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Full text: Berlin eine französische Stadt (Public Domain)

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Wort zu finden: Rauchrolle; die unnüßesten französischen Aus- 
drüce dagegen zu vermeiden kommt ihnen nie in den Sinn. 
Das heißt Müden seigen und Kamele verschluken. Nein, ein 
sittlicher Schade liegt vor; „verflucht“ muß werden die „böse 
Angewöhnung“. Eine Willensfrage ist es, eine Frage der 
Selbstz ucht, der Aufmerksamkeit auf sich selbst, der Herrschaft 
über sich selbst. Manchen Leuten gegenüber braucht man den 
Punkt uur zu berühren, gleich stimmen sie ein: „Ja es ist traurig; es 
müßte (sehr bezeichnend dies müßte anstatt muß) besser werden.“ 
In demselben Augenbli> aber brauchen sie ein französisches Wort 
nach dem andern. Ungebildete halten sogar Moment, retour und 
dergl. für deutsch. Wer wollte es ihnen verargen? Hier müßte 
also der Deutsche Sprachverein aus dem Gelehrtenzimmer heraus 
sich mitten unter da8 Volk wagen mit kurzen Verzeichnissen. der 
gebräuchlichsten, entbehrlichsten Fremdwörter. Dann begegnet es 
den sog. „Gebildeten“ vft, daß sie suchen nach einem Worte, 
welches doch ganz nahe liegt, -- vergeblich! So weit sind wir 
berveit38 gekommen: Das fremde Wort ist bekannt, das deutsche 
nicht. Dies Schimpfliche müßte zu allgemeinem Bewußtsein ge- 
bracht werden, daß für uns das Deutsche bereits anfängt eine 
fremde Sprache zu werden. Vor allen Dingen aber müßte der 
deutsche Sprachverein ins Gericht gehen mit denen, die sich an 
unserm Volke versündigen. Unterhaltungsschriftstellern und 
Scriftstellerinnen müßte ihre. Ehrlosigkeit vorgehalten werden 
(e3 kann nicht milder bezeichnet werden), = wenn sie nicht 
deutsch schreiben, weil sie nicht wollen, wenn sie absichtlich 
so undeutsc< wie möglich sich ausdrücken. Besonders schamlose 
Zeitungsspalten müßten an den Pranger gestellt werden und 
die deutsche Uebersezung beigefügt, stellenweise müßten sogar 
die französischen Ausdrücke gezählt werden. =- Was not thäte, 
das wäre für jeden Deutschen ein guter Geist, der ihn jeden 
Augenbli> anstieße, daß er sich erinnert: „Ja richtig, das kann 
ich ja ebenso gut deutsch sagen.“ Bei manchen Leuten müßten 
es sogar Peitschenhiebe sein. Besser, sie kommen jezt und von 
innen, als später von außen. 
Freilich wer will den Deutschen Sprachverein tadeln, wenn 
er zu zahm, zu -langsam vorgeht? Vor einiger Zeit hatte er 
sich aufgerafft zu einem Entschluß mit einer Eingabe (Petition) 
an den Minister ves Unterricht8, es möchte in den Schulen 
seinen Bestrebungen Rechnung getragen werden. Was war ge- 
mäßigter, selbstverständlicher als diese Forderung: Die deutsche
	        
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