Nr, 98.
Zentralblatt der B&nverwaltnng.
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als Kaiserresidenz erst unter Heinrich II. deutlicher hervor
trete. Die so naheliegende Vermutung, daß unter diesem Kaiser,
der oft in Goslar weilte, die Pfalz in einen Fürstensitz erweitert
worden sei, wie es die stattlichen Versammlungen der Reichs
fürsten erheischten, bestätigt der durchaus glaubwürdige Chronist
Thietmar mit den Worten: „Villam tune multum exeoluit“, d. h.
er verschönerte um vieles den Herrnhof. Aber mehr noch als das:
durch M. G. Legg, II, 2, 173 ist erwiesen, daß 1019 bereits die
von der Pfalz südlich gelegene Kapelle (S. IJlrici) vorhanden war.
Die auf dem andern Flügel der Pfalz gelegene Kirche U. L. Frauen
ist unter Konrad II. entstanden. Denn nach M. G. S. S. XI, 210
(Wolfheri vita Godehardi episcopi) hat der Bischof Godehard von
Hildesheim (f 1038) am Ende seines Lebens auf Bitten der Kaiserin
in der curtis regalis eine Kaiserkapelle („Capelia dominae nostrae")
gebaut, unter der nur die Liebfrauenkirche verstanden sein kann.
Ist nun Godehard hier als tätig erwiesen, so möchte vielleicht
daraus zu schließen sein, daß derselbe auch der Schöpfer der archi
tektonisch so merkwürdigen Ulrichskapelle gewesen ist. Unter
Heinrich III, wurde die Pfalz „der herrlichste Kaisersitz des
Reiches“. Zum Zeichen dessen eihob sich gleichzeitig mit dem
spätestens 1047 gegründeten Dome (Urk. B. 1,40) das neue Palatium
(M. G. S. S. XII, 230). Wer der Baumeister dieser nach einstimmi
gem Urteil der Zeit großartigsten Bauwerke gewesen, ist leider
nicht überliefert, aber die Annahme, daß der berühmte Benno (II.)
dabei zugezogen ist, hat doch mehr als den Schein der Wahrheit
um sich. Denn Benno, ein geborener Schwabe und Schüler Her
manns des Lahmen von Straßburg, wurde nach Vollendung seiner
Bildung auf der königlichen Anstalt in Speier vom Kaiser Hein
rich III. ohne Zweifel deswegen nach Goslar berufen, weil das Ge
rücht seiner Gelehrsamkeit dorthin gedrungen war. Wenn nun
aber feststeht, daß Benno, zum Archipresbyter in Goslar und
zugleich zum Domprobst in Hildesheim befördert, bald nachher
von Heinrich IV. wegen seiner bautechnischen Kenntnisse als
königlicher Rat und Oberintendant des sächsischen Bauwesens be
stallt worden ist, oder um mich der Worte in dem Aufsatz selbst
zu bedienen: wenn Benno, in allen Künsten und Wissenschaften
erfahren, besonders auch in der Baukunst ein hervorragender
Meister gewesen ist, der mit allen öffentlichen Geschäften in der
Pfalz betraut, alles am Hofe in Goslar geleitet hat: so ist damit
die Vermutung, daß Benno, der schwäbische Meister, den Pfalz
bauten von Anfang an nicht femgestanden hat, vollgenügend
unterstützt, ich möchte ihn sogar auch für das hochmerkwürdige
kaiserliche Chorherrnstift S. Georgii als Baumeister in Anspruch
nehmen.
