, der wie ein frischer Quell sprudelt, – denn das 
Deutsche ist ja eine Stammsprache und bildet wie eine Fürstin, 
eine Königin unter den Sprachen mit der Macht und dem 
Rechte der Ursprünglichkeit aus ihrem unerschöpflichen Schatze 
die Ausdrücke selbst, so viel sie deren will, – diesen Reichtum 
seiner Muttersprache läßt der Deutsche ungenutzt verkümmern 
und zieht es vor, von einer Mischsprache sich kümmerliche 
Brocken zu erbetteln. Warum? Das mögen die Götter wissen! 
Es ist einmal so sein Geschmack. Und über den Geschmack läßt 
sich bekanntlich nicht streiten. Der Deutsche fühlt sich nun einmal
	        
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