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Full text: Berlin eine französische Stadt (Public Domain)

die Sprache Fausts unv Gret<ens zugleich.“ „Aber was 
fümmert mich dies Deutsche von ehedem, welches heute tot 
und begraben ist“, fiel der Schweizer ein. „Ihr seid Eurer 
großen Vorfahren, eines Lessing, eines Göthe und Schiller 
niht mehr würdig. Sie kennen die Verhältnisse in Frei- 
burg“, wandte er sich .an mich; „ih bin bisher dabei ge- 
blieben, meinen Kindern eine deutshe Erziehung zu geben. 
Aber meine Frau dringt seit lange darauf, es müsse Franzö- 
sisc< sein. Der heutige Gang durch die Straßen Berlins 
hat meinen Entschluß gereift. Denn wenn ich wissen will, was 
aus meinen Kindern werden soll, so muß ich ein Volk ansehen, 
nicht wie es war, sondern wie es ist. DaS3 Deutsche von 
heute, welches in geflictem und zerrissenem Kleide einhergeht 
wie ein Strolch unter den Sprachen, in dem sollen meine 
Kinder nicht erzogen werden“. „Wie könnte ich Sie tadeln?“ 
lautete meine Entgegnung. „Sind mir doch Landsleute vorge- 
kommen, die anfingen zu erzählen: In Freiburg. Und wie auf 
einem Fehler ertappte Schüler verbesserten sie sogleich: Fribourg. 
Man sollte nur einmal von ihnen verlangen, versuchsweise 
zu sagen Nanzig anstatt Nancy, == man würde schön an- 
kommen. Da sagen sie lieber Eau- de Cologne.“ = Der Vlam- 
länder hatte s<weigend dem allen zugehört. Die Thränen standen 
ihm in den Augen. „Und wir“, fragte er, „was wird aus 
uns?“ Es klang etwas in seiner Stimme wie die Verlassenheit 
und Hilflosigkeit eines Kindes. „Ja Jhr,“ antwortete ich, „wer 
fümmert sich um Euch? Wer versteht in Deutschland, was bei 
Euch vorgeht? Wären wir nur entfernt, was wir sein sollten, =- 
nichts Rührendere3 und Herzergreifendere3 könnte es für uns 
geben als die vlämische Bewegung. Wie aus der winterlichen 
Erde unter der weißen Hülle das Schneeglö&<en sich hervor- 
wagt, so ist dort in der Ferne, getrennt vom Stammlande 
durch einen breiten Strich verwelschten Gebiets, unbeachtet von 
der großen Heimat, ohne Ermunterung und Unterstützung, die 
vaterländische Zunge, die schon erstorben war, aus sich selbst 
wieder lebendig geworden. Wir Deutschen aber, was thun wir 
während des bei uns? Alles, was in unseren Kräften steht, 
um die eigene Sprache aus der Welt zu schaffen! Und der 
junge Deutshe, der morgen nach Brüssel abreist, sagt 
mit gedkenhafter Selbstgefälligkeit: „Dort muß man natürlich 
französisch sprechen?“ Er weiß nicht, daß im Brüsseler 
Schloßgarten die Kinder beim Verstekspielen einander 
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