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Full text: Berlin eine französische Stadt (Public Domain)

=. ( =... 
eine veränderte Welt trat ich hinein. Wie wenn jemand die Stätte 
seinex Kindheit nicht wiedererkennt, so fand ich das Deutschland, 
welches ich verlassen, nicht wieder. Die Verwelschung hatte 
alles überwuchert. Wie dem Wanderer von Schumann, war für 
mich, was sie reden, leerer Schall geworden; und ich seufzte mit 
ihm: „Wo bist Du Land, das meine Sprache spricht?“ Und 
als nun gar die Deutschen anfingen, mir vorzureden von den 
Versuchen, die gemacht würden, unserve Sprache von Fremd- 
wörtern zu reinigen und daß es doch allmählich immer besser werde, 
da griff ih an meine Stirn und fragte mich, wie einst Massimo 
d'Azeglio gegenüber seinen piemontesischen Landsleuten: „Bin 
ich verrückt oder sind es die andern?“ Was, besser soll es 
werden? Ihr, die Jhr beständig geblieben seid in der stets 
schlechter werdenden Luft, Ihr seid wohl die allmähliche, unmerk- 
liche, aber unaufhaltsam fortschreitende Veränderung zum Schlechten 
nicht gewahr geworden. Mir aber, der ich plößlich nach langer 
Abwesenheit das Jeht mit dem Einst vergleiche, mir steht sie in 
erschrefender Klarheit vor Augen. Besser joll es ge- 
worden sein? Zehn Mal schlimmer ist e8 geworden, so 
schlimm, daß überhaupt zweifelhaft erscheint, ob noch Besserung 
möglich ist. 
Während ich diese Gedanken austauschte mit dem Pariser 
beim Hinausgang aus dein Bahnhof, stieß ihn im Vorübergehen ein 
Herr mit dem Ellenbogen. Höflich griff letzterer an den Hut und, 
verbindlich sich verneigend, rief er: „Pardon“. „Mais, mon 
cher“, jagte der Franzose zu mix, „81 je wWetais pas avec 
vous, Si J'etais avec quelques-uns de mes compatriotes, 
je me croirais en France. Tiens ? On dit donc „pardon“ 
en Allemagne? Je croyais qu'il y avait pour cela un 
mot en allemand?“ „I y en a bien un“, erwiderte ich 
ihm, „seulement on ne S'en gert jamais. Pour vous 
faire comprendre la chose comme elle est, voici une 
Supposition ! Denken Sie sich also,“ sagte ich ihm, „ein Bankier, 
wie es so deutsch lautet, verpflichtete sich mir gegenüber zur 
Zahlung von 10 Pf. jedesmal, wo ein Einwohner der Reichs- 
hauptstadt sich des französischen Ausdrucks pardon bedient. Dann 
wollte ich getrost mich anheischig machen jedezmal, wo man 
anstatt dessen das deutsche „Verzeihung“ hört, 1, 5, 140, 
ja 20 Mark zu zahlen; und in kurzer Zeit wäre ich ein 
reicher Mann. Den gleichen Versuch (Experiment auf Deutsch) 
könnte man anstellen mit den Ausdrücken: Moment und Augen-
	        
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