Die Nachricht der Chronik, daß das Kaiserhaus im Jahre 1065
„abgebrannt“ sei, ist so aufzufassen, daß der Bau nur durch eine
Feuersbrunst beschädigt ist: denn wenige Monate nachher berief
dahin der Kaiser eine Fürstenversammlung, und das Weihnachtsfest
sah ihn wieder in den trauten Hallen. Auch 1071, wo die Sachsen
sich anschickten, die Pfalz Goslar zu zerstören, tritt sie noch „als
hochherrlicher Palast“ hervor (vergl. U. B. I, 193. Anm.). Unter
Lothar stürzte 1132 bei einem Hoffeste die Pfalz ein; obwohl un
deutlich ist, was die Worte: „palatium cum Omnibus ruit“ be
deuten, darf angenommen werden, zumal weil schon 1136 wieder
ein Fürstentag in Goslar war, daß nur ein Teil des Hauses ein
gestürzt ist. Seit der Hohenstaufenzeit und namentlich nach der
Plünderung Goslars im Jahre 1206 (nicht 1199), wobei der welfische
Heerführer Kaiserhaus und Dom als seines königlichen Herrn Gut
schonte, trat die Pfalz mehr und mehr ins Dunkel. Des Kevseres
pellentze wurde zum scepelhuse, worin die Vögte die ganz ge
ringen noch übrigen Gefälle in Empfang nahmen, daneben unter
des Königes Bann Gericht hielten. Zum Königsgelde gehörte
auch der Judenzins, der zur Erhaltung des Gebäudes angewiesen
wurde. Im Jahre 1290 legte eine verheerende Feuersbrunst einen
großen Teil des Gebäudes in Schutt und Asche nieder: vermutlich
wurde damals außer den Hinterräumen, die im 14. Jahrhundert als
wüst genannt werden, der nördliche Flügel zerstört und das ganze
Dachgestühl weggerissen; nur letzteres wurde wiederhergestellt,
und der Rest des Gebäudes zu mancherlei Zwecken eingerichtet. —
Bei so gesicherter Grundlage der urkundlichen Ueberlieferung
über das Schicksal der Goslarischen Kaiserpfalz sollte man nicht
erwarten, daß jemand aus den vorhandenen Bauformen zu dem
Ergebnis kommen könnte, das jetzige Kaiserhaus in seiner ganzen
Anlage sei ein neuerer Bau aus dem 12., oder wahrscheinlicher
noch, aus dem Anfang des 13. Jahrhunderts. Wenn nur gesagt
wäre, in dem jetzigen Gebäude wären nicht viele Reste der älte
sten Anlage übrig, so wäre darüber zu streiten gewesen. Aber
als unberechtigt muß der Schluß gelten: weil alle Reste der andern
kaiserlichen Pfalz- und anderer Burgen in die Zeit von 1160—1220
zu setzen, so könnte auch dem Goslarischen Palast kein höheres
Alter zuerkannt werden, um so weniger, als die Fensterstellungen
eine entwickeltere Baukunst und Formenwelt verrieten, als jene
Bauten. Diese letztere Tatsache zugegeben, so ist damit der Saal
bau selbst noch nicht als neu erwiesen, wenn die Ornamente darin
neu sind. Um seine Annahme zu stützen, daß das Kaiserhaus nicht
vor dem 12. Jahrhundert gebaut, wahrscheinlich aber erst im An
fang des 13. Jahrhunderts entstanden sei, bringt der Verfasser vor,
daß im Anfänge des 13. Jahrhunderts in Goslar eine rege Bautätig
keit bestanden hätte, indem damals die Neuwerks- und die Pfarr
kirchen, und ebenso auch der Dom, dessen erhaltene Vorhalle sehr
späte Formen zeige, in der Hauptsache Entstanden wären. Der
Beweis ist recht unglücklich: denn ein Blick genügt, um zu er
kennen, daß die Klosterkirche Neuwerk, die jener Zeit angehört,
mindestens um ein Jahrhundert jünger ist als die Pfarrkirchen,
die noch rein romanische Anlagen sind und bislang auch von
allen Bauverständigen in das 12. Jahrhundert hinaufgerückt sind.
Die Frankenberger Kirche ist auch nach den Urkunden im An
fang des 12. Jahrhunderts erbaut. Aber der Verfasser hätte sich
einmal die Frage vorlegen sollen, wie im Anfänge des 13. Jahr
hunderts, nach der Plünderung Goslars und zumal nachdem alles
Interesse der Kaiser an der Vogtei Goslar völlig geschwunden
war, dieses gewaltige Gebäude mit einem *,Saal, der ganz einzig
in seiner Art dasteht“, und der unleugbar für große Versamm
lungen bestimmt war, hätte entstehen sollen? Wer soll es denn
erbaut haben? Wie gesagt, der Schluß von den noch vorhandenen
Kunstformen auf das Alter des Gebäudes ist nicht gerechtfertigt
und hat den Verfasser auch irre geleitet in seiner Behauptung,
daß der Dom, der durch viele Urkunden als romanischer Bau des
11. Jahrhunderts bezeugt ist, erst im 13. Jahrhundert erbaut sei,
weil die Vorhalle dieser Zeit angehöre. Der Verfasser hätte seinen
Aufsatz schließen sollen; Die noch vorhandenen, wenn auch nicht
zahlreichen Bruchstücke romanischer Architektur lassen an dem
Vorhandensein einer älteren Anlage keinen Zweifel zu, besonders
angesichts der vielen Kaiserbesuche und urkundlichen Nennungen.
— Es bleibt also bei dem, was feststeht:
Die Anlage des Goslarischen Kaiserhauses reicht ins 11. Jahr
hundert zurück, an dem Gebäude ist aber, wie natürlich, in der
langen Zeit soviel geflickt und geändert, daß von den ältesten
Kunstformen nur noch zerstreute Trümmer übrig sind; welche
das im einzelnen sind, darüber werden sich die Architekten trotz
vorgeschrittener Erkenntnis wohl niemals einigen.
Hierzu äußert sich Herr Max Bach folgendermaßen:
Zunächst ist zu bemerken, daß in der ursprünglichen Fassung
meines Aufsatzes die Baugeschichte des Kaiserhauses ausführlicher
behandelt war, was jedoch, auf Wunsch der Schriftleitung, wegen
Raummangel gestrichen worden ist. Die vorhandene Literatur,
ebenso das Goslarer Urkundenbuch ist sorgfältig benutzt worden
und ist mir keine der von Dr. Hölscher angeführten Stellen un
bekannt geblieben.
Ich habe keineswegs bestritten, daß Kaiser Heinrich III. und
seine Nachfolger in der Pfalz gebaut haben, nur kann das auf
uns gekommene Gebäude nicht in seine Zeit zurückreichen, noch
weniger von Benno erbaut sein, welcher kein Baumeister, sondern
nur der Berater des Kaisers in Bausachen war. Die ganze Fenster
architektur des Saales ist und bleibt ein Werk des dreizehnten
Jahrhunderts, ja selbst der Unterbau mit seinen Kleeblattbögen
und Spitzbogengewölben, ist bis auf die Grundmauern aus der
selben Zeit. Demgemäß steht unerschütterlich fest, daß ein um
fassender Neubau im Laufe des dreizehnten Jahrhunderts erfolgt
sein muß.
Bezüglich der Baugeschichte des Domes ist sicher, daß seine
Einzelformen, soweit sie uns überliefert sind, denjenigen des
Kaiserhauses entsprechen. Der Dom zeigt jedoch keinenfalls
Formen, die auf die Zeit Heinrichs III. zurückzuführen sind. Ur
kundlich steht fest, daß um die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts
ein Neubau entstanden ist. Gleichzeitig wurden auch die Pfarr
kirchen, nebst der Frankenberger und Neuwerkskirche umgebaut.
Ueber die Benno-Frage, die für mich keine Frage mehr ist,
will ich mich hier nicht weiter verbreiten und nur erwähnen, daß
ich auch darüber in der ersten Fassung meines Aufsatzes ausführ
licher gesprochen habe.
Dazu bemerkt Herr Hölscher:
Das Vorstehende läßt mich nur den Wunsch ausBprechen, daß
der von Herrn M. Bach veröffentlichte Aufsatz unbefangen ge
prüft werde, ob dort gesagt ist, daß ein umfassender Neubau
des Kaiserhauses im dreizehnten Jahrhundert stattgefunden habe,
und nicht vielmehr klar und deutlich, daß nicht vor dem Ende des
zwölften, wahrscheinlich aber erst im dreizehnten Jahrhundert